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Central-Verein-Zeitung · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 9 (September 1926)
Date
1926-09-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Ms -er Zeit -er Deformation. Rabbi Joselmann von Rosheim. In dcr ersten Hülste des Mittelalters lebten die Juden in Deutschland in Ruhe und Frieden und genossen Ehre und Achtung. Sie besaßen Rechte und Freiheiten und wurden nicht geknechtet und verfolgt. Die Verfolgungen beginnen erst im II. Jahrhundert. Treten sie hier noch vereinzelt ans, so steigern sie sich in, 12. und 13. Jahrhundert und erreichen in der Mitte des 14. Jahrhunderts ihren höchsten Grad. Tausende und aber Tausende Juden wurden niedergemetzelt. Rehmen zwar von da ab die „Judenschlachten" ab, so werden Verbannungen und Vertreibungen um so häufiger. Tie meisten deutschen Städte vertrieben in, 16. Jahrhundert ihre Juden, und cs wären im 16. Jahrhundert wohl nur wench Inden in Deutschland verblieben-, wenn nicht die Vorsehung in R a b b i IoseIinai! n') der Inden heit eine Persönlichkeit Hütte auferstehe» lassen, die, selbstlos und u n eigennützig, keine Gefahren und TO ii h c u s ch e» e n d, reich mit Gaben des Geistes »nddes Herzens ausg e st a t t e t, sich seiner G l a u b e n s b ü d e r angenommen hätte. Wie erklärt sich nun die Wandlung im Schicksal der deutschen Juden vom 11. bis zum 16. Jahrhundert? — Waren sie selbst c" ihrem Schicksal schuld? — Keineswegs. Im 10. und N. Jahrhundert entstanden infolge der- EinsäUe der Hunnen die festen Städte, die den Handel, der früher ausschließlich den Juden oblag, an sich rissen, und denen die Konkurrenz der Juden un-bequem war. Hatten die Juden früher die Adligen und Bauern mit Sam-t und Seide, mit Gold» und Silbcrschimick, mit Gewürzen und anderen Erzeugnissen südlicher Länder versorgt; hatten sie ihnen ihr Vieh mrd ihre landlvirtschasttichcn Erzeugnisse abgekauft und sie gegen müßigen Zins mit dem allen Stände» nötigen Gelds versorgt, so suchten jetzt die Städte diesen Handel an sich zu reißen. Man erfand allerlei Beschuldigungen, um sich dcr lästigen Konkurrenz der Inden zu entledigen, die Vinn um so drückender empfand, als zu dieser Zeit große wirtschaftliche Umwälzungen viele in Not brachten. Die Entdeckung Amerikas und des bnmit erschlossenen Seeweges nach Ostindien hatte dem Handel auch in Europa andere Bahnen gewiesen. Die bisherigen Hanpthandeisftrasien führten durch Deutschland; doch jetzt versorgten Spanier und Portugiesen, Engländer und Holländer zu Schiss den ganze» Norden, so daß die alten Handelsstraßen durch das Innere Deulschlinids verödeten-. Verarmten dadurch weite Kreise wohlhabender Bürger, so hänsle» sich Reichtümer in den Händen weniger, die ihre wirtschastlichc Macht unbekümmert um das große Ganze aiisbeuteten. Die großen Handelshäuser der Fugger, Welser, Paningarincr hatten den ganzen Handel monopolisiert und sogen das Volk Iveidlich ans. Durch ihre geschäftlichen Manipulationen trieben sie beispielsweise den Zentner Pfeffer von 18 aus 40 Dukaten, de» Zucker von 11 auf 14 fl. in die Höhe, und ähnlich machten sie es mit den Preisen für Eisen, Kupfer und Blei, mit Vieh, Wein und Korn. Sie lausten weit und breit das Korn aus dem Halm und bestimmten willkürlich die Preise, und trat dann die nnvermcidliche Teuerung ein, so machte inan nicht die Schuldigen dafür verantwortlich, sondern die Inden, deren Stimme nicht so iveit reichte wie die der Welser, Fugg-cv usw. Da das Luther tum sich namentlich die Städte eroberte, deren handeltreibende Bevölkerung die Juden als lästige Konkiirrente» ansah, so waren es in erster Linie die Lutheraner, die ans Vertreibung der Juden drangen. Bedeutete die Reformation in ihren Auswirrungen durch den allmählich sich bahnbrechenden Geist größerer Toleranz auch eingroßes Glück für die Inden, so läßl sich doch nicht verkennen, daß der vollständige Sieg der Ncsvrmntion für sie zu jener Zeit ein großes Unglück gewesen wäre. Hierzu kam, daß Luthers Rechnung hinsichtlich der Stellung der Juden zur Reformation fatsch war. Wie er 1528 in einer Schrift hcrvorhebt, wollte er ,,. . . vielleicht auch der Juden etliche . . zum Christenglauben reizen". Die Katholiken seien mit den Juden so schrecklich verfahren, „daß wer ein guter Christ -wäre gewesen, hätte wohl möcht ein Jude werden. ... Ich hoffe, wenn man mit den Juden freundlich handelte und ans dcr Heiligen Schrift sie säuberlich nntenveiscte, so sollten ihr viel rechte Christ werden. . . . Aber nun >vir sie nur mit Gewalt treiben und gehen mit Lügentheidiegen um, geben ihnen schuld, sie müssen Christenblut haben-, daß sie nicht stinken . . . item daß mau ihnen verbeut, unter uns zu arbeiten, hantieren und andere menschliche Gemeinschaft zu haben, damit man sic zu wuchern treibet, wie soll sie das bessern?" AlS die Hoffnung Luthers, die Inden zu feiner Lehre zu bekehren, sich nicht verwirklichte, lautete dcr Text anders. In einer 4643 erschienenen Schrift fordert er auf, die Synagogen der Inden zu verbrennen, ihre Häufezu zerstören, ihnen ihre Bücher zu nehmen, ihnen die Ausübung ihrer Religion z» verbieten, das Geleit zu versagen und was der Dinge mehr sind. Von diesem exklusiven Geist Luthers war die Reformation getragen, und man darf wohl mit höchster Wahrscheinlichkeit annchuien, daß, wenn es der Rcforinntion gelungen wäre, Kaiser und Reich für sich einzunehmen, für die Juden in Deutschland damals kein Raum mehr gewesen wäre. ' *) Dr. M. Lehmann, „N a b b i Jvselmann von Rosheim, historische Erzählung aus der Zeit der Reformation". 2 Bände. Verlag I. Kaussmann, Frankfurt a. M. Erinnert cs bei dieser Sachlage nicht stark an heutige Verhältnisse, daß man 1580 von kcilhvlischcr Seile gegen die Inden den Borwurf erhob, daß sie die Lutheraner. zu in Abfall vom alten katholischen Glauben gebracht hätten! — Ausdrücklich hat Rabbi I o s e l m a n n die Inden auf dem Reichstag zu Augsburg gegen diesen Vorwurf verteidigen müssen. Mitten in diese Zeit führt uns Lehman ns Erzählung hinein. Wir folgen J-oselmann aus beschwerlichen und gefahrvollen Reisen aus die Reichstage nach Augsburg, Ncgeiisbnrg, Speyer und Worms, zum Kaiser nach Jn-nsbruck, »ach Spanien, nach Brabant und Flandern; wir srcnen uns seines Erfolges, iveim er die Privilegien für die Inden durchsetzt, daß man ihnen ihre Schulden bezahle, sic an Leib und Gut überall beschirme, ihnen keine neuen Zölle auserlege, sie nicht zur Taufe zwinge, sie frei aus einer Stadt in die andere ziehen lasse, daß man sie „auf moises buch" schwörenlasse mit den Worten „als im Gott helfe, bei der ev-c (gleich Ehe, Bündnis), die Gott gab aus dem Berge Sinai", daß gegen einen Jndeir tvegen Klagen, die an Leib und Gut gehen, nur unverdächtige Christen oder Inden, die nicht seine offenbaren Feinde seien, vernommen würden. Beneidensivert war das Los unserer Vorfahren darum noch lange nicht. Die Privilegien b-licben oft nur ans dem- Papier, und jeder dcr zahlreichen Landessürsten-, jede der vielenfreien Reick)sstädte taten, Jute Kaiser Karl V. selbst klagt, oft doch, was sie wollten, namentlich dann, wenn dieser Herrscher, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, fern von Deutschland weilen mußte. Wir sehen Jvfclm-nn-iibei der Verfolgung-.der Juden Schlesiens, Sachsens, Ungarns, Mährens mehr oder minder erfolgreich für seine Glaubensbrndcr wirken. Wir folgen ihm unter di« Horden der Aufständischen iui Bauernkriege, und wir atmen erleichtert auf, wenn es ihm gelingt, die den Juden, von ihnen drohende Gefahr abznwenden. Bunt wie das Mittelalter sind die Bilder, die uns Lehinann vorführt. Ob es daS Fähnlein Landsknechte ist, das sich Rosheim nähert," in der Absicht, die Inden zu brandschatzen, ob er uns unter die Maraiinen Sjmniens führt, ob e» uns den schwärmerischen Proselytcn Malchow vorführt, den der Kaiser verbrennen ließ, immer gleich bunt das Bild, anziehend und packend die Darstellung. Eine wundersame Geschichte wird uns im zweiten Bande erzählt. Wie aus dem Reichstag zu- Worms, als man dr.auf und dran war, die Vertreibung der Juden zu beschließen, den Prophet Elia erschienen wäre und in der Gestalt eines deutschen Fürsten so warm für die Juden gesprochen hätte, daß man von einem solchen Beschluß a b f a h. Wir haben diesen naiven Wundcr.gla.uben. nicht, und tvir brancheir ihn auch nicht. Der Prophet Elia ist in der jüdischen Sage der Tröster ini Leid, der Warner vor drohendem Unheil, der Glücksverkünder und der Hilsebringer in Not und Drangsal. So stattet das Judentum seinen Dank ab einem seiner gewaltigsten Propheten, der unter Einsetzung seiner ganzen Persönlichkeit Israel in trübster Zeit erhalten hat. Und solcher prophetischen Gestalten bedurfte das Judent»in auf seinem- LeidensweHFImd ihrer genug hat es gefunden, und inntet es uns heute tute etDWnnder an, daß trotz Haß und Verfolgung, trotz Not und Tod chaH Judentum erhalten geblieben, so haben >vir es nächst der Vorsehung solchen Männern zu danken, die, wie einst in- Israel die- Prvphelen, ihr Sinnen und Trachten, ihr Leben und Schassen an bießrhaüum des Judentums setzten. Zu diesen- Männern werdestwir auch Rabbi Jvselmann zählen, und ihn und seine Zeit aus seinen Memoiren, aus vielen Werken, Handschriften und Urkunden zum Leben erweckt und uns nahe gebracht zu haben, ist das Verdienst der uns vorliegenden Erzählung-, der weiteste Verbreitung, zu wünschen ist. I. Borchardt. Heldengedenkseier in Weißens«. Die am 6. September auf-dem Chrensriedhof in Weißens« von -der Cfteivra Kodischa unter Beteiligung des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, des Centralvereins und anderer jüdischer Organisationen veranstaltete Gedenkseier sand unter Beteiligung von etwa 15000 Menschen i-n großartigster Weise statt. Als Vertreter des Reichsioehr« Ministeriums nahm Major v. Bredow, für die Marine Kapitän M a t t l, e i, vom Magistrat der Stadt Berlin Stadtrat R e i m a it tt, für das Kultusministerium Ministerialrat v. H i e ck e und als Vertreter des Polizeipräsidiums Regiernngsr-at Dr. Kays er an der Feier teil. Ehorgesang und wirkungsvolle Elnzolgesangsvorträge der Herren Oberkantvren Davidsohn und Ahlbeck umrahmten die eindrucksvolle Feier. Rabbiuer Dr. Link hielt die tiefempfuiidcne Wciherede und betonte insbesondere, daß Menschen aller Bekenntnisse im Weltkriege miteinander gestorben seien und -daraus auch den Willen und die Kraft herleiten müßten, in Frieden miteinander zu leben- Für den Front-bund -nnd dem Centralverein -sprach unser Hauptvorstarrdsnritglied Jnstizmt Max Chodziesner. Er gedachte mit warmen, von Begeisterung getragenen Worten der mehr als 12 000 gesallenen jüdischen Soldaten, insbesondere «derer, die in fernen Ländern und in den ab» gctrelenen Gebieten, namentlich Westpreußen, Posen und Oberschlesien, begraben liegen, an deren Ruhestätte die wegen ihres Deutschtums ans» gewandertcn jüdischen Familien keinen Kadrsch sagen und nicht in stiller «Andacht verlocilen könnten. Er beklagte mit besonderer Betonung, daß trotz großer Opfer alles Unglück, welches über Deutschland hereingedrochen sei, auf uns Juden als Prügelknaben abgebürdet werde. Wenn Gott uns solche Bürde auserlege, so rufen wir im Vertrauen auf seinen Beistand: „Herr, tvaS dein Wille mir auch auferlege, Wie Krone will ich's kragen, nicht als Jochl" Der Redner schloß mit dem Gelübde, -daß wir mit den Massen des Geistes, mit Wahrheit und Gerechtigkeit als pflichtbewußtes Glied jeder staatlichen Ordnung weiterkümpfen werden für unser Recht, für unsere - Ehre sowie die Ehre und das Andenken unserer teuren Toten.

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