Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 8 (August 1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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s» Justizrat Dr. Brodnitz 60 Jahre alt. Am 19. August 1926 lvging der Vorsitzende des CcntralvcreinS. Justizrat Dr. Julius Brodnitz, die Feier seines sechzigsten Geburtstages. Wer hat ihm im Gefühle wärmster Anerkennung für all das, was er in Jahrzehnten der Zugehörigkeit zuin Bvrstnnd und in vielen Jahren, die ihn als Vorsitzenden deS Centralvereins gesehen haben, ganz besonders zu danken, ihn besonders herzlich zu begl ückivü „schen? Justizrat Br. Julius Brodnitz. Hach einer Radierung von Professor Erich Wolfsfeli. Wer einsieht, das; das deutsche Judentum in keinem Augenblick' seine Augen vor seinen osfenen und noch weniger vor seinen versteckten Gegnern verschließen nnd in Feigheit und Schlappheit sich einer ungewissen Zukunft verschreiben darf. Wer einsieht, daß die gegen uns gerichtete Bewegung nicht nur „abgewchrt" werden mutz, sondern daß sie den Aussluß einer irregeleiteten, aus falschen Boraussetzungen und falschen Schlußfolgerungen beruhenden Richtung darstellt. Wer infolgedessen einsieht, daß wir uns deshalb mit der wissenschasttichen Erforschung unseres Seins, unserer Lage, unserer Wirtschaft, unserer Einbettung in den deutschen Volkskörper befassen müssen, und daß unsere politische Aktivität von wissenschaftliche» Erkenntnissen getragen werden muß. Wer einsicht, daß wir, deutsch bis auf die Knochen, ein Bestandteil des deutschen Volkes sind und sein wollen, und diese Eigenschaften auch dann nicht a u f g e b c n »vollen, w e n » D e u t s chv v lk is che und innerjüdische Gegner un S noch so sehr schmähen nnd höhnen. Wer einsieht, daß wir treue Söhne der jüdischen Gem e i n s ch a f t sind und bleiben werden, daß wir kein Judentum der Phrase, der Phantasie und der Utopie in uns tragen, sondern das Erbe der Vater als heiligstes Gut in uns bergen, und daß wir dieses Judentum in Liebe umfassen, erhalten und fördern wollen. Wer einsieht, daß Vornehmheit der Gesinnung, Versöhnlichkeit des Wesens, wahrer Adel in der Art der Ausübung der übernommenen Pflichten das Beste ist, wa8 ein Leiter, ein Führer seinen Anhängern geben kann. Wer einsieht, daß eine so große und aus den verschiedensten Kreisen zusauunengcströinte Masse, lute sie im Centralverein vereint ist, nur geleitet werden kann von einem im tiefsten gerecht denkenden nnd warmes Verständnis für die menschlichen Gegebenheiten zeigenden Manne. Das verkörpert Julius Brodnitz in sich. So führt er daS Amt, dessen Adel ihm seine ersten Inhaber Maximilian H o r >v i tz und Eugen Fuchs verliehen haben. Auch der Eintritt in das höhere Alter wird unseres Julius Brodnitz Frische und innere Jugend nicht beeinträchtigen! Gott schütze und segne ihn! Das ist unsere Bitte. Gott erhalte ihn den Seinen und der Gesamtheit der jüdischen Deutschen noch viele, viele Jahre in Freuden! Das ist unser Wunsch! Ludwig Holländer. papfi Pius XI. und -er Antisemitismus. In der „C. V.-Zcitnng" vom 23, Juli haben wir Aeußerungen ver- . öffentlichst die der gegenwärtige Papst Pins XI. in bezug auf die Juden getan hat. Der Papst sagte, daß er den Kampf g e g e» den A n t i s e,p i t i s m u s unterstütze, nnd wörtlich fügte er hinzu: „Es ist gegen das katholische Prinzip, die Juden zu verfolgen. Die Juden sind ein göttliches Volk, obgleich ihre höhere Intelligenz zu rationalistisch ist." Wenn wir Inden sagten, wir sind dankbar für solche Worte, so könnte darin eine Herabmindcrnng des Gewichtes dieses Ausspruches gesunden werden. Dankbar ist man für eine unverdiente Wohltat, für ein unverdientes Glück. Papst Pius XI. hat aber sicher- lich weder eine Wohltat noch ein Glück unverdientermaßen den Juden zuwcnden wollen. Von der Höhe seiner katholischen Welkmschauung aus hat dieser religiöse Leiter von Millionen und Millionen Gläubigen eine Wahrheit ausgcsproclM und natürlich ans sprechen wollen, die ohne Eindruck auf die Katholiken aller Lander nicht bleiben kann. Der Katholizismus wendet sich gegen den Antisemitismus; das ist keine neue Erscheinung. Andere Päpste haben den nämlichen Standpunkt eingenommen; Päpste und Kardinale der Vergangenheit und hervorragende Katholiken des Laicnstandes, wie nock) bis in die neuere Zeit hinein Windthorst und Gröber im Deutschen Reichstag neben anderen. Allein, da Irrtum, da Haß und Verhetzung immer erneut sich in den Vordergrund drängen, so ist es notwendig, daß auch den edlen Kräften in der Menschheit wieder und wieder ein Ansporn gegeben wird, nnd das hat Papst Piug XI. getan, feiner hohen Mission folgend. Es wäre leichtjertig von uns Juden, aus den Worten deS Papste? nur das herauszuhören, was uns angenehm klingt. Papst Pms XL fügte hinzu: „Die Juden sind ein göttliches Volk, obgleich ihr? höhere Intelligenz zu r a t i o n a l i st i s ch ist." Das Wort „göttlich" dars ganz gewiß nicht unseren Hochmut aufstacheln; als „göttlich" werden wir bezeichnest weil die Inspirationen des Alten Testaments der Menschheit durch das Judentum übersteferk worden sind. Und wenn der Papst von der „höheren Intelligenz" der Juden sprichst so ist diese „höhere Intelligenz", soweit sie vorhanden, schwerlich eine ursprüngliche Anlage jenes kleinen Ba »er u- Volkes, das zwischen Mitielmeer nnd Wüste seine Wohnsitze gefunden hat, zu jener Zeit, als es in die Geschichte cintrat. Durch traurige und blutige Schicksale von ein paar Jahrtausenden mußte den Juden, wenigstens vielen Juden, daS, was wir „Intelligenz" nennen, angczüchtct werden. Wäre ihnen diese Gabe nicht Geschieden worden, — sie hätten in so wunderbarer Weise sich bis auf den heutigen Tag nicht zu erhalten vermocht; ein Vorgang, einzig in der Geschichte der Menschheit, so wett man zu blicken vermag, und zwar bis in die dunkelsten Zeiten der Vergangenheit hinein. Daß diese Intelligenz z» „r a t i o n a l i st i s ch" sei, hebt der Papst warnend hervor; zu „verftandesmäßig", wie man wohl erläuternd sagen dars; und da ein warnender Tadel in diesen Worten liegst so darf man vielleicht ergänzend hinznsiigen: kalt verstandesmäßig. Es gibt unier »nS Juden, soweit wir uns selbst zu beurteilen vermögen, sehr verschiedene Typen und sicher auch den Typus des „kalt und n u r verstande-mäßig" Urteilenden. Ist dieser TypuS der überwiegende? Wir selbst werden ein abschließendes, zutrefsendes Urteil hierüber uns nicht Zutrauen können, gewiß nicht bei der Verschiedenheit deS Typus Jude mit völlig verschiedener Vergangenheit und Gegenwart in so vielen Ländern der Erde; bei so völlig verschiedenen Schicksalen, die die verstreuten Glieder des Judentums durchlebt haben. Aber ehrlich nachdenklich muß uns der Ausspruch des Papstes Pius XI. machen, wie eine gütige und wohlwollende Mahnung einer so hoch und überblickend gestellten Persönlichkeit es verdient. —tt.