Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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74 durch die revolutionären Verhältnisse überhaupt erklärliche künstliche Gebilde eines Jüdischen Bvlksrates von selbst tvtlaufen würde. Die Ereignisse haben uns recht gegeben. Mir haben auch nach dein Zusaiiimenbriicli des Jüdischen Volksrates nichts verlnutbart und es uns entgegen den Gepflogenheiten des Indischen Bvltsrates bewußt versagt, einen Erfolg unserer Politik in der Lcssentlichkeit zu verkünden. Avr etwa Jahresfrist hat Tr. Al a r K olle n s ch e r unter dem Titel „Jüdisches, aus der deutsch-polnischen llcbcrgangszeit Posen 1918'20" ein Buch vcrösscntlieht, in dem er die Geschichte des Jüdischen- Bvlksrates darstellt. Es ist mir damals nahcgelcgt worden, zu dem Buche Stellung zri nehmen. Ich habe trotz dringlicher Bitten meiner Freunde davon abgesehen. Ich lieh es'mir genügen, daß das Buch in den jüdischen Zeitungen und von den Bewohnern der ehemaligen abgetretenen Gebiete unzweideutig ab gelehnt wurde. Ich hatte auch das Empfinden, das; die Besprechungin dem vsfiziellen zionistischen Organ, der „Jüdischen. Rundschau", so gehalten war. wie es noch gerade möglich uuu°, um einem hervorragenden Parteigenossen nicht röche z» tun. Ich war endlich der Ansicht, daß man den gemeinsam erlebten Dingen noch zu nahe steht, um ihnen gegenüber den nötigen historischen Abstand zrr rvahrcn. Jehl, nach Jahresfrist, beginnt auch die nirhtjüdische Presse sich allgemeiner mit dem Büch zn beschästigen. Das Uirheit, das es anrichten kann, tvcnn seine Darstellung unwidersprochen bleibt, bildet mnimehr eine unmittelbare Gefahr für die deutsche Judciihcit. Diese Tatsache macht eine Otellniignahiue zur Pflicht. II. Das Buch Kollcnschers ist ein Dokum ent de s Fi a skos n a t i v n a lj ü-d i s ch e r Politik. Es gibt leine bessere Rechtfertigung für die Politik des Ecntralvcrcins während der staatlichen Umwälzung in Posen, als das Eingeständnis des Mißerfolges des Jüdischen Bvlksrates. Darüber hinaus bedeutet dieses Eingeständnis eine Bestätigung des Ecntralvereinsgedankens überhaupt. Bor uns liegt das Musterbeispiel eines aus innerer Notwendigkeit gescheiterten Versuches, deir Plan einer jüdischen nationalenAutonomie für die deutschen Juden zn verwirklichen. Mau brauchie unter diesem Gesichtspunkts das Erscheinen der Schrift nicht zn bedauern. Aber das Buch ist darum gefährlich, weil eS ein falsches Bild gibt von der wahren Gesinnung und Haltung der Posener Juden in der kritischen Zeit. Das Buch ist tein subjektiv eingestellt. Es ist die Rcchtfertigungsschrift eines Mannes, dessen Politik gescheitert ist. Wenn er dies bestreitet, so ist dies eine protestati» faetis eotitraria. Wenn wesentliche Dinge, die für die Beurteilung der Haltung der Posener Inden von ausschlaggebender Bedeutung sind, verschwiegen werden, Tatsachen entstellt, gleichgültige Dinge zu einer Wichtigkeit ausgebanscht, Licht und Lehatten ungleich verteilt werden, so ist dies mir aus einer Betrachtung zu erklären, die -die Dinge nicht so sicht, >vic sie sind, sondern so, wie man sie wahr haben will, auch sonst das charakteristische Merkmal einer ideologischen Wunschpolitik. Dazu kommt die Unzuverlässigkeit, die sich daraus ergibt, Laß die Angaben — wie der Verfasser in dem Vorwort selbst erklärt — nur dem Gedächtnis entnommen sind und an? keinen anderen Duellen und Materialien beruhen, als aus dem „Mitteilungsblatt desJüdisehen-Bolksrates". Das Gedächtnis an eine Epoche, in der täglich, ja stündlich die Ereignisse durchcinanderwirbelten, ist schon bei einem ruhigen »ud objektiven Keobachter oft trügerisch, geschweige denn bei einer so snbjek- - tiv eingestellten Persönlichkeit, die von dem Bestreben geleitet ist, eine mißlungene Politik zu verteidigen. Das „Mitteilungsblatt deS Jüdischen Volksrntes" über war ein parteipolitisches Propagandablatt, das den Zweck verfolgte, die in der revolutionär unruhigen Zeit besonders leicht empfänglichen und beeinslutzbaren Leser für eine bestimmte Idee zn gewinnen. S o l ch e O u e l l e n können keinen A n s p r » ch a u f Z uv erl ä s s i g ke i t er h eb e n. Alles dies muß gesagt werden. Denn die Besprechungen in den deutschen' Zeitungen lassen befürchten, das Buch von Kollenscher könnte — wie alles, was gedruckt ist — als Geschichtsqnetle verwertet werden. Die Gefahr ist um so großer, lveil der Antisemitismus in Deutschland hemmungslos alles benutzt, >vas ihm zum Beweise von angeblich mangelnder vaterländischer Gesinnung der Juden dienlich erscheine» könnte. Die Tätigkeit des von Kvllenschengesührten Jüdischen Volksrates in Posen war zwar vorübergehend schädlich, aber in ihren Wirkungen schließlich ergebnislos. Der Schaden, den das Buch Kollcnschers anrichtcn kann, ist wesentlich größer. Es wäre deshalb besser ungeschrieben geblieben. Ist es eine Geschichtsgnclle, so ist die Quelle trübe. Klarheit zu schaffen, ist eine Notwendigkeit. III. Der begrenzte Raum eines Aussatzes macht es unmöglich, zu der Darstellung Kollcnschers in allen Einzelheiten Stellung zn nehmen. Dies 'muß einer umfangreicheren Veröffentlichung Vorbehalten bleiben. In dem Den i sehen Volksrat haben Posener Inden führend mitgearbeitet. Das Mas;Ihres Kampfes für das Dentschtnni wird erst in die Erscheinung treten, ivenn einmal die Geschichte des Deutschen Äolksrais geschrieben sein wird. Im Rahmen dieses Artikels können nur einige Punkte heransgegriffen werden, die für die Beurteilung der'Haltung der Juden in Posen in der kritischen Zeit ivescntlieh sind. Der Zionismus hatte in Posen keinen Boden gesunden. Ter Posener Jude in seiner typischen Eigenart war dessen phantastischen Gedankengängen abhold. Unter den 15 Mitgliedern des Ropräscntaiitciikvlleginms der jüdischen Gemeinde befand sich nur c i n Zionist, der nicht einmal in dieser Eigenschast gewählt war. Kollenscher selbst gibt die ziffernmäßige Schiväche der Zionisten in Posen unumwunden zu. Wenn er an anderer Stelle die Kunst rühmt, den Anschein einer nicht vorhandenen Kraft zu erwecke» und die Schwäche zu verberge», so hat das geringe Häuslein der Posener Zionisten diese Kunst meisterhaft geübt. Diese Tatsache nnist sestgestellt werden. Gab c8 bis zum 8. November 1918 in Posen nur verschwindend wenige Zionisten — warum sollten plötzlich einen Tag später die Posener Juden in ihrer Mehrzahl »ativnaljndisch gesinnt gewesen sein? In Wirklichkeit war dies niemals der Fall. Es war nur einer überaus geschickten Agitation, die mit dem vagen Versprechen arbeitete, in jenen unsicheren Zeiten Leben und Eigentum zn schützen, bis zn einem gewissen Grads gelungen, vorübergehend die Geister zn verwirren. Aberauch derjenige Teil der Posener Inden, der zeitweise solchen Einflüssen erlegen sein mochte, hat in seinem natürlichen Instinkt bald wieder ans den rechten Weg znrückgefunden und das Bekenntnis zur deutschen Volksgemeinschaft durch seine Taten und seine Schicksale abgelegt. Das Buch Kollcnschers zeigt in erschreckender Weise, wie sehr er und die anderen Führer des Jüdischen Volksrates sich von den an politischer Klugheit weit überlegenen Polen haben oiiifangen lassen. Die Polen haben das Geltungsbedürfnis von Personen, die sich in einer „historischen" Nolle gefielen, geschickt in ihre Berechnung einbczvgen. Ihre Politik ging erkennbar dahin, die Inden gegen die Deutschen ansznspielen. Daß ihnen dieser Versuch mit den Führern des Jüdischen Bvlksrates gelungen ist, macht deren Politischem Weitblick keine Ehre. Die' traurige Enttäuschung ist ja auch nicht a-usgcbliebcii, wie man in dem Buch Kotlenschers an vielen Stellen nachlcsen kann. Das Mittel, das die polnischen Politiker anwendcten, war das stets nur halbe Versprechen, die Angehörigen des Jüdischen Bollsralcs im Gegensatz zu den Angehörigen des Deutschen Vollsrates besonders zn schützen. Diese Versprechungen, an deren Zuverlässigkeit zn glauben doch eine starke Einbildungskraft und Verblendung gehörten, benutzten die Führer des Indischen- Bvlksrates, um'in einer maßlosen, in jenen Zeiten besonders bedenklichen öffentlichen Agitation »in die Posener Inden zn werben. Wer wollte es dein klcirren Alaun verübeln, wenn er, täglich um sein Leben zitternd, solchen Einflüsterungen zugänglich war in einer Zeit, in der cs eine deutsche Staatsgewalt in Posen nicht gab, und die Macht in den Händen des Polnischen Volksrates lag. der den terroristischen Eiiislüsscn der zur Gewalttätigkeit neigenden Straße sich nicht entziehen wollte und konnte? Kollenscher weist in seinem Artikel in der „Jüdischen Rundschau" vom 12. Oktober 1926 darauf hin, daß damals in Posen die höchsten Behörden ihren Halt verloren haben; er nennt den Oberpräsideiiten, den Landeshauptmann und den kommandierenden General, die vor den Polen sofort kapitulierten. Diese zntrcsfende Tatsache ist zwar sicherlich nicht geeignet, die eigenen Fehler des Jüdischen Bvlksrates zn rechtfertigen, aber sie läßt es gewiß verständlich erscheinen, wenn ein Teil der im täglichen Leben von dem Terror der Polen bedrohten Bürger den ihnen angebotenen und versprochenen Schutz nicht zurückwies. Jeder, der die damaligen Verhältnisse kennt, weiß, daß während der doppelten Umwälzung — der allgemeinen