Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1927
- Issue
- Heft 1 (Januar 1927)
- Date
- 1927-01-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2571117-2571131-2571132--113-2571411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
2 beständigem Giiflus;, in unablässiger Selbstcrzichnng des einzel-, nen zu jmem richtigen und wahren nationalen und persönlichen Selbstbewußtsein, das die Achtung vor dem anderen zur ersten Grundlage hat. Nichts aber ist mit dieser wahren nationalen Gesinnung unverträglicher als der Düntcl eines nationalen Hochmuts und einer nationalen Orthodoxie. Nationale Gesinnung heißt jene Gesinnung Pflegen, in der mir für jeden anderen und sein Recht eintreten. der mit uns in Sprach- und Schicksalsgemeinschaft mrd danrit in kultureller rmd nach staatlicher Form verlangender Gemeinschaft lebt, >vie Menschheitsgesinnung bedeutet, in jedem anderen das Meuschheitsrecht achten; eines ist die notwendige Erweiterung rnrd Ergänzung des anderen. Eine „nationale" Gesinnung, die irgendeine,, der Schicksals- und Sprachgenossen, weil seine Nase oder seine Abstanunung oder seine politische llcberzengung nicht gefällt, a»Zschließeu und verfemen will, ist eine ebensolche Sinnlosigkeit und Ungerechtigkeit, wie eine „Mciischheitsgesinunng" es wäre, die einen Teil unserer menschlichen Miibrnder zur Pariaexistenz verurteilte. Und-hier liegt für uns -- ich spreche von einer großen Gruppe Deutscher und Nichtjudcn, zu der ich wich rechne — die Bedeutung des Kampfes gegen jede Form des Antisemitismus. Seine Ucberwinduug ist eine Forderung der Gerechtigkeit. Sie ist eine Konsequenz wirklicher nationaler Gesinnung, im Gegensatz zu einer solche», für die das Interesse der „Nation" nur eur Aushängeschild für Klassen- und Parteiinteressen ist. Sie ist für den Christen — auch Becker hebt das hervor — eine Forderung seiner Religion. Sie ist aber zugleich noch mehr als alles dies: sie ist das wichtigste Symbol für die im Sinn und Geist dessen, w a s w e r d e n s v l l, d e s n c u e n E u r o p n, der n e u e n Menschheit geforderte Erneuerung und Vertiefung des Nationalen Bewu s;t s e i » s. Jenes nationalen Bewußtseins, das ein Ruf zur Einheit und ein Band der Liebe sein muß, der Grund einer festen Solidarität, auf die sich dann die umfassendere der neuen Menschheit ausbauen wird, anstatt eines Rufs der Entzweiung und des Krieges. Das „Stumm Zu uns", nicht das „Du gehörst nicht zu uns" soll aus dem Gedanken des Nationalen klingen; werbende Kraft, nicht spaltenden Haß sott er gebäre». An der Ueberwindung des Antisemitismus muß »nd soll sich diese Wandlung, deren Deutschland, deren Europa bedarf, zuerst bewähren. Auf Weihnachten ist Neujahr gefolgt. Und wie Weihnachten, so regt uns das neue Jahre zn Gedanken über das Kommende, das Werden des neuen Geistes an. Wie seit vielen Jahren nicht mehr sehen wir diesmal mit erwachender Hoffnung in die Zukunft. Und nur warten und hoffen auf die Jugend, die dieser Zukunft den Weg bereitet, und der diese Zukunft gehört. Mehr Srüöerlichkeit! A«s Kardinal Danlhabcrs Jnbiliinmsvede. Wir berichteten in der „C. B. - Zeitung", daß bei dem Jubiläum der Universität München die jüdischen Verbindungen ihrer Ehre wegen den Feierlichkeiten fernblciben mußten. Bei diesen, Jubiläum hat Kardinal F null) aber eine Festpredigt über „Paulus auf dem Arcopag" gehalten. Der „Bayerische Kurier" veröffentlicht in seinem Beiblatt „Ans Welt und Kirche" eine ausführliche Wiedergabe dieser Predigt. Wir veröffentlichen hier eine Stelle daraus, aus der aufmerksame und mit den Vorgängen vertraute Zuhörer wohl nicht mit Unrecht eine in religiöser Form feinsinnig gekleidete Mißbilligung völkischer Ucberheblichkeit heranshörten. Kardinal Faul Haber führte ctiva aus: .Paulus bringt auf dem Arcopag Botschaft vom Menschen: ,Gott hat ans einem Menschen das ganze Menschengeschlecht hcrvorgehcn lassen.' Wieder eine Osscnbarung. Wieder ein Licht, das gerade dort leuchtet, wo die Fackel der griechischen Philosophie erloschen war. Den Hellenen war Hellas die Urheimat aller Bildung, Ten Hellenen waren die anderen Völker Barbaren. Und nun kommt dieser Barbar ans Tarsus und stellt die These auf: Alles, was Mensch ist, hat den einen gleichen Stammvater. Also sind die anderen Völker keine Barbaren. Also ist .vor Gott kein Unterschied zwischen einem Juden »ud einem Griechen' (Rom, ,0, 12). Also sind wir in gleicher Weise .Schuldner den Hellenen und Nichthcllcncn' (9HSm. 1, 14). Also sind die Vvlkerkriege Brnderkricae und der Bölkersrivde ein göttliches Gebot. Die Universitäten waren in ihren ersten Jahrhunderten Brückenköpfe der Verständigung der Bulker. In der Cinheitssprachc des Mittelalters konnte Albertus Magnus in diesem Semester in Rcgensburg auf dem Lehrstuhl stehen, im nächsten Semester,.uz, ikvln und ein paar Jahr später in Paris. .Gott hat ans einem Menschen das ganze Menschengeschlecht hervvrgchci, lassen.' Also sind olle Menschen in Adam Brüder »nd noch mehr in Christus.... Also darf es kein Kastenwesen geben, keinen Standesdünkel bevorzug 1 e r V v l! S s ch i ch t e n, keine Kluft zwischen dem Geistesarbeiter und Handarbeiter. .Schuldner bin ich Gelehrten und Ungelehrten' tzRörn, 1, 14). In den sogenannten Hochschnlknrscn sind die Wademikcr zu den Handarbeitern gegangen, nicht um selber zur Weisheit der Gasse und Schenke hinunterzusteigen, sondern um die erwechstättgc» Brüder aus eine höhere Linie de? Geistesleben hcrauszuhebcn . . Zum AeichsxrüWrnlen-Vesuch in Vraunschwetg, Zurücksetzung der Katholiken «nd Inden. Der offizielle Besuch, welchen der Herr Reichspräsident vor etlicher Zeit dem Lande Brnnnschweig abgestattct hat, bietet wegen gewisser Bcgleitinnstäiide Anlaß, uns mit diesem Ereignis zu beschäftigen. Ans triftige» Gründen kau» dies erst jetzt geschehen. Zn de>, Festlichkeiten, tvelchc die brnimschivcigische Regierung zu Ehren deS Gastes vcraustallet hatte, sind der evangelische Lnudcsbtschof und der erste evangelische Geistliche der Stadt Brannschwetg ringelnden ,vorbei,. Dagegen wurde die katholische .Kirche »nd die jüdische N e l i g i o n s g e m e i n s ch a f t v ö tlig ü b c r g n n g c n. Kein Vertreter dieser Bekenntnisse wurde zu den Einpsmigsvcranstnltungeu hnizngezvge», Begrciflicherwcise siel diese Tatsache in der Ocffeutlichkeit ans. Daß die Katholiken und die Juden selbst das bittere Gefühl einer verletzenden Z >, - r tick schling hatten und haben mußten, bedarf keiner weiteren Betonung, War doch hier ein offenkundiger Fall ungleicher Behandlung der religiösen Minderheiten bei einem wichtigen stnaispvlitischen Vorgang gegeben. Außerdem konnte aber nnch bei dein Herrn Reichspräsidenten vielleicht die irrige Ansicht entstehen, als ob die katholischen und jüdischen Einwohner des'Landes sich an seiner Begrüßung nicht hätten beteiligen ivollen. Daraus ergab sich auch ein gen,einsames Handel» von katholischer und jüdischer Seite, da die grundsätzliche Bedeutung der Angelegenheit für beide Rcligionsbckeiminisse die glciehc war. In einer gemeinschaftliche» Eingabe wurden der erste katholische Geistliche und der Lande'srabbincr bei der braimschtveigischen Regierung vorstellig. Die erst »ach geraumer Zeit ergangene Antwort des Stnatsministcrinnis war durchaus mibcsricdigend. Es wurde darin erklärt, daß eine Zurncksctzmig nicht beabsichtigt gewesen, sondern lediglich ans Platzmangel die Hinzuziehung von Vertretern der katholischen und der jüdischen Religionsgemeinschaft unterblieben sei. Dabei ist zn bedenken, daß doch nur die Beschaffung von zwei Plätzen in Frage gekommen wäre! Bei diesem Bescheide konnte man sich natürlich unter keinen Umstanden beruhigen. Daher richteten der erivähnte katholische Geistliche und der Lnndesrabbiner eine — ebenfalls gemeinsame — Eingabe an den Herrn Reichspräsidenten. in tvelchcr insbesondere betont wurde, daß Platzmangel als Rechtfertigung für die Nichtwachrung des Grundsatzes der konfession c I l e n Parität nicht anerkannt werden könne. Der brnnnschweigischen Regierung lvnrde unter Einsendung einer Abschrift dieser Eingabe mitgetcilt, das; ihre Antwort nicht befriedige und inan sich daher an den Herrn Reichspräsidenten gewandt habe. Schon nach drei Tagen erteilte der Staatssekretär des Reichs- Präsidenten in dessen Aufträge eine Antwort. In ihr dankte der Herr Reichspräsident für die in der Eingabe enthaltene Erklärung, daß man katholischer- und jüdischerseits ihn cbcnsalls gern begrüßt hätte. Im übrigen wurde in der Antwort gesagt, daß der Herr Reichspräsident, da er bei dem Besuche in Brannschwetg Gast der Landesregierung gewesen sei, es dieser überlasse» habe, ivcn sie zu den Einpfangsfeierlichkeitcn heranziehc» wollte. Aus diesem Grunde vermöge er nnch » a ch t r ü g l i ch keinerlei Stellung zn der erhobenen Beschwerde einzunehmeii. Mn» muß wohl in dein „nachträglich" eine Stellnngnahnie des Herrn Reichspräsidenten dahin cvbüclc», daß er, wenn er vorher wegen der Einladung von katholischen »nd jüdischen Vertretern befragt worden wäre, diese Zuziehung gewünscht haben würde. Nach der ganzen Einstellung des Herrn Reichspräsidenten zu derartigen Fragen kann es ja auch gar feinem Zweifel unterliegen, daß die erfolgte Uebcrgchnng der religiösen Minderheiten durchaus nicht in seinem Sinne ,var. Zurzeit ist in der Angelegenheit eine demokratische kleine Anfrage im braunsch,veigischen Landtag eingebrncht, aus die die Aeußcrimg der Regierung noch aussteht. Die Leitung d e 8 C e n t r a l v c r e i n S war sich natürlich der — über den lokalen Fall hiiiausgchendcn — Bedeutung des Vorfalls voll bewußt und hat sich ihrer von Anfang an mit Nachdruck "-angenommen.