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Central-Verein-Zeitung · 1926-09-01 · Heft 9 (September 1926) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 9 (September 1926)
Date
1926-09-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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6$ „Nationale /lutonomie." Genfer Nachklänge. / von Dr. Paul Nathan. Neben den großen Vorgängen, die sich soeben in Genf abgespielt haben, ging dort, in dieser Stadt internationaler Politischer Beratungen, in diesem Anti-Babel, wo aus der Zersetzung Harnivnie geschaffen werden soll, auch ein invsfizieller Kongreß nationaler Mi u d e r h c i t e n einher. Der Krieg der Staaten gegeneinander soll gebannt werden; und der Krieg innerhalb der Staaten oder zum wenigsten die zersetzenden, verbitternden Gegensätze im einzelnen Staatskörper desgleichen. Auf diesem Miuderheiteulvngreß wurde auch das jüdische P r o b l e m behandelt: die Frage, wie die Reibungen innerhalb eines Staatsgebildes, die zwischen Inden und Nichtjuden vorhanden sind, ausgeschaltet oder doch zur Bedeutungslosigkeit herabgemindcrt werden könnten. Ohne weiteres statuierten jüdische Redner auf diesem Kongreß, daß die Juden eine „Nation", ein „Volk", eine ethnologische Einheit seien, obgleich sie seit zweitausend Jahren keinen eigenen Staat mehr besitzen, obgleich sie dement-- sprechend seit ebenso langer Zeit keine gemeinsame Werktagssprache sprechen, obgleich sie >vie politisch, so in der Kultur an die Entwicklung anderer und der verschiedensten Völker angegliedert sind, und unzweifelhaft in einem Umfang, der nicht näher bestimint werden kann, sich mit jenen vermischt haben, und obgleich sie nur ein einziges gemeinsames Band umschlingt: ihre Religion; und eines kommt angeblich noch hinzu, die sogenannte „Blutsgemeinschaft", ein Kriterium, das naturwissenschaftlich-exakt aussieht, und mit dem die exakten Naturwissenschaften nichts, aber auch gar nichts in diesem konkreten Falle anzusangen vermögen. Schließlich bleibt die kruinme Nase übrig, die viele Inden nicht ihr eigen nennen, und die schwarzen, Haare und die dunklen Augen, und auch diesen Eigentümlichkeiten entziehen sich viele Juden mit durchaus anders geformten Nasen und mit hellen Haaren und hellen Augen. So bleibt übrig: Jllde ist, wer sich zum Judentum bekennt, und das tun auch die Abkömmlinge der südrussischen Ehasaren, die Semiten ganz und gar nicht sind, und die schwarzen Juden in Abessinien, hinter deren Abstammung ein großes Fragezeichen zu setzen ist. Also Jude ist jeder, der von Bckennern der jüdischen Religion abstammt, und auch hier stocke ich schon faustisch, denn: kater semper ineertus. Freilich ist eines nicht zu bestreiten: Es gibt bekanntermaßen Juden, und diese Juden sollen nach Ansicht jüdischer Vertreter auf dem Minderheitenkongreß, wo sie „zahlreich" sind, durch eine völkische Autonomie beglückt werden. Unter welchen Voraussetzungen ist nun diese völkische Automie zu erstreben? Es soll die Sophisten-Frohe nicht aufgeworfen werden, wie viele Sandkörner sind m einem Hausen Sand notwendig; es mag also nur awg-edeutet. werden, welche Schwierigkeiten es macht, den Anspruch auf elfte politische Autonomie einigermaßen sachlich, das heißt zahlenmäßig zu umgrenzen. Daß es eine politische Karikatur ergeben würde, verschwindende Minderheiten mit einer Autonomie zu beglücken, ist klar. Die Beglückung wäre überdies eine fitrchtbare Last; denn daß die Minderheiten für ihre speziellen Einrichtungen auch finanziell aufzukominen hätten, ist wohl unabwendbar; ich wenigstens kann mir keinen Staat vorstellen. in dem die Majorität bereit sein würde, auch jene Lasten tragen zu Helsen, die den Liebhabereien der Minoritäten ihre Entstehung verdanken. Die Minoritäten würden im allgemeinen unter'dieser Bürde, die sie häufig bis zur Ueberbürdung drücken könnte, furchtbar seufzen, und sie würden bald froh sein, die Last, die man ihnen als Wohltat anpries, wieder «diversen zu können. Und bis zu welcher Grenze geht die Autonomie? Die großen Entscheidungen im Leben der Völker bringen schließlich die Existenzkämpfe; Existenzkämpfe nach außen, die wir Kriege nennen, und Existenzkämpfe der Massen int Innern, die wir in ihrer letzten Zuspitzung Revolutionen nennen. Sobald die politische Entwicklung zu letzten- Konsequenzen sich auswächst, zerbricht die schattenhafte Autonomie, und der jüdische Proletarier wivd vor allem proletarisch empfinden und handeln, und der jüdische Patriot: — national als Deutscher, als Franzose und so kort, und nicht als Jude; ariS Instinkt wie atls Interesse; beide fallen schließlich in letzten Entscheidungen bei gesund empfindenden Menschen immer zusammen. So bleibt für die Autonomie das religiöse Gebiet — über besten selbständige Gestaltung eine Meinungsverschiedenheit nicht besteht — und das Erziehungswesen im allgemeinen. In engeren Grenzen haben natürlich in allen zivilisierten Staaten die Eltern das- Recht, die religiöse Erziehung der Kinder zu leiten und zu gestalten. Jede Einengung auf diesem Gebiet iväre verwerflich; und auch für die Erziehung im wsiteren Sinne kann der inoderne Staat große Freiheiten gewähren; freilich mit einer Folgewirkung: erzieht eure Kinder wie ihr mögt; aber im Staatsdienst, den ich, der Staat, einrichte und überwache, kann ich nur jene Elemente gebrauchen, deren, Eignung für ihre Aufgabe ich als ausreichend erachte; und entsprechen eure Minderheitsschulen diesen meinen Ansprüchen n i ch t, so schließt ihr eure Kinder damit freiwillig voni uninittelbaren Dienst am Staate aus. Bcdeiltet die „kulturelle Autonomie", die eine kleine Anzahl jüdischer sogenannter Politiker erstrebt, ungehinderte Entfaltung jüdischer religiöser UnterweisurtG so ist gegen -dieses Streben nicht das g e r i n g st e einzuwenden, und um so weniger, da kein Kulturstaat solcher Entwicklung Hindernisse in -den Weg legt. Bedeutet aber kulturelle Autonomie, wie jüdische Ideologen und Phantasten es wollen, daß, durchorganisiert durch das gesamte Staatswesen, die Juden als ein Sondevkörper mit Sondereigenschaften und Sonderzielen im Staate leben und sich betätigen, so wäre das die Aufrichtung eines modernisierten, und zwar freiwilligen Gettos: die freiwillige Jiiidenabsonderung im Staate unserer Tage. Daß aus dieser selbstgeschaffenen Absonderung sich in kurzein Reibungen entwickeln würden, ist naturgemäß, und von Reibungen zur Feindschaft ist nur ein ganz kleiner Schritt. In Litauen sind tatsächlich diese Stadien durchlaufen worden. Wer die Mische st a a t l i ch e Autonomie will, fördert unmittelbar die I u d en f e in d s cha st. Die Politische Autonomie ist ein Geschenk, mit dem die Antisemiten das Judentum beglücken könnten, wenn sie llug wären; sie bedeutet: Absonderung, Isolierung, Feindschaft, Einsiußlosigkeit. Der moderne Staat organisiert nicht Rassen und politisch nicht Religionsgemeinschaften, sondern nur Staatsbürger gleichen Rechts, in der die Minderheit dev Juden sich auf die politisch gleichstrebenden Nichtjnden zu stützen vermag, und für die gemeinsamen Ziele kämpfen-dann beide und siegen sie gemeinsam. Das fiuslanö über üen Antisemitismus in Deutschland. Der Berliner Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung" gibt seinem Blatte in summarischer Form einen Ueberbttck über Ursprung, Gründe und gegenwärtige Lage der Politischen, gescllschastlichen und wirtschaftlichen Judengegnerschast und betrachtet dann de» auch im Auslände starkes Aufsehen erregeHpn Fall Haas„ Der Artikel stellt dar, wie sich aus der sw Alogischen Grundlage des „ch r i st l i ch e n S t a a t e s" die Tatsachen von der Ausschließung der Juden von der Offiziers-, Beamten- und Richterlausbahn als Selbstverständlichkeit ergaben, so daß die jüdische Intelligenz sich in die freien geistigen Berufe begab und hierbei eine unteilsmäßig hervorragende Rolle zu spielen begann. So scheine es begreiflich, daß die übergroße Zahl der bcutfrfjen Juden Anhänger . der Republik wurden, die ihnen die volle staatsbürgerliche Gleichberechtigung auch in der Praxis brachte, „nicht bloß, wie vielfach unter der Monarchie, in der Theorie, oder erst wenn sie getauft waren". Der Aussatz stellt dann weiter fest, daß die gesellschaftliche Anerkennung auch jetzt noch ausbleibt, und wie der alte Beamtenstand und der akadciiiische Nachwuchs als traditioneller Nachfolger der früher kaiserllchm Beamten und Ossiziere dem in die früher ihnen vorbehalienen Berufe eindringenden jüdischen Element mit starker Gegnerschaft entgegentritt. Der Antisemitismus ist so eine Erscheinung geworden, die in irgendeiner Form bei Austragung politifcher Dissereuzen eine wesentliche Rolle spielt. Wörtlich heißt es: „Denn die Reizbarkeit links wittert überall den Antisemitismus, und die Verbissenheit rechts überall den Juden als Wurzel vielerlei Uebels. Dabei ivird derjenige, der die Verhältnisse kennt, auch wenn er der deutschen Republik keine zu große jüdische Dosierung wünscht, billigcrweise offen anerkennen müsien, wieviel große wissenschastliche, literarische und auch künstlerische Leistungen auf das Konto der deutschen Juden kommen, und wie stark ihr soziales Empfinden, wie viel Ehre sie sich und ihrem Lande machten. Namentlich ist aus dem geistigen Leben und der ökonomischen Entwicklung Berlins das jüdische Elenicnt als ungemein treibende Kraft überhaupt nicht hinwegzudenken . . Allch in der Entwicklung des Falles Haas erblickt der Verfasser des Aufsatzes nichts anderes als die erwähnte eigenartige Wirkung des Antisemitismus aus Gegner wie Freunde der Juden. Ans einer im Kern im wesentlichen richtigen Beurteilung der Sachlage werden teilweise überspitzte und deshalb irrige Schlußfolgerungen gezogen. Immerhin beweist das nur, tote sich in der Borstellung des Auslandes die innerpolitische Situation Deutschlands in dieser Hinsicht darstellt, und man kann nicht behaupten, daß dieser Eindruck sehr schmeichelhaft sei.

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