Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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4 Nach Sreslau - Chemnitz. Ei» jüdischer Bürger blutig geschlagen. Noch hält die Erregung über den völkischen lieber fall auf friedliche j ü d i f ch e S P n z i e r g ä n g e r in Breslau an, und schon wieder wird eine Untat ähnlicher Art aus Chem- » i b gemeldet. Das P o l i z e i p r n s i d i u IN i n E h c IN II i tz gibt darüber folgenden Bericht aus: „Am vergangenen Sonntag durchzog eine Ableitung der hiesigen ...io.w-.. <r> l : - „ r f « t; ft; f «r, n j k.sr v 1, n lsozi a l ist i sehe ntsehen Ortsgruppe Arbeiterpartei in Stärke f i n g u n g e i n e 8 SP o t t l ie d e? ans die Jude, stratze in Richtung Schauspielhaus. I» der Nähe Klosterstraße schlugen inehrcre Augteilnehiner o jüdischen Ge schä sts in h a de r , der vor seine aus dein Fußweg stand, ein und brachten ihn! eine b l Verletzung aus dein Kopse bei. Ein in der Nähe befindlichcr Pvlizeibenmter schritt sofort ein. Während dieser Bcantte sich mit dem Führer des Zuges befaßte, der mit seiner Abteilung weitermarschicren wollte, schlugen einige Zngtciliwhincr, ohne daß es der Beamte verhindern konnte, erneut a u s d e n B c r lch ten ei n. Mit Hilfe eines inzwischen cingetrosfenen Polizeiübersalllonimaiidos wurde hierauf die gesamte Abteilung der Naiionnlsozialsten nach der Polzeihnuptivache gebracht. Nach Festsielliiiig des Sachverhaltes gelangten die Sistierten >vieder zur Entlassung bis auf vier 'Uiaun, die vermutlich als Täter in Frage lvnnncn und der Sianisamvaltschaft zugesührt wurden. Die genauere Aufklärung des Anlasses zur Schlägerei muß noch erfolgen. Der Geschlagene soll nach Aussage der Zugteilnehmcr diese beim Vorübermarsch durch beleidigende Zurufe und Gebärden herausgefordert haben. Der Verletzte bestreitet das. Seine Aussage wird von einer freiwillig mit ans der Wache erschienenen Zeugin gestützt." Der so schlvcr Geschlagene, ein allgemein geachteter Gcschästsmann und langjähriges Mitglied uiiseres Vereins, von dein zwei Brüder an der Front gcsalleu sind, bestreitet entschieden, auch nur im geringsten den völkischen Trupp hcransgefordcrt zu haben. Er hätte sogar versucht, dem Zuge auszuwcichen. Die blutige Wunde am Kopse, die 5 Zentimeier lang und 2 Zentimeter tief ist. wurde dadurch verursacht, daß ein Tambour der Nationalsozialisten ihm mit dem unteren, mctallbcschlaacne» Teil seines Trommelschlägers wuchtig aus den Kopf schlug. Tue Wunde mußte von dem Polizeiarzt auf der Hnuptivache verbunden werden. Das Lied, ivelches von den Nationalsozialisten gesungen wurde, lautete: „Schmeißt sie raus aus n n s c r m B a b e r l a n d e, s ch l a g t s i e tot, die ganze I u d e n b a n d c; psni, I ud en r e Pn b l i k!" Wir wollen hoffen, daß die Chemnitzer Polizei mit allen Machtmitteln eiugreist, um derartig beschnmeule Vorkommnisse von setzt ab ansznschalten. Nachträgliche Neufahrswunsche. Ein christlicher Freund unsere»! Sache schreibt nnSt Noch immer schießt die Saat der völkischen „Anfklärung" üppig ins Kraut, und es scheint, viel, sehr viel mühsame Arbeit: wird noch zu leisten sein, um das häßliche Gestrüpp mit Stumps und Stiel ansznrvlten. Zuv Illustration nur eine kleine Auslese — wahllos heränsgerissen aus den Ereignissen der jüngsten Zeit: Die Münchener Filinprüsstelle bcanstnndeF den Film „Nathan der Weise", weil ein Jude im Vordergründe deS Interesses stehe und dadurch «ine Storung der vssciitlichen Orvmmg zu befürchten sei-. Nach der „C, V,-Zeitung" und anderen Tageszeitungen verbittet sich ein todkranker Gymnasiast bei seinem Begräbnis das Geleit jüdischer Mitschüler-. Ein höherer Schnlverivalinngsbeamter führt gelegentlich der Sitzung einer städtischen Körperschaft begründete Klage darüber, daß es fast ausgeschlossen ist. jüdische Schulmänner, deren Pädagogische und Persönliche Eignung über jeden Zweifel erhaben ist, zur Anstellung im öffentlichen Lehramt zu bringen. Wie Zur Bestätigung deS Notschreis stottert dem Verfasser dieses Aussatzes gleich nach diesem Vorkommnis der Brief einer jüdischen Lehrerin auf den Arbeitstisch, die bereits vor 18 Jahren die Oberlehrern,ncnprnfimg abgelegt hat und ein wahres Marthrinm von Z u rücksetz u n g e n und Nichtbcstätigungen durchmachen mußte . . . Wenn nun aber auch einmal diejenigen, deren Weltniischammg sie dafür kämpscu läßt, daß st a at s b ü r g. e r l i che G e rech i i g l e i t und Gleichheit a I l e r v o r d e in G e se tz endlich Allgemeingut im vss eull iche n, wi r t scha s t l ichen und gesellschaftlichen Leben wird, eine Jahresbilanz des Abwehrkampscs nnfstellcn, so würden sie sich der Erkenntnis nicht verschließen können, daß das abgelnuscne Jahr zweifellos eine gewisse Bereinigung der innerpoli- Sn Atmosphäre herbeigesührt hat, so daß die groben Exzesse und!«, pogromä,hnl>ch)>cn Hetzen der unruhigen Jahre hoffentlich der Bergangercheit angehören. Vevfehlt wäre es. die Hände in den Schoß zu legen: cs bleibt der mühseligere Kamps gegen die Machenschaften des „unsichtbare» Hakenkreuzes", deren Erscheüilingssorinen häufig nicht an die Oberfläche treten, deren Wirkungen jedoch) in ge - se l lscha n l ich e r und wirtschaftlicher Hinsicht um so verhängnisvoller fern lönuen. Hans W o y w o i>. der Hustav-Zreptag-Lärm. Von Julius Bab. Der Lärm, der sich in einigen judcufeiudlicheu Blättern wegen der Kürzungen in einer Neuausgabe von Frcytags Nvmnn „Soll und Haben" erhoben hat, ist eine so lächerliche Angelegenheit, daß man von der Sache gar keine Notiz zu nehmen brauchte, wenn sic nicht Anlaß zu ein Paar weitcrgehenden Betrachtungen werden könnte. Der Herausgeber nämlich, den man beschuldigte, durch Beseitigung jndcnfeindlicher Stellen Gustav Frchtags Werk semitisch korrumpiert zu haben, ist Herr Fritz Sko >vro ii ne ck. Ihm muß sogar die darin gewiß sehr maßgebliche „Deutsche Zeitung" attestieren, daß er keineswegs in dem Verdacht jndeiifrelindlichcr Gesinnung steht. Er hat vielmehr, wie er erklärt, nur unter dem Zwang, überhaupt sehr wesentlich zu kürzen, gehandelt, und diesen Zwang hat ihm der Verlag cmferlegt, der aber int übrigen weder jüdisch ist, noch ihm irgendwelche bestimmten Tendenzen für seine Kürzungen gegeben hat. Mit der „jüdischen Korruption" ist eS also wieder einmal gar nichts, rind die Leichtfertigkeit, mit der solch ein gehässiges Geschrei erhoben wird, ist mir durch ein neues Beispiel beleuchtet. T+ Insoweit ist die ganze Affäre nur lächerlich. Aber lohnend ist eS vielleicht, bei diesem Anlaß zu sngcu, einen wie außerordentlich schlechten Dienst tatsächlich jeder dcnr Judentum leisten würde, der aus diesem Roman oder irgendeinem, anderen Werk der europäischen Dichtung Gestalten, Szenen, Reden hcrausredigieren wollte, die er als judenfemdlich empfindet. Die praktische Folge, daß die antisemitische Presse das selbstverständlich sofort merken und einen Heidenlärm schlagen würde, der den Inden zehnmal mehr schaden muß als die Verbreitung irgendeiner unfreundlichen Dichterstelle — diese Folge scheint -mir noch nicht einmal das Wichtigste. Aber es i st überhaupt ein durchaus ungesunder und unwürdiger Gedanke, Tatsachen der Weltliteratur korrigieren zu wollen. Der Jude muß Selbstgefühl genug haben, um auch der Tatsache ins Auge zu. sehen, daß zuweilen in bedeutenden Schöpfungen der Weltliteratur unsympathische Eindrücke vorn Judentum gespiegelt sind. Weil zuweilen auch geistig oder wenigstens dichterisch bedeutende Mensche» unter dem Einfluß der Zeit oder aus persönlicher Veranlagung sich feindlich zum Juden stellen. Solche Tatsachen macht man leicht diirch Verschweigen oder gar durch Verleugnen unschädlich. Eher durch Verstehen und Erklären und durch die freimütige Beto.iilmg der Tatsache, daß auch große Männer keineswegs vor schwerwiegende» Jrrtümern geschützt sind. Was nun aber Gustav Frehtag nnd seineii berühmten Roman betrifft — ist er denn ein Dokument des Antisemitismus? Dian braucht gar nicht auf Gustav F r e y t a g s anderweitig vielfach dichterisch und literarisch bezeugte Gesninthaltuiig cinzugchen, nin zu bestreiten, daß er ein tauglicher Gcivährslnanu für die Leute vom Schlage der „Deutschen Zeitung" ist. Man kann ruhig, diesen Roman „Soll nnd Haben" selbst sprechen, lassen-, so nämlich, >vie ein Kunstwerk überhaupt einzig betrachtet werden sollte, in seiner Ge samt heit. Geiviß gibt es dort einige moralisch sehr minderwertige Figuren jüdischer Händler. Bestreiten wir, daß cs die in der Wirklichkeit überhaupt gibt? Daß das jähe Herausschleudern unvorbereiteter Ghettoexistciizen in den modernen Existenskampf vielfach liiiersrciiliche Typen solcher Art geschasfen hat? Von „Antiscniitismiis" wäre doch erst dann zu sprechen, ivcnn Frehtag es so darsiellte, als ob alle ininderwerligeu Menschen der Kaufmannswelt Inden oder alle Inden minderwertige Menschen wären. Beides ist nicht der Fall. Die üblen jüdischen Handelsleute dieses Buches haben christliche Komplizen, nnd unter den Juden ist eine so geistig reine, ergreifend selbstlose Gestalt ivie Bernhard Eyrcnthal. Sie ist mit bewußter Kontrastwirkung gegen den schlimmen Beitel Jtzig gestellt, und die beiden in ihrem Gegeneinander machen offenbar erst für Frehtag das r i ch t i <j e '©i I b des jüdischen M e n scheu ans. Diese Ausprägung des'Juden in dichterischen Kontrastgestallen ist aber ein sehr merkwürdiger nnd beachtenswerter Zug, in der ganzen neueren europäischen Dichtung. Seit den Tagen der Nomantik bis zu Meyeriuks „Golem" haben europäische Dichter den. Inden gesehen nnd dargestcllt in solchem Tvppclpaar eines ganz geistig erhabenen und eines ganz wucherisch gemeinen Menschen. Die großartigste Ausbildung findet sich vielleicht in Zolas Roman „Geldh wo die beiden Brüder sind: der Makler Busch, die furchtbare Hyäne des Börsenschlnchtseldcs, der nur ein Wesen ans der Welt liebt: den Bruder, der lungenkrank hinsiecht nnd sich in Träumen von einem menschheitsbcglückcnden Sozialismus verklärt. Dies Ancinandergebundensein erhabenster und schlimmster Möglichkeiten ist aber etivaS, was auch Juden selber schon als charakteristisch für ihre Art erkannt IjnDcir. Die in Jahrtausenden religiös genährte Leidenschaft und Gcistesstärke wird ans alle Fälle mit erschütternder Gewalt ansgreifen, — sei. es nach den» Bösen, sei es nach dem Guten. Je nach dem, ob ein tiesercs Geivissen den Menschen noch leitet oder nicht. Die Darstellung solchen Phänomens zu be? dauern oder gar zu vertnschen, wäre in hohem Maße schwächlich nnd tvricht. Wir sollten die Wahrheit anerkennen, die in ihm liegt — nnd dann jeder für sein Teil daran arbeiten, daß der ideale Jude innerhalb unserer doppelten Möglichkeit immer mehr die Wirklichkeit werde.