Mannheim
Compact Memory

Central-Verein-Zeitung · 1926-08-01 · Heft 8 (August 1926) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 8 (August 1926)
Date
1926-08-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2571117-2571118-2571126--070-2571364
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wer ist der teste Misthel / ’TSXrjL Im August-Heft der völkischen Zeitschrist „Deutschlands Erneuerung" veröffentlicht der Rektor der Universität Erlangen, Professor Dr. Stöbert Gr ad manu (Erlangen), die von ihm gehaltene Rektvratsrede über „Volkstum und Rasse in Süddenlsch- Innd", Aus dieser Siede sind folgende Gcdankengänge von um so grvhcrcr Bedeutung, als sie iii einer streng völkischen, antisemitischen Zeitschrift vcrösscntlicht werden. Gradmann geht von der Tatsache ans, daß die Bevölkerung innerhalb des Reiches keineswegs als rein deutsch im Sinne der „Rasscntthcorie angcsprvchen werden kann. „Wie stark die Beimischuna von slawischem Blute sein muss, beweisen unmiitelbnr die Abertausende von slawischen Familicniiaincn, deren Träger sich übrigens an trcudcutscher Ecsiunnug von niemand Übertressen lassen. B v l k s t u m und gar nntivn ale Gesinnung, um dies gleich v o r w c g z u n c h m e n. sind überhaupt nicht an die Rasse g c b n n b e ti»), nirgends kann man bessere Deutsche sindcn als in Südtirol, Kärnten r,ud Steiermark, und doch ist die dortige deutsche Bevölkerung ausserordentlich stark mit rätoromanischem und slawischem Blute geinischd Durch diesen Sachverhalt wird der Abstämmlings- und Rnsscnsrnge von vorn herein die peinlichste Spitze abgebrochen-, der g e w i h nicht r, n edle Wettstreit um die Ehre, der beste Deutsche z> sc ln, mu b aus a iiderem Boden, durch den Tat beweis entschieden werden*)." (S. 136.) Nm zu zeigen, das; Sliddeirtschland nicht altcS, rcindeutfchcs Kcrnland sei, wie früher allgemein nngcuomincn wurde, weist Grad m a n aus die anthropologischen Erhebungen hin, die auf Anrcgun Birchows seit 1874 vorgenoinurcn lvnrden. „Entgegen aller Erwartung siebte sich heraus, das; die Pwzenizahl der Blonden und Blauäugigen ihren Eipselpnnlt durchweg im Norden erreich!; davon schlicht sich auch das ostelbische Tiefland nicht aus. In Mitteldeutschland sind schon mehr Lrünciic bcigciiüscht, und in einzelnen Teilen Deutschlands und noch mehr in der Schweiz und in den österreichischen Alpenländcni sind sie bereits in der llcberzahl. Dirchvw zieht daraus den Schlnb, die Rückwanderung der Deutschen ittS ostelbische Tiefland sei so stark gewesen, dass das dunklere slawische Element dort fast ganz verdrängt wurde; umgekehrt sei die starke Vertretung des brünetteren Elements in Süddcuischlaiid einer entsprechend reichlichen Beimischung altkeltischcr und zum Teil auch slalvischer Bevölkerung zrizuschrciben. Die bisherige Anschauung wird geradezu auf den Kopf gestellt: rein deutsch ist jetzt auf einmal der Norden, stark gemischt der Süden, . . . Tie anthropologischen Bcvbachlniigen, die jener Aussassnng zugrunde liegen, erweisen sich als unwiderleglich; sie sind inzwischen durch mancherlei Stichproben bestätigt und bclräsligt worden. Anders ist cs mit den Schlüssen, die daraus gezogen wurden. Diese ruhen offenbar auf zwei Voraussetzungen, die sich heute nicht mehr hatten lassen. Der eine Trugschluss i st leicht z ri durch schauen; er besteht in der Gleichsetznng von Blo» und D e u ts ch st ä m in i g*). Darin steckt eine ganze Reihe von Gleichsctzniigcii. Was dabei vorschwcbt, ist die Rasse, die jetzt als nordisch bezeichnet wird. Aber nicht alle blonden Menschen sind nordischer Rasse, nicht alle Nordrassischeil sind Germanen, und auch Germanisch und Deutsch ist durchaus nicht d, ' selbe *)." (S, 131/38.) die Entstehung der Rassen äußerte sich der Redner folgeiidcrmahen: „lliitcrsuchcn wir das Gesamtphänomcir der zonale» Anordnung der Menschenrassen nach der Methode der vergleichenden Geographie, so stell! sich bald heraus, dass weder geologisch-morphologische noch politisch¬ *) Von uns gesperrt. Die Schristleitung. historische Linien irgendwie ähnliche Verbreitungsbilder und damit die Andeutung eines Kausalzusammenhanges ergeben; einzig die K l i in a - t o l o gie bietet, was wir suchen. Die Klimazonen (und die llimalisch bedingten Vcgctatioiiszonen) zeigen tatsächlich «ine überraschend ähnliche Anordnung; namentlich verlaufen die Jntensitätsstusen der Sonnenstrahlung gleich den Pigmentiernngsstusen der Menschenrassen in annähernd äquatorialen Gürteln. Man kommt damit einfach aus die alte lnndläusige Ansicht zurück, die das Dunkelwerden der Menschen gegen den Acguator hin immer mit der Irästigeren Sonne des Südens in Verbindung gebracht hat. Die Beziehung ist ebenso klar und ausfallend, dass sie überhaupt nicht übersehen werden kann." (S. 142.) „Es gibt keine Vererbung erworbener Eigenschasten; reine Rassen sind, soweit unsere Erfahrung reicht, im wesentlichen unveränderlich. Aber nicht das gleiche gilt von N a ss e n g e in e n g e n , wie sie in allen europäischen Völkern schon seit Jahrtausenden vorliegen; sie sind einer llmwandliiiig recht wohl sähig." (S. 144.) G r a d m a n u zieht die Folgerung daraus: „Die besonders st a r k e Z u n n h m e der brünetten Nassen in S üdd c u t sch l a n d ist cbensalls auf eine Begünstigung durch süddeutsche Umwelt, in erster Linie bas Klima, zurückzusühren; eine Zeitlang gewaltsam z n r ü ck g e dr ä n g t, nehmen sie jetzt langsaui, Schritt für Schritt ihren natürlichen Erbanteil W i e d e r i n B e s i tz. Zu diesem Ergebnis zwingen uns die Taisachen, mag es uns lieb sein oder leid. An der deutschen Art der Bevölkerung wird damit nichts geändert. Denn, um cs noch einmal hervorzuheben. Deutsch i st nicht soviel wie Germanisch, und Germanisch nicht wie Nordisch*). Aianche spezifisch deutschen Züge, wie etwa die musikalische Begabung, die deutsche Gutmütigkeit, das ausfaklcnde Zuiücktrcten des nordischen Herrenmenschcnlums, der unverdrossene Fleiß, die fanatische Ordnungsliebe, ein.gewisses schwersälligcs, kteinbürgeriiches Wesen, sie beruhen vielleicht zum Teil gerade aus der Nassenmischnng." (S. 146.) die völkische Geschichtsauffassung führt Gradmann aus: „Ilebcrdies enthält jene Geschichlsaussassmig, nach der alles Heil von der nordischen Nasse kommt, zwar ohne Zweisel einen gewichtigen Kern von Wahrheit, darf aber keinesfalls so einseitig auf die Spitze getrieben werden. Uebcrhaupt wird man die Verhimmelung der Nordrassc, Ivie sie säst noch mehr bei französischen, englischen, amerikanischen als bei deutschen Schriststcllern gesunden wird, ruhig ablchnen dürfen, iiamcntlich soweit sie aus Kosten anderer geschieht. (Wie sehr das seelische Bild der nordischen Nasse idealisiert wird, geht am schlagendsten daraus hervor, daß ihr die Nassensvrschcr der verschiedenen Nationen jedesmal mit Vorliebe die Züge ihres eigenen nationalen Ideals leihen. Für den Engländer ist es der sportliebcnde Gentleman und königliche Kaufmann, für den Deutschen bald der idealistische Gelehrte und Dichter, bald mehr der tapfere Ofsizier. lind weil jede Nation auch ihren Popanz und Prügelknaben!!)! us braucht, weil dem Achilleus ein ThersitcH gegenübersiehen muss, so Hut man die Rnndkopsrasse ausgesucht, um ihr je nachdem die Züge des deutschen Proletariers und Emporkömmlings, des sranzosischen, des englischen Snob anzuhängen.) Zweifellos hat jede Nasse ihre eigentümlichen Vorzüge. Einem etwaigen R a >s l e n d ü n k e t gegenüber ist es vielleicht nicht überflüssig, auch daran immer wieder zu erinnern, dass nach einem Worte Luschans der Unterschied zwischen den verschiedenen Rassen, besonders in bezug aus ethische und intellekiuelle Eigenschaften, nicht «ntseriit so gross ist wie der zwischen einzelnen Individuen der einzelnen Rasse. Auch unter den Vertretern der nordischen Nasse gibt es Berbrechematuren und Stumpfsinnige, die von einem inielligenicn Neger an Mutterwitz übertrosfen werden, und jeder kennten seiner Umgebung Beispiele von geistig ausserordentlich hochstehenden und durch edle Gesinnung ausgezeichnelen Menschen, die rmverkemibaro Merkmale der vielgeschmähten Nliildkvpsrasse in sich tragen." (S. 147/48.) Antisemitismus in deutschen Schulen. - Auch in der Tschechoslowakei. Bei meinem Aufenthalt in der Tschechoslowakei hatte ich ein Erlebnis, das die bedenklichen Folgen zeigt, zu denen der Antiscmitismus der Deutschen im Auslande führt. Es sei mir gestattet. diesen Fall hier als ein Beispiel von vielen zu erzählen. Die Juden von Karlsbad, M a r i e u b a d, T e P l i tz, Franzensb ad fühlen seit Jahrhunderten deutsch. Ihre ganze Kultur,Sprache, Geistes- und Herzensrichtung ist nr deutsch. Daher besuchten ihre Kinder auch stets die deutschen Schulen. So ging auch das Töchterchen eines entfernteren Verwandten von mir im Jahre 1923 in die deutsche Schule in. . . Als ich im Jahre 1925 wieder dort >var, war das Kind nmgeschult und mus;ke eifrig Tschechisch lernen. Als ich den Bater fragte: „Das haben Sie als deutsch fühlender Mann getan?" erhielt ich folgende Antwort: „Das Kind wurde in den Pausen von den christlichen Kindern der deutschen Schule belästigt. Man ries ihm „Jude", „Judemnädel" usw. nach (nebenbei: das Mädel ist hellblond, hat wasserblaue Augen). Beschwerde in der Schule half nicht viel, da einige Lehrer selbst völkisch sind und die Beschimpfungen indirekt deckten." Da sagte sich der Bater. diese Kränkungen will ich dem Mädel ersparen, und schulte es um. I n der tschechischen Schule gibt es solche judcufeindlichen Beschimpfungen nicht. Wissen die Völkischen und vor allem die völkischen Lehrer in der Tschechoslowakei, welche Verbrechen sie am Deutschtum begehen? 300 000 Juden leben.in diesem Lande, also etwa 60000 Stimmberechtigte. Mit ganzem Herzen sind sie — mit wenigen Ausnahmen — Deutsche! Sie alle werden durch die kurzsichtige .Politik der Deutschen in der Tschechoslowakei mit Gewalt aus dem deutschen Lager sortgetrieben. Ich kenne welche, die aus diesem Grunde weiße Stimmzettel abgeben, andere, die nationaljüdisch wählen. Werden aber auf diese Weise die jüdischen Kinder erst tschechisch sein, dann wird das Deutschtum mindestens 4 5 000 Stimmen in der Tschechoslowakei verloren haben — und das allein durch die deutschen Antisemiten in Böhmen. Dr. F. Reich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.