Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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die Hebräer an -er chuelle. Von Professor Dr. Fiebtg (Leipzig). Die eigenartige Uebcrschrift dieser Zeilen entstammt eincin Worte Luthers, das eine für das Verhältnis von Christen zu Inden sehr ridjfige Erkenntnis enthält, deren Tragtveitc man nicht feidjt überschätzen kann. Dieses Wort Luthers lautet genauer: „Die Ebrüer trinken an der Bornguclle", und er fügt hinzu: „die Griechen aber trinken auS den Wässertem, die aus der Quelle fLiefen, die Lateinischen aber aus den Pfützen." Luther ineint hier, daß man and) das Neue Testament nur richtig verstehen kann, wenn man Hebräisch kann. Er sagt, das; auch das N e u e Testament „voll von Ebrnismus" sei. Und damit spricht er eine änderst wichtige Erkenntnis aus. Merkwürdigerweise steht vielfach auch heutzutage noch immer der akademische Betrieb des Studiums des Neue» Testamentes, und auch des Altcir Testamentes, zu dieser grundlegenden Erkciintnis Lrithers in schrossstcm Gegensatz. Ich denke dabei nicht an die Dozenten, sondern an die heutigen Studenten der evangelischen Theologie. Es mehren sich diejenigen Stndicrciidcn, die erst auf der Universität das Hebraicum bestehen. Ost seufzen sic unter der Last, die ihnen nach ihrer Meinung mit den! mühsamen und zeitraubenden Erlernen des Hebräischen ausgebürdet wird. F ü r Sprachstudien haben die heutigen Studierenden d e r T h e o l o g i e ü b e r h n n p t v i e l f a ch w e n i g V e r st n n d - n i s. Und doch hat derselbe Luther mit großer Betonung bekanntlich gesagt: „Die Sprachen sind die Scheide, in der das Schwert des Geistes steckt." Er ineinte damit die Ursprachen der Bibel: Griechisch und Hebräisch, und er meinte beide Sprachen sowohl für das VerständniS des Alten als für das Verständnis des N e u e n T e st a m e n t e s. ES gibt natürlich auch heutzutage unter den evangelischen Thcologiestudicrenden in bczust auf hebräische Kenntnisse rühmliche Ansnahcn. In Leipzig studieren diese Ansnahmetheologen sogar in der „spätjüdischen Abteilung des alttestamentlichen SeminarS" unter der Leitung des Lektors Dr. G u l k o w i t s ch Midrasch und Talmud und lassen sich auch in andere Gebiete der weitverzweigten jüdischen Wissenschaft einführen. Unter Dr. Gulkowitjch, dem Nachfolger des bekannten großen und bescheidenen Professors Kahan, der auch mein hochverehrter Lehrer gewesen ist, hat das spätjüdische Seminar, auch hinsichtlich seiner Bibliothek, schon einen erfreulichen Aufschwung erfahre», obwohl es noch mancher tatkrästiger Förderung bedarf, zu der diese Worte eine Anregung fein mögen. Aber die Hauptmasse der jetzigen Theologicstudcnten hält das Hebräische sür „sehr schwer", für „zu zeitraubend", ja sogar sür „überflüssig" und „nebensächlich". Daher hat einer der Leipziger alttestammtlichen Dozenten noch ganz besonders sür sich hebräische Kurse eingesührt, um mit großer Energie sich d i e Hörer heranzubilde», die feinen Vorlesungen folgen können. Auch das neu tcstamentliche Kolleg leidet unter diesen Zuständen. Die „Sprüche der Väter" oder andere für das Neue Testament unentbehrliche .Mifchnatraktate mit Theologiestudenten im. Original zu lesen, ist leider so gut wie völlig unmöglich. Es müssen und werden jedoch ohne Zweifel Zeiten kommen, wo -das anders wird. In der Tat ist es ja doch so, wie Luther sagt: Man ist auch aus neu testamentlichem Gebiet den größte» Mitzverständnissen ausgesetzt, wenn man sich nicht in das Hebräische gründlich eingclebt hat. Wie will man da die neutestamentlichen Gleichnisse verstehen und richtig deuten? Ich darf sür die Einzelnachlvcife auf meine Bücher über „Altjüdische Gleichnisse" und über die „Gleichnisrcden Jesu im Lichte der rabbinischen Gleichnisse des neutestamentlichen Zeitalters" verweisen. Wie will man über Form und Inhalt der Aussprüche Jesu richtig urteilen, wenn man die in der rabbinischen Literatur vorhandenen Parallelen nach Form und Inhalt nicht genau kennt und stets zur Hand hat? Es sei mir auch hier gestattet, ans mein Buch „Jesu Bergpredigt, rabbiuische Texte zu ihrem Verständnis" zu verweisen. Vor allem ist da auch Strack» Billerbeck, „Kommentar zum Neuen Testament auS Talmud und Midrasch", unentbehrlich, ebenso G. D alm a ns Buch: „Jesu - Jeschua". Wie will inan irgendeine beliebige Geschichte der Evangelien nach allen Richtungen hin verstehen, wie will man sie aus ihre Geschichtlichkeit prüfen, wenn man außerstande ist, die Eigenheiten ihres hebräisch-aramäischen, palästinensischen Erzählungsstils auch nur zu sehen? Ich dars auch hier aus ein Buch von mir Hinweisen, das den Titel hat: „Der Erzählungsstil der Evaugelie», im Lichte des rabbinischen Erzählungsstils untersucht"'). Wer den Gang der neutestaincntlichei, Wissenschaft in de» letzten Jahrzehnten verfolgt hat, mutz zugeben, daß sich hier vieles gebessert hat. Heutzutage kaim mau innerhalb der evangelischen Theologie von einer Vorherrschaft der Doginatik und des praktischen Erbauungsinteresses sprechen. So wertvoll das alles ist, so ist cs doch einseitig und kau» leicht zu einer Art von Bibclvcrständnis führen, mit der Luther nicht einverstanden wäre. Wie man aus dein jüngst erschicneuen Meisterwerk des Leipziger Luther-Forschers Heinrich Boehmer „Der junge Luther" sieht, hat Luther seine biblischen Vorlesungen mit der Vulgata begonnen, dann aber eifrig Hebräisch und Griechisch gelernt. Es müßte wunderlich zugehen, wem, sein Vorbild auf lutherische Theologiestudenten nicht doch wieder wirken tvürde. Es liegt darin eine vertiefende und versöhnende Erkenntnis. Luther spricht am Ende des obigen Zitates aus seinen „Tischreden", daS ich meinem Buche über den „Erzählrmgsstil" als Motto habe voranstellen können, oiese Erkenntnis in den sehr beachtenswerten Worten aus: „Die ebräische Sprache ist vor anderen wohl einfältig, d. h. einfach, aber majestätisch und Herrlich, schlicht und wenig von Worten, aber da viel hinter ist; also daß ihr es keine nachtun kann," Die neue Rießer-öiographie. Das Leben Gabriel Riesters, ein Beitrag zur inneren Geschichte Deutschlanvs im 19. Jahrhundert. Der Uebnng entsprechend, die wir in diesen Spalten befolgen, wenn Bücher angezeiat werden, soll auch diesmal eine sehr wesentliche Neuerschcimmg nicht in Form einer kritischen Analyse, sondern als einsührcndes Referat angekündigt werden, um dem Leser den Erwerb des Werkes um seines Wertes willen nahezulegen. Es handelt sich hier um die Biographie eines Mannes, dessen Namen gerade uns jungen deutschen Inden teuer ist: Gabriel R i e ß e r"). Und dieses Gefühl der Verehrung sür den Mann wird in uns noch stärker, wenn wir dieses neue, ihm gewidmete Werk in uns ausgenommen haben. Denn stark beherrscht uns die Empfindung: Wir alle kommen mit einem guten und wertvollen Teil unseres ^inneren den tschjüdi schon Seins von Nießer her! Wenn Mendelssohn das deutsche Judentum sozusagen die deutsche Sprache lehrte, so ist es Nießer, von dem wir deutsch reden lernten, deutsch imt dem ganzen ungeheuren Gefühlswerte einer stürmisch begehrten, zu tiefst ausgenommcncn, mit Liebe besessenen Kultur erfüllt. Wir können bei der Anzeige dieser neuen Rießer-Biographie zu ihrer Einführung dem Autor im wesentlichen selbst das Wort erteilen, um ihn die Absichten seiner Studie und ihr Ergebnis Mitteilen zu lassen. Und es kann ihm bestätigt werden, daß er treu und ehrlich, kühl und verstandesmäßig, in echt deutsch-wifsenschastlicher Forscherweise und doch zugleich mit heißem Herzen seine Ausgabe dnrchgeführt hat. Friedlaender setzte sich das Ziel, „das Bild Gabriel Rießers in den breiten Nahmen der deutschen Zeitgeschichte, und hier vornehmlich der Politischen Problcmgeschichte im Zeitalter der Ncstauration und Revolution, zu stellen". Dadurch „unterscheidet sich die Arbeit von allen literarischen Versuchen, die sich bisher biographisch oder kritisch mit Nießer befaßt haben". Im Gegensatz zu diesen will Friedlaender das Leben Gabriel Nießers unter dem Gesichtspunkt einer politischen Biographie schildern und einen Beitrag zur inneren Geschichte Deutschlands nn 19. Jahrhundert liefern, indem er „neben der Schilderung der privaten Lebenstatsachen vor allem die beiden geschichtlichen Problemkomplexe, die das politische Dasein Rießers ausmachen — die deutsche Judenemanzipation und das deutsche Verfassungswerk von 1848149 —, heranszuarbeiten sucht." Ueber den Aufbau und die innere Disposition des Werkes, sowie über die Ergebnisse mag Friedlaender selbst berichten: „Der Gang der Untersuchung war in großen Zügen folgender: In einem einleitenden Kapitel waren die Grundlagen der Existenz Rießers auf ihre Vorbedingungen hin zu prüfen, hierzu bedurften die politische Situation und das allgemeine Zeitmilieu einer eingehenderen Schilderung. In dem zweiten Kapitel wird die Jugendzeit unter Ausblicken aus die allgemeine Zeitlage dargestellt. Das dritte Kapitel — der erste Hauptteil der Untersuchung — sucht Rießers Anteil an der deutschen Jndenemanzipation zu ersaßen. Das vierte Kapitel behandelt unter Hmzusügung allgemeiner Gesichtspunkte den Lebensgang bis zum Eintritt in das Frankfurter Parlament. Das fünfte nimmt den zweiten Hauptteil ein: Rießers Anteil am deutschen Verfassuugswerk. Eine allgemeine Schilderung der staatlich-politischen Fragen ist hier gleichfalls voransgcschickt; sodann wird die politische Entwicklung im Nahmen des Berhandlun^sverlaufes dargestcllt, um seinen Anteil an der Berfassungsarbeit und feine Stellung zu den Hauptproblemen erkenntlich zu »rachen. Das sechste Kapitel behandelt Spätzeit und Abschluß des Lebens unter Hinrveis aus menschliche WesenSzüge, das siebente ergänzt das vorangehende durch eine abschließende Charakteristik der Persönlichkeit und ihrer Wirkung auf die Nachwelt. In Nießer ist geradezu der Schöpfer der bürgerlichen Gleichstellung der deuischenInden zu sehen. Ferner besitzt er repräsentativeBäreutung für die seelische Reformation des deutschen Judentums im 19. Jahrhundert, indem er endgültig als politische Ethik das Bekenntnis zur Deutschheit sestlegte. Das Grundresultat der Untersuchung besteht darin, in Nießers Person die lebendige Einheit zwischen Deutschtum und Judentum erwiesen zu haben." Die Kapitelübersicht gibt nur schwache Andeutungen von dem ungeheuer reichen Inhalt des Buches, dessen 'Wert zum großen Teil in der außerordentlich guten Wiedergabe der Gedankengänge der wesentlichen literarischen Arbeiten Nießers liegt. Mit Staunen stellt man von neuem fest, in wie klassischer Weise hier die Formulierungen geprägt wurden, die unsere Stellung im deutschen Vatcrlandc begründete», und wie selbst wertvolle Gesichtspunkte zum Problem des Nationaljudentums vorweggenommen sind. Zwischendurch taucht die Gestalt Bisinarcks auf. und ein an sich recht unerfreuliches Zusammentreffen Heines mit Nießer bekommt durch eine feinsinnige analytische Gegenüberstellung dieser beiden zeitgenössischen deutschen Juden seine besondere Note. Alfred Hirschberg. *) „Das Leben Gabriel Rießers, ein Deutschlands im neunzehnten Jahrhundert" Preis 7,50 und 6,25 Mark. Beitrag zur inneren Geschichte von Fritz Friedlaender. ') Verlag I. C. Hlnrlchs, Leipzig lS25.