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Central-Verein-Zeitung · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 9 (September 1926)
Date
1926-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Ehamberlains Masse und Persönlichkeit/ Bon Professor Julius Goldstein (Darmstadt). Houston Stuart Chamberlain hat eine Reihe seiner früheren Aussätze, teilweise solche aus der Kriegszcit, neu herausgegeben'). In diesen Blättern waltet jener Geist echten Hochmuts und falscher Bescheidenheit, der zur Tragödie Deutschlands geführt hat. Hier waltet ein Rassendünkel — die Engländer haben dasür das Wort rncirrlisin geprägt —, der alles Gemeine und Häßliche fremden Böllern zuschreibt, alles Große und Schöne den Germanen. „Die Germanen im engeren deutschen Sinne sind die Gestalter der ganzen heutigen Welt" (also Napoleon, Lavonr, Washington waren Germanen im engeren deutschen Sinne!). Aber Chamberlain engt den Begriff des Germanen noch weitere ein. Nur die protestantischen Deutschen läßt er als eigentlich germanisch gelten. Bon den Katholiken heißt es: „Denn kann auch ein guter Deutscher zu Nom sich bekennen — daß er es tut, ist an ihm ein Undeutsches, steht im Schatten eines fremden, allem Germanentum feindlichen Gedankens." Die preußischen Könige sollen bewußte Rassenpolitik getrieben haben, als sie die sremdstäinmigen Protestanten ins Land riesen: „Sie wußten nämlich das eine genau: wer ein Protestant ist, der ist uns reinen Germanen sicher verwandt, der gehört uns an, gleichviel, woher er kommt." Annes Bayern! Die Aussätze aus den Kriegsjahrcn sind von glühendem Haß gegen England getragen, einem Hatz, der freilich im Munde eines geborenen Engländers peinlich wirkt'), der aber aus der " Kriegspsychose vielleicht entschuldbar ist; nicht entschuldbar aber sind die unglaublich törichten Argumente, die diesen Hast begründen sollen, und noch weniger entschuldlmr ist es, diese Argumente heute wieder der Oefsentlichkeit zu übergeben. Wenn England sich Kolonien schasst, so ist das „grundsätzlicher Raub". In einem anderen Aufsatz des gleichen Buches, „Die preußische Nasse", hat Chamberlain aber schon das obige Urteil vergessen und schreibt: „Preußen hat sich Territorien angceignet, wie England Kolonien, weil es sie brauchte, und weil cs gerade vermöge seines starken nationalen Charakters geeignet war, ein politischer Gestalter ersten Ranges zu werden." — Sind denn die Engländer keine politischen Gestalter ersten Ranges? — Wie kann man von den Engländern sagen, „es fehlt also jede sittliche Beziehilng zwischen einzelnem und Gemeinwesen", weil die Engländer sich gegen die allgemeine Dienstpflicht jahrhundertelang gewehrt haben. Wie kann man wiederum schreiben, daß der Deutsche^»der unhabgierigste Mensch auf Erden" sei — als ob die ErfajEmaen der Inflationszeit gar nicht vortzanden wären! Freili^Mx^AUssatz stammt aus dem Jahre 1917! Das mag zur EntMlwmung dienen, aber nicht dasür, daß Chamberlain solche Sätze uilbWichrt heute wieder veröffentlicht, als wenn inzwischen nichts «Mchen wäre. Freilich, für ihn ist nichts geschehen. Und das ist a# unsäglich Traurige an diesem Buche: ein Greis spricht zu uns, deXtzichts gelernt und nichts vergesien hat, ein Mann, der einst ein ganzes Geschlecht in den Bann seiner Ideen gezogen hat, Ideen, die als Schlagworte des Hasses und des Hochmuts in den Masten der Halbbildung (in- und außerhalb Deutschlands) offenkundiges Unheil noch heute anrichten. Ein Greis spricht zu uns, der daß Wort Raste immerfort wciterspricht, wähnend,'ßamit der Zeiten Dunkel Hellen zu können, ob er gleich dieses Dunkel über Deutschland uns) über Europa mit der Glorifizierung des Rassegcdankens. herbeizuführen geholfen hat. Ein Mann spricht zu.uns, der fürchtet, „mit dem Wort Abendland soll der Rasjengedanke untergraben werden", und der nicht begreifen kann, daß mir der lebendige Gedanke des Abendlandes die europäischen Völker von den durch seine eigenen Schriften mit entsesjel» ten wölfischen Instinkten des Rastenhasses besreien kann. Abgesehen von denjenigen Aussätzen, die als Nebenprodukte seiner größeren Arbeiten über Goethe und Wagner anzusehen sind, enthalten alle in „Raste und Persönlichkeit" vereinigten Arbeiten ein ungebrochenes alldeutsches Glaubensbekenntnis. Es ist mir nirgends klarer geworden als hier, wieviel die alldeutsche Ideologie diesem englischen Admiralssohn verdankt — auch in Ansehung ihres Antisemitismus, dem übrigens Chamberlain hier nichts Neues hinzugesügt hat. Der letzte Aussatz des Buches — das Vorwort zur vierzehnten Auslage der „Grundlagen detz neunzehnten Jahr- Hunderts" — atmet einen infernalischen Haß gegen die gegenwärtige Staatsform. Es gibt in diesem Aufsatz auch ein verstümmelies Zitat aus Platon, das vor einiger Zeit eine leichte polti) „Raffe und Persönlichkeit." Aufsätze von Houston StuartCham. berlain. F. Bruckmann B.-G„ München 1925. *) Houston Stuart Thamberlam ist 1855 als Sohn eine« englischen Abmirals geboren und vermochte erst, nach eigener Angabe, im 83, Jahre den ersten Aufsatz in deutscher Sprach« zu verüffentiichen. tische Erregung hervorgerufen hat. Der ehemalige Kaiser hatte in das Goldene Buch der Stadt Alteiiburg seiner Verachtung der Demokratie mit einem Worte Platons Ausdruck gegeben. Es stellte sich später heraus, daß Platon verstümmelt zitiert war. Wir wissen jetzt den Grund: Wilhelm II. hatte dieses Wort nicht der Politeia Platons, sondern Chambcrlains „Rasse und Persönlichkeit" entnommen. Sv lautet im weiteren Zusammenhang der Satz bei Chamberlain: Bei dem einzigen wirklich gebildeten Volk der Erde sollte der Gedanke an eine Demokratie überhaupt unmöglich sei». Schon vor 2400 Jahren urteilte der gescheiteste (sie) Mensch, der vielleicht jemals das Licht der Welt erblickte — Platon — über die Demokratie, sie zeichne sich unter allen Regierungssormen aus durch „ihre Unersättlichkeit im Reichtum und Vernachlässigung alles übrigen um des Geldmachcns willen". Diese letzten, in Ansührungszcichen gesetzten Worte, die ein Musterbeispiel der verfälschenden Zitiernngsknnst Chambcrlains sind, hat -sich der Kaiser zu eigen gemacht — als Dokument einer geistigen Verbundenheit, die alle Erschütterungen überdauert hat. Qetieimratfalkenheim 70Jah realt Am 4. September vollendete der Geheime Mcdizinalrat Professor Tr. Hugo Falkenheim in Königsberg i. Pr. das 78- Lebensjahr. Seit Jahrzehnten steht dieser verdienstvolle Vorkämpser für Deutschtum und Judentum an führender Stelle in unseren Reihen. Sein ausrechter, gerader Charakter, sein kerniges, frisches Wesen haben ihm die Liebe und Verehrung aller derjenigen erworben, die das Glück hatten, ihn persönlich nälmr zu kennen. Als Gelehrter und Arzt von einem Rus, der über Deutschlands Grenzen hinausgcht, hat es Falkcnheim zu einer Zeit, als viele, die Karriere machen wollten, dem Judentum den Rücken kehrten, verschmäht, sich durch eine Charakterlosigkeit seinen Weg zu ebnen. Ausrecht und treu in allen seinen Handlungen, hielt er auch dem angestammten Glauben die Treue und hatte jederzeit für alle jüdischen Dinge ein warmes Herz, Als Sohn eines Arztes, des Sanitätsrats Dr, Albert Falkenheim, in Pr. -Eylau geboren, kam Gchcimrat Jalkenheim in früher Jugend nach Königsberg, wo er das Gymnasium absolvierte. Hier wurde er durch seinen Großvater, Dr. Samuel Falkmhcim, der damals Sekretär der Shnagvgnigemeinde Ivar, in die hebräische Sprache und in das Judentum selbst eingeführt. Nach Besuch des Gymnasiums in Königsberg studierte er an der dortigen Albertina und in Straßburg im Elsaß und promovierte in Königsberg. Nach Spezialstudien in Wien und Leipzig war er viele Jahre hindurch als Assistent an der medizinischen Poliklinik in Königsberg bei Nannhn tätig. 188b habilitierte er sich hier. Im Jahre 1886 erteilte ihm die Königsberger Atbertus-Universität einen Lehrauftrag für Kinderheilkunde. Er wurde dann außerordentlicher Professor und Leiter der llniversitätskinbcrklimk, an deren Begründung er unter den größten Schwierigkeiten gearbeitet hat. Lange Jahre hindurch hat er in seiner Laufbahn darunter leiden müssen, daß er Jude war. Erst nach der Staatsimiwälzung wurde er zum ordentlichen Professor ernannt, nachdem er bereits unter dem alten Regime den Charakter eines Geheimen Medizinalrates erhalten hatte. Im Svmniersemester 1924 war er Dekan der medizinischen Fakultät, bis er sich am 31. September desselben Jahres emeritieren ließ. Trotz feines Alters meldete sich Gchcimrat Falleuheim freiwillig zum Kriege und war zunächst an der Front, später als Chefarzt eines Königsberger Festungslazaretts bis zum Kriegsende im Heeresdienst, aus dem er als General- Oberarzt der Reserve schieb. Von seinen Bcrufsgcnvsten wurde er in den Bor st and des Vereins Königsberger Aerzte gewählt und wurde Leiter der ärz!lick>en Untcrstützungskasse für Ostpreußen. Eine Reihe von Jahren war er Vorsitzender des Vereins ostpreußischer Aerzte. Jederzeit hat er für die Schwachen und Wodürftigen seine Hilfe zur Verfügung gestellt und eine ossen« Hand gehabt. Seit dem Jahre 1908 steht Gchcimrat Falkenheim an der Spitze unserer Königsberger Ortsgruppe dos Centralpereins, deren Vorstand er seit Begründung der Ortsgruppe angchört, und seit 1913 gehört er unserem Hauptvvr stände an. Auch an den Arbeiten des Landesverbandes Ostpreußen hat er stets mit großem Interesse teilgenommen. Dem Vorstand der Synagogcngemcinde Königsberg gehört er seit langen Jahren als stellvertretender Vorsitzender an. Der Centralverein sprach dem in jüdischen wie in nichtjüdischen Kreisen hochangesehenen Siebzigjährigen seine herzlichsten Glückwünsche ans mit der Hoffnung, daß er ihm als treuer Mitarbeiter und Vvrkämpser recht viele Jahre in voller geistiger und körperlicher Frische erhalten bleiben möge. Der Hauptvorst and glaubte die Verdienste Falkenheims nicht besser würdigen zu können, als daß er ihn an seinem Jubeltage zum. Ehrenmitgliede des Centralvereins ernannte, während der Landesverband Ostpreußen ihm die Würde eine s Ehren Vorsitzenden antrug. Wenn man sonst einem Siebzigjährigen ein otium cum dignitate wünscht, so würde man Geheimrat Falkenheim, der noch heute seinen Beruf als Arzt mit jugendlicher Frische ausübt und als Führer des Centralvereins wirkt, beleidigen, wollte man diesen Wunsch aussprechen. Wir hoffen im Gegenteil, daß der verdienstvolle Mann, dem noch heute keine Nachtstunde zu spät ist, für den Centralverein zu arbeiten, noch recht lange mit uns zusammewvirken möge, zum Hell and zum Segen des deutschen Judentums. Kurt Sabatzky. Verlag u.Schriftleituna: Centralvercin deutsch. Staatsbürger Ilid. Glaubens e.V., Berlin 81V 68, Lindenstr. 18. Für d. Echriftleit. vcraniw.:!. V. Dr. Alfred Wiener, Berlin 8W 68. - Druck: Rudolf Masse, Berlin SW 68.

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