Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 9 (September 1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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öö m a n n 8 letztem Artikel in der „S .anatsnnZgabe der 6. V.° Zeitung" durch willkürliche Auslassung eines Satzes. Beachtenswert ist aber, das; auch das Organ Adolf Hitlers, der „Völkische Beobachter", bezüglich der Eisenbahnkatastrophe in die gleiche Kerbe haut wie Streicher und Holz. In der Nummer dieses Blattes vom 24. August wird das Thema von den „Berliner D a w e s - Juden" unter der Ueberschrift „Der Totentanz auf der I n d c n b a h n" «-gehandelt, und zwar mit dem charakteristischen Schlußsatz: ,Mtzt die Inden und Berliner Dnwes-Brüdcr nur noch kurze Zeit weiter wirtschafien und das Unglück für Deutschland ist nicht abzn sehen. Wen» die Ansbentnngswnt eines PrivatbetriebeS zur öfsenilichen Gefahr für Gut und Mut von Millionen von Bürgern wird, dann liutfj der Staat eingreisen. Wenn er es nicht tut, darf inan sich nicht wunder», w e n n das gepeinigte Volk sich einst selber hilft." (!) Es ist ein trostloses Faktum, daß die jüdischen Staatsbürger Deutschlands dieser verbrecherischen Hetze gegenüber recht- und schutzlos dastehen. Diese Hetze gegen ihre „Rasse", sie gefährdet sie als Bürger dauernd, indem sie persönliche Schädigung bis zur Auslösung von Gewaltakten gegen sie provoziert. Wo bleiben für sie die el ein e n t a r ste n Garantien des Rechts st a a t e s? Das deutsche Strafgesetz bietet keinen Schutz vor dieser Gefahr. Möglich, dasi der Erobe-Unfug-Paragraph, von den Staatsanwälten des kaiserlichen Deutschlands gegen Sozialdemokraten oft genug mit Erfolg angelvandt, hie und da gegen solche Rassenhetze vielleicht anzuivenden lväre, aber dieser Schutz wäre, selbst w e n n er in Funktion träte, ein Pappschild. Die antisemitische Hetze, wie sie einst Stöcker, Ahlwardt und Genossen im kaiserlichen Deutschland trieben, hat, wie gesagt, den g e g e n lv ü r t i g e n G r a d v o n R u chlosigleit nie erreicht. Bei der feigen Devotion, mit der damals diese antisemitischen Elemente „nach oben" schielten, genügte außerdem zeitweilig ein kleiner Wink ans den oberen Regionen, um diese Hetze einzudämmen und ihre irgendwie hervorragenden Vertreter zu isolieren. In der Republik fällt das weg. Trotzdem die Träger der Reaktion ihr von vornherein das Odium der „Judenrepublik" anhefteten, trieb und treibt sie ihre politische Duldsamkeit so weit, daß Mvrdhetze und Rassenhetze in ihr goldene Zeit haben. Man mag zu dieser Toleranz grundsätzlich stehen wie man will, so müs-te man doch blind sein, wenn man die v e r h ü n g n i s v o l I e n Folgen übersehen wollte, die aus ihrer Ausnutzung seitens e i n e r P r e s s e v o n u n g e h e m m t e r U n w a h rhastigkeit uird Roheit für das gesamte Volksleb e n e r w a ch s e n. Es darf ja dabei nicht außer Acht gelassen werden, das; das deutsche Volk durch Weltkrieg, Zusammenbruch, Inflation und schwerste wirtschaftliche Nöte in seinen tiefsten Tiefen aufgewühlt und in anormaler Weise reizbar geworden ist; die gewalttätige Gesinnung bei den radikalen Gruppen rechts und links sind untrügliche Beweise dafür. Die Atmosphäre ist mit Zündstoff genug geladen. Tie Vorgänge vor wenigen Jahren in Berlin, wo aus einem geringfügigen Anlaß am städtischen Arbeitsnachweis sich ein tagelang währender Tumult und eine förmliche Belagerung des „Scheunenviertels" durch eine politisch indifferente, verhetzte Menge entwickelte, zeigen auch, in welche Richtung skrupellose Hetzer die Verheerung einer eventuellen Explosion zu lenken versuchen. Der Versuch wird freilich in den G r v s; - städten an der politischen Schulung der Arbeitermassen scheitern. Anders aber steht es vielleicht in der Provinz, besonders auf dem flachen Lande. Dort finden ja auch die Blätter, die ihr Dasein auf antisemitische Hetze gründen, ihr eigentliches Publikum". Und dort muß schließlich die Gleichheit aller Staatsbürger, so stark sie verfas sun gsmäßig vera nke rt scheint, im praktischen Leben zur Farce werden. Der Klassenhetze hat der Rechtsstaat Schranken gefetzt, nicht so der Rassenhetze. Kein Wort gegen das Palladium der Pressefreiheit. Aber es erhebt sich die Frage, ob ein Rechtsstaat Auswüchsen gegenüber, die die Gleichheit aller Staatsbürger a u s l ö s ch e n und die Ruhe und Sicherheit eines erheblichen Volksteils beeinträchtigen, auf die Darier einspruchlos verharren kann, ohne sich selbst aufzugeben. Wl HO», fonöem Heben! Ein katholischer Geistlicher Wer seine Begegnung " mit Juden. Der katl-,Bische Siadipsarrer in.Neustadt (O.-.Schl.), Erzpriester Hermann Jvses Hübner, Leser unserer Monatsausgabe, sendet uns in, Anschluß an den Aussatz von Prosessor Carl Maria Kaufmann (Franksurt a. M.), „Ter Papst über den Judentzaß", einen Auszug aus einein Artikel des Nciigivnslchrers am katholischen St.-Mathias- Ghinnasium in Breslau, Professors Hermann H o s s m a » n , „Unterwegs". Der Artikel ist in der Augustnummer der von Professor Hvsfnnrnn redigierten Monatsschrift für Theologie, praktische Seelsorge und Neligionsunterrricht „Die Seesorge" erschienen und gibt, wie Pfarrer H ü b n c r schreibt, einen Beweis von der Friedensliebe des Verfassers. Psarrer Hübner schließt seinen Brief mit den Worten: „Wie schön wäre es im deulschen Vaterlande und ans der Welt, wenn wir in wahrer Nächstenliebe »ns wieder besser verstehen wvlllen und als Kinder des himmlischen Balers gegenseitig achten würden. Edle Züge >vic die vorliegenden müssen doch auch die größten Judenhasser bewundern. Nicht hassen, sondern lieben sollen wir einander." Prosessor Hermann H v s s >n a n n* berichtet: „Nach St. Gabriel in Mödling fuhr ich mit der Elektrischen. Einmal mußte man umstcigen. Ein Herr lvies mich freundlich zurecht. Im Wagen bat er höflich, sich mir gegenübcrsehen zu dürfen. Sachkundig und liebenswürdig erklärte er mir alles, was wir sahen. Als er hörte, daß ich aus Breslau bin, sagte er: „Dort haben wir ja unser theologisches Seminar. Das ist weltberühmt." Da merkte ich erst, daß e8 ein Jude war. Warum sind die oft jo freundlich, so menschlich, so menschenfreundlich? Aus Angst, um die andern sich günstig zu stimmen? Stirbt da vor kurzem ein jüdischer Berlaasbuchhnndler, den ick) gut kannte. Er sitzt ln unserer schlimmsten Zeit zur Messe in Leipzig im Hotel. Da kommt ein barfüßiger Knabe und bietet Schnürsenkel an. Weil der Junge gar so elend aussah, laßt der Buchhändler ihm Essen geben. Ter Knabe bittet, ob sein Bruder, der draußen wartet, wohl mitessen dürste. Der Jude bestellt auch diesem barsntzigen Jungen Essen. Aber die Gaste murren, sie dulden nicht, daß barfüßige Jungen im Gastzimmer essen. Der Direktor des Hotels muß den Verleger bitten, die Jungen wegzuschicken, die Gäste wünschen es. So vertrieben deutsche Christen den deutschen Juden a u S dem Hotel, weil er gut war. Am Fronleichnamsfcst treffe ich einen jüdischen Kaufmann, der mir seine Freude sagt, daß das Wetter zur Prozession gehalten hat. Nun erzählt er, sein Vater hat Fronleichnam ihnen als Kindern gesagt: „Wenn ihr die Prozession sehen wollt, laßt die Mützen zu Hause." Vom Vater habe er es, gegen Andersgläubige anständig zu sein. „Die Juden sind ja bekannt dafür," sage ich, „daß ste Vater und Mutter ehren." „Ja," sagte der Jude, „darauf halten wir. 43 Jahre ist meine Mutter tot, und nie habe ich an ihrem Todestage das JahrtagSgebet vergessen und nie vergessen, an diesem Jahrestage ihr zu Ehren die Kerze zu brennen. Beim Militär Hütten die christlichen Soldaten mich aufgezogen, da Hab' ich das Licht im Schranken angezündet und dort versteckt." Müssen wir das nicht achten? Gibt das nicht zu denken?" „Das große Notzeichen." ver §all Schlesinger. Dis rechtsradikal-völkische Presie, die das surchtbare Unglück bei Leiferde als. ein „Attenrat der Dawes-Juden" bezeichnet hatte, jubelte auf, als es sich ergab, daß einer der beiden verabschcuungskvürdigen Attentäter den in völkischer Beziehung verdächtigen Namen Schlesinger trägt. EL war also doch ein Jude Urheber des Unglücks gewesen, und bald war der zweite Verbrecher nichts anderes als das willenlose und verführte Werkzeug in der Hand des raffinierten Juden. Als dann die große Presse sehr deutlich und wohlbegründet Schlesingers Konfession und Abstammung als durchaus nichtjüdisch feststellte und gelegentlich darauf hinwies, daß er der Sohn einer Witwe sei, da war für die Blätter vom Schlage der „Mecklenburger Warte" und des „Deutschen Tageblatts" erwiesen, daß das eine Entlastungsoffensive der „verjudeten Freimaurerei" sei. Triumphierend stellten diese Blätter fest, daß die Formel für das große Notzeichen der Freimaurerei, aus Grund besten jeder Freimaurer dem anderen unter allen Umständen zu Hilfe kommen müsse, laute: „Zu mir, Ihr Kinder der Witwen." Also, folgerten diese schlauen Herren, besteht ein Jntereste des Judentums an Schlesinger, orgo: Schlesinger ist doch Jude. Und doppelt groß war der Reinsall, als in allen Blättern die Meldung verzeichnet war: Der „Jude" Schlesinger ist 1920 Mitglied des „Deutschvölkischen Schuh- und Truhbundes" ln Bamberg gewesen cmd seinerzeit wegen nicht genehmigter Verbreitung judenseindlicher Flugschriften zu 35 Mark Geldstrafe verurteilt worden. Anscheinend hat man seinerzeit vergessen, das „große Notzeichen" zu geben, um Schlesinger die 35 Mark zu ersparen ... In Bamberg, >vo die Behauptung, daß Schlesinger Jude sei, in hetzerischer Form durch ein Flugblatt verbreitet worden war, erfolgte durch die energische Intervention unserer dortigen Ortsgruppe die Beschlagne,!,ine des Flugblattes und im Anschluß daran die Feststellung von Schlesingers Vorstrafe.