Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1926)
- Date
- 1926-12-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nie Kunst, Frieden zu schließen. Von Sr. G. v. Frankenverg, M. d. L. Wraunschtveig). Jedes Jahrhundert hat seine große Idee, sei» Leitmotiv, das anfangs wie von ferne ertönt, nur wenigen vernehmbar, dann immer kühner und voller, um zuletzt gleich einer Echlachtfansare alle Herzen mitznreisten. Warum vernehmen heute erst so wenige das Leitmotiv unseres Jahrhunderts? Sind die Menschen betäubt vom großen Geschehen? Oder fehlt cs an überragenden Gedanken? Wahrscheinlich nicht! Aber ein Hemmnis ist da, Gin seltsames — ich möchte sagen: ein propagandistisches Hemmnis, Ist es nicht ausfallend, daß die großen Ideen des Jahrhunderts, die ja im Grunde »nr eine sind, fast durchweg in negativer Fass n n g ausgesprochen werden? Ob wir von Krieg und Frieden, von den sozialen Verhältnissen, von der Staatssvriu, von Mängeln der Rechtspflege oder der Wirtschaft reden, immer steht die Kritik, das Verneinen im Vordergrund, Es ist, als hätte unsere Generation verlernt, an das Positive zu denken, oder als sei sie uerurteilt, durch Wegrünmnng all des Ungesunden und Ucbcrlebtcn Platz zu schaffen für die Aufbauarbeit kommender Geschlechter, Gewiß sind bei all dem positive Ziele vorhanden — aber sie liegen meist tief im Unterbewusstsein, Alan frage doch einen der Menschen, die sich um die Aendernng der bestehenden Zustände bemühen, was er an ihre Stelle gesetzt zu sehen wünscht! Tic meisten wird die Frage in einige Verlegenheit setzen, Oder sie werden gar nicht merken, daß ihre Antwort nur immer wieder aufzählt, was abgeschafst ivcrdcn soll. Der einzelne ist für diese Erscheinung nicht verantwortlich. Und auch unser Volk ist keineswegs allein in diese sclbsmne Anbetung des Negativen verstrickt. In allen Kulturländern scheint die Entwicklung auf einem ähnlichen Punkte zu stehen, Ueberall ist man sich darüber einig — oder vielmehr uneinig —, was abgeschafst, verboten, nusgetilgt tverden fall, Wo aber beschäftigt sich einer mit dem Neuen und Besseren, das erstehen muß? Zum guten Teil liegt der Grund in mangelhafter Schill,mg des Denkens, Der Mensch, das denkende Tier, hat sich so weit von seinen Mitgeschvpscn entfernt, daß er, in Städten lebend und umgeben von technischen Wundern, seine natürtichen Instinkte, die ihn früher sührtcn, eingcbüßi hat. Er ist aber doch iviedermn ans dem steilen Pfade der Erkenntnis nach nicht so weit vorgedrungen, daß er den rechten Weg ohne diese Hilfe zn finden vermöchte. So irrt er denn an der Grenze zweier Welten umher, noch unfähig, aus eigener Kraft zn erkennen, >vns gut lind was böse. Unsere lebensfremde Einstellung zeigt sich vielleicht am besten in der Art, >vie >vir streiten und wie mir „Frieden schließen". Wir schließen ja eigenilich nie Frieden, sondern tun uns etwas daraus zilgntc, daß die diplomatische Arbeit „eine Fortsetzung des Krieges niit anderen lUittdu" sei. Welche ärmliche, kleinlich-hinterhältige Anschauung! Alan begreift, daß ein Frieden dieser Sorte nicht viel mehr wert ist als Krieg, Das Positive fehlt! Weise versöhnen sich nicht ans Furcht, sondern aus Diese Großzügigkeit der Gesinnnng, dieser Drang nach vorwärts ist es, was uns gegenwärtig fehlt. Ich habe während des Krieges öffentlich bedauert, das; nicht Deutschland, das alte Land der geistigen Führer, es hat sei» können, von dem der Gedanke des Vökkerbnndes siegreich ansstrahlte. Und daß die Völker Europas jetzt beginnen, die Außenpolitik ,;u treiben, die sie vor dem Kriege hätten treiben sollen, geschieht auch nicht nuS Idealismus, sondern ans wirtschaftlichen Gründen, Aber das wäre noch zn ertragen. Es ist immerhin schon ein Fortschritt, wenn in der Außenpolitik nun überhaupt Ideen, wiewohl zunächst nüchternster Art, wirksam werden. Wahrer Frieden freilich wird unter den europäischen Nationen erst zustande kommen, wenn die Daseinsnotwendigkcit eines neuen Reiches Europa erkannt wird. Aber sollte cs nicht an der Zeit sein, min auch innerhalb unseres Reiches, den eigenen Volksgenossen gegenüber, nach größeren Gesichtspunkten zn handeln? Es gibt ein chinesisches Sprichwort: „Mache dir deinen Feind zu in Freunde, und du wirst zehnmal stärker sein!" Wir Deutschen haben ein ähnliches, das ist freilich etwas dunkel gefaßt, ja, ein echtes Oxymoron: „Der Klügere gibt nach!" Das soll doch natürlich nicht heißen, daß er dem Düinmcren gehorcht. Wohl aber, daß er zuerst d i e Unsinnigkeit des Streites erkennt. Man kann Meinungsverschiedenheiten vernünftigerweise nicht dadurch schlichten, das; man sich gegenseitig schädigt. Woran f es bei jedem Streit ankommt, ist. die höheren Gesichtspunkte zu finden, unter denen er sinnlos ist. Mit jedem Gegner, der nicht schlechtweg verrückt ist, hat man gewisse Interessen gemeinsam, mit jedem kann man darum eine Arbeitsgemeinschaft schließen. Dem Biologen sind das vertrante Gedankengänge. Er weiß, wie oft in der Natur aus dem Interessengegensatz zwischen Räuber und Opfer ein Symbiose, eine Lebensgemeinschaft hervorgeht. Das Insekt, das den Blütensianb raubte, wurde von der Pflanze mit Nektar gelabt und so, zn beider Vorteil, an die ilcbcrtragung der Samenzellen zur nächsten Pinte gewöhnt. Der Mensch, der Tiere und Pflanzen für seine Z,wecke in Dienst nahm, wurde dadurch zugleich ihr Wohltäter unb Erhalter. Wo die Natur ungehindert wirken kann, da verwandelt sic Gegnerschaft mit Vorliebe in Zusammenwirken, indem sie die streitenden T e hl c e i n o r d n e t in ein g r ö ß e r e s G a n z e s. Diese toljnt h e s c, dies P o s i t i v e. gilt es zn fj»c>en, wenn unsere innere Politik gesunden soll. Solange die einen nur das ',’llte zerschlagen und die andern nur das Alte verteidigen wolle», kann gar nichts zlistaudekommc», Erst wenn beide Teile begreifen, daß es zivar nicht eine „mittlere Linie", woyl aber eine höliere Ebene gibt, ans der sie sich treffen tonnen, ivird der Aufstieg beginnen. Es nützt also auch niäits, ivenn nur bereit sind, uns „in die Differenz zn teilen". Wir müssen ein scheu, daß gar keine D i s s e r c n z vor h a n d e 11 i st, sondern daß cs fiel) darum handelt, tue vorhandenen Kräfte dnrcy Vereinigung in einer höheren Organisationsform zn in n l t i p t i z i e r e n. Es tut not, daß ivir uns deüen erinnern, >vas uns gemeins a in ist als Menschen, als Brüdern eines Voltes, als Angehörigen eines Knltnrlreises. Es ivird Zeig daß der Reiche bedenkt, wie übel jlnn sein •){eidjtum zu Gesicht stellt, solange der Arme neben ihm darbt: es tft eriorderluh, daß der Freibeuter den hohen ethische» Gepalt der Oisenbarnngsreligionen erlennt. es in sehr nötig, daß der Bauer begreiit. ivas er vom Preußen, der Preuße, >vas er vom Süddeutschen lernen tun». ^chlinun genug, daß inan hentznlage iiberlmnzn noch die Forderung ansstellen »uns, niemanden wegen seiner Zugehörigkeit oder Nicht.zngehörigkeil zn dieser ober jener Vetennlmsform. Rasse oder Kaste gering zn miiteu! Traurig genug, daß noch so viel nti tte > aljerl , ch e E n g i> e rz , g! e , t fiel) erhallen tonnte bis auf den heutigen Tag! Diese Entweder Oder Menschen, die sieh nicht vorziistellen verinögen, daß jemand außer ihnen mtji haben könnie, deren Phnutnsie nichr hinreicht, zn begreifen, daß „die Wahrheit viele Sprache» spricht", Hilden sich gcivölmliclt noch iver Iveisj >vas ans il)re „Nnbeirrbarleit" und „geistige Unerbittlichkeit" du. Richtiger wäre es, ivenn sie fiel) ihrer Engstirnigkeit lind Tcnkschiväche schämten. Je höl>er ein geistiger Käinpser steht, um so eher und freudiger ivird er geneigt sein, das Gute im gegnerischen Lager anznerkennen. Und zivar nicht, iveil er tue Niger g c s! n n » n g s t ü ch t i g zväre als die Unversöhnlichen, sondern iveil seine Vernunft ihn lehrt, das Gute » m s e i n c r selb st >v i l t e n n l i e b e n. Und iveil es ctivas gibt, das ihm höher stelst als das Prograinni seiner Partei nnd das Wollt seiner Klasse, Sekte, Rane, Nation: M e » s ch e n t u in! Ein abgeschlagener Angriff. Ter höllische Lchächtvorstos; in Barnien mißlungen. In der Barmer S t n d t v c r o r d n e t e n v e r s a m m lang unternahm die A r b e i t s g c m e i n s ch a f t des völkischsozial c n B l o ct c s und des W c st f a l e n b u n d e s gemeinsam eine» Vorstoß gegen das Schächten, Sie beantragte eine Verordnung, die das Betäuben sämtlicher Schlachttiere vor dem' Schlachten verschreibt, Außerdem wünschte sie, daß sich der Magistrat in einer, Eingabe an den Landtag ivendc, die ein Verbot des Schlichtens verlange, Beigeordneter Eberle wandt« sich gegen di«, Anträge, da der Erlaß eines Schächtverbotes in die K o m p e t e n z e il der Lande s g e s e tz g e b u n g falle. Außerdem sei für Barmen die Frage bedeutungslos, da hier nur ein Rind und ein Kalb, in der Woche geschächtet werden. F ü r die Antragsteller begründete Stadtv, Clans; (Völkisch) die Vorlage mit dem Hinweis darauf, daß die deutschen Tierärzte die Betäubung sämtlicher Schlachttiere vor den; Töten forderten, Die Vertreter aller anderen Parteierl wandten sich mit seltener Ei» m ü t i g ke i i gege ndie Anträge der Völkischen, Die Stadtverordneten Klippers (Zentr.), Schwartuer (Dem.), Enz (S. P. SB.), Dr. Wesenfeld (Dentschnat. Vp.) und Dr. Hinsberg (D. BolksP.) waren sich dlsrin einig, das; hier ein Eingriff in die Gewissensfreiheit Der jüdischen Bevölkerung vorliegc, dem sie mit aller Entschiedenheit cntgegentratc». Tie Anträge wurden demgemäß auch a b g e l c h n t, Tie Verhandlungen in der Barmer Stadtverordnctenversam.mlnng zeigen symptomatisch, wie sich die Völkischen allerorts bemühen, g c 'g e 11 d a s S ch ä ch t c n mobil z u m achc n. Es ist erfreulich, das; hier, im Gegensatz zn Bayern, auch der sozialdemokratische Wortführer scharf gegen ein Schächlvcrbot ausgetreten ist. Wenn die Schächtgegncr in einzelnen Fällen nichts Praktisches erreichen, so versuchen'sie doch Stiminnng für ihre Bestrebungen zu machen. Um so mehr ist es unsere Aufgabe, auf dzr Hut zu ,sein, um auch diesen Anschlag gegen die Gewissensfreiheitder jüdischen Gesamtheit zu verhindern,