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Central-Verein-Zeitung · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · page 5

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 9 (September 1926)
Date
1926-09-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Der Aug -es To-es. Gustav Roethe. Von Fritz Engel. Unerwartet ist wahrend eines Ferienansenthaltes in Gastein der Berliner Universliätsprofcssor, Geheimer Negierungsrat, Blitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Dr. Gustav Roethe gestorben. Er war eine markante Persönlichkeit der Berliner Hochschule schon in der wilhelminischen Zeit, er riicktc noch stärker in den Vordergrund, als diese Epoche vorüber war. Hatte ihm ehedem das Katheder als Ausgangspunkt seiner nicht alltäglichen Beredsam, kcit genügt, so glaubte ev nach dein Sturz des Kaiserreichs ein neuer Fichte werden zu können, so wie e r ihn verstand. Nachdem ihm der Weltkrieg, uni Noethcs eigene Wort« nnzuführen, „das höchste Gesühl irdischen Glückes" bereitet hatte, war er seht nicht nur zur Klage über das sür uns alle so traurige Ende angeregt, er sühltc vielinehr die Bernsuug, als Ankläger auszutretcn. Er ging in Volks- und Partoiversammlungen, und eiferte in schärfstem Tone des Demagogen gegen die Republik. Er nannte ihre Farben einen „elenden Lappen", er sprach von der „ehrlosen Nntionalbersammlung" und von dein „Halunlenparlament", er bewars best damaligen Reichskanzler Dr. Wirth mit der ilnerhörtcn Beschuldigung, daß er aus einen Wink Frankreichs ohne weiteres neue Gebietsleile ansliesern würde. Man kann in solchen Acußerungen die Anzeichen einer schon mehr bemitleidenswerten Nachkriegspsychose sehen, und als ausgesprochen Politische Kundgebungen hätten sie an dieser Stelle leine Erwähnung zu finden, wenn Roethe in seiner llebcrreiztheit nicht auch dem Judentum h e g e n ü b e r ins -Reaktionäre abgeglitten und dem krächzenden antisemitischen Saxaphon die schärssten und widerlichsten Tone abgelockt hätte. Er, der einem liberalen Verlegerhause entsprossen — sein Vater war Besitzer des im Dienste allgemeiner bürgerlicher Freiheit tapfer bewährten „Grandenzer Geselligen" — eben dieser Gnstav Roethe wandte sich, bekleidet mit dein Ansehen eines Universitätslehrers und Geheimrnts, an das willfährige und urteilslose Ohr jener Masse, die gewisse Versanmilnngei, zu besuckM Pflegt, um ihre dnnipfen Haßgesühle von einer „Autorität" bestätigt zu hören. Dort sand Roethe Schlagworte, »m die ihn ein im Hauptberuf tätiger und dafür bezahlter Agitator beneiden mußte. Er wetterte gegen die drei P's, die das Unheil Deutschlands bedeutete», gegen Presse, Parlament, Pöbelherrschaft, er sprach von dem jüdischen Einfluß, der sich in diesen Instituten breit macht, und die Demokratie nannte er eine „jüdisch-französische Erfindung". Natürlich, er wußte eS besser. Der nicht unbewanderte Professor Hatto von den Demokratie» des Altertums gehört, sür die inan beim besten Willen die Juden oder die Franzosen nicht verantwortlich machen kann. Aber sein Wille war schlecht, er wollte die Gemüter ansreizen, er wollte dem Pöbel, den er doch zu bekämpfen vergab, das vorfistende Zuckerwerk solcher Formulierungen in den Mund stecken, leshalb verstieg er sich auch zu dem von Beifall umgrölten Satz: „N i ch t s wird vom Judentum feindlicher empfunden als d e u t s ch e s Wese n." Es ist schwer, einer so dreisten Behauptung gegenüber die Abgcuwgenheit des Ausdruckes zu wahren, di« man einem Toten nicht borenthalten möchte. Aber der Roethe, der das Wort nicht halten konnte, der sich an seinem eigenen Redeschwall ausregte und dann, wie einTrunkener, sein Innerstes offenbarte und herausdonnertc, dieser Roethe war noch nicht der eigentlich Gefährliche. Was er sagte, war wenigstens deutlich. Man wußte, woran man war, und konnte zurnckschlageu. Aber er stand doch im Hauptamt aus dem Katheder der größten deutschen Universität, zu seinen Füßen die Studentenschaft — lange tahre nur junge Männer, denn der nicht nur in seinem literarischen pczialfach inittelalierlich orientierte Roethe wollte von studierenden Frauen nichts wissen — und auch von dieser Stelle aus konnte er sür seine Tendenzen wirken. Er war nicht der Mann, darauf zu verzichten. Hier Pflegte er mehr die besondere Kunst, und er verstand sich auf sie, Gesinnung zwischen den Worten zu Produziercn und sie ins Gemüt der Anshorchenden hinüberzusadeln. Noch ein anderes Podium ward ihm dazu gegeben: der Präsidentenstuhl der Deutschen G o e t h e - G e s e l l s ch a f t. Viel, leicht fühlte er im innersten Herzen selbst, daß er diesen im höchsten Sinne neutralen Sessel nicht einnehinen dürfe, er verachtete ja auch die „Mehrheit", aber er gab nach, als sie ihn aus beit Thron erhob. Von da aus hielt er politisch aggressive Reden oder er ließ sie halten, Reden, von denen er behaupten konnte, daß sie gar nicht politisch oder polemisch wären. Er zeigte die MaSke der Ueberparteilichkeit undwar dennoch Parteimann. Er lehnte nicht ab, bei den Beratungen und an der Festtafel gesellig mit einigen Inden zu verkehren, soweit sich nicht andere fanden, die auf eine Verbrüderung inter pocula lieber verzichteten. Die Stellung als Präsident war ihm zu lieb, der Einfluß, den er heimlich üben konnte, war ihm zu wertvoll, als daß er es hätte aus offenen Kampf in diesem Kreise ankommen lassen. Von der Feindschaft des Judentums gegen das deutsche Wesen sprach er hier nicht, in diesem Saal nicht, wo man ihm aus dem Mitgliederverzeichms der Goethe-Gesellschaft und aus ihren Jahrbüchern den großen geistigen und opferbereiten Anteil der Juden an der eminent deutMn Goethe-Sache überwältigend hätte Nachweisen können. Hier wurde der Antisemitismus R o e t h e s und seiner den- Vorstand mitbeherrschenden Gesinnungsgenossen latent, er verkroch sich in eine stille Opposition. Ich erinnere mich wohl noch des eisigen Schweigens und der stumm obstruierenden Ablehnung, als der Wunsch geäußert wurde, einen Dichter wie Hugo v. Hosmannst h n l in den Borstand zu wählen, einen- Mann, der zudem die enge geistige Verbindung zwischen dem Deutschen Reich und Deutschvsterreich dargestellt hätte. Niemand, auch Roethe nicht, sprach laut: „Aber das ist ja ein Jubel" Wi-r hörten es dennoch. Und dieser schweigende, sich unter Umständen klug bezähmende, gelegentli-ch auch einem Juden znlächelnde Roethe ist mir stets als der Gefährlichere erschienen. Ru-olf Eucken. Bon Dozent Dr. Albert Lewkowitz (Breslau). Im 81. Lebensjahre ist Rudolf Süden dahingeggangen. Noch vor drei Jahren erschien „Erkennen und Leben" in wesentlich umgestalteter Form. So vertiefte Eucken in immer neuer ein» drmgender und edler Auseinandersetzung mit dem Geistesleben der Zeit feine Weltanschauung, die eine nnssenschaftliche Erneuerung des religiös-sittlichen Idealismus Fichtes bedeutet. Wir nennen von seinen Werken außer den in 18 Auslagen erschienenen „Die Lebensanfchaulmgen der großen Denker", „Der Kampf um einen geistigen Lebensinhalt", „Der Wahrheitsgehalt der Religion", „Der Sinn und Wert des Lebens", „Geistige Strömungen der Gegenwart". Dein Neukantianismus, vor allen: Hermann Cohen, verdankt Eucken daS Ergreifen deS philosophischen Idealismus in seiner systematischen Bedeutung für die Weltanschauung der Gegenwart. Ihm verdankt er die wissenschasitiche Ueberwindung der naturalistischen Lebensanschauung in der Erkenntnis, daß, wie sehr die Natur von mechanischen- Gesetzen beherrscht wird, in denen kein Sinn und Zweck, keine Rücksichtnahme aus geistige Werte waltet, der Mensch, obwohl zur Natur gehörig, aus seinem Geiste heraus eine Welt -der Wahrheit, der sittlichen Erkenntnis, der künstlerischen Gestaltung zu schassen vermag. Mit jeder Erkenntnis des wissenschaftlichen Denkens, jedem Ergreifen sittlicher Ziele, jeder künstlerischen Beseelung des Stosfes entreißt sich der Mensch der Sinnlosigkeit des Meinens, der Triebe und des Chaos und gestaltet eine Welt des Geistes, der Wahrheit, der Güte und der Schönheit. Wie aber diese Schöpfungen des Menschengeistes aus der Natur und im Gegensatz zu ihr Hervorbrechen, ist der Geist machtlos gegen die Gewalt der Natur außerhalb des Menscl-en, wie auch gegen die Gewalt der Natur in der Seele des Menschen, in der Seele des einzelnen und in dem seelischen Leben der Gemeinschaft. DaS Geistesleben ist so von der Unsicherheit seines Bestandes bedroht, die auch die innere Stetigkeit, Tiefe und Kraft der Ueberwindung des Sinnlosen gefährdet. Soll die Welt des Geistes nicht nur eine anfleuchtende, bald wieder zurückfallende Welle des Lebens sein, so erfordert das Geistesleben der Menschheit seine metaphysische Begründung in einem llberweltlichen universalen Geistesleben, zu dem das Geistesleben der Menschheit sich erhebt und aus dem es seine weltüberwindende Kraft gewinnt. In dem mutigen Eingreifen dieses göttlichen Lebensgründe? der Natur und des Menschengeistes bekennt sich Eucken zur Wahrheit der religiösen Weltanschauung, nicht ohne an ihren Ansdruckssormen in de» geschichtlichen Religionen, vor allem auch im Christentum, eine ausrichtige Kritik zu vollziehen. . Es ist das Verdienst Euckens, dem Neukantianismus zum Neu- FichieaniSmus sortgebildet und hierdurch die Bedeutung des sittlichen und des religiösen Bewußtseins für das Wirklichkeitsbcwußtsein geltend gemacht zu haben. In der Anerkennung de8 Sittlichen als Tat der Freiheit ist der Persönlichkeit und der Selbständigkeit des Geisteslebens Raum gegeben. Der mechanistische Entwicklungsbegriss ist dem Begriff „historischer Entwicklung" als schöpferischer Entwicklung des Geisteslebens gewichen. Und in der Berankernng des Geisteslebens in Gott ist Gott der das Geistesleben tragende heilige Wille. Nun sind Ossenbarung. Gnade, Freiheit wiederum Begriffe von metaphysischem Gehalt. In dem Bestreben, zur idealistischen Bertiesung unserer Zeit durch organisatorische Zusammenfassung gleichgerichteter Kräfte beizutragen, ist vor einigen Jahren der Eucken-Bund gegründet worden. Wie groß Euckens moralischer Einfluß in diesem Bunde naturgemäß war, so dürfte aber die poli-iisckie Führung des Bundes nickst in seinen Händen gelegen haben. So konnte eS nicht auSbleiben, daß in einzelnen Ortsgruppen dieses Bundes völkische und nntifemitifdyc Tendenzen hervortraten-. Wir müssen es beklagen, daß Eucken, vielleicht infolge seines Alters, nicht in der Lage war. mit entschiedenem Geiste diese Bestrebungen aus seinem Bunde auszuschliehen, wie sehr er auch Persönlich dem Judentum und den Juden gerecht zu. loerden suchte.

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