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Central-Verein-Zeitung · 1926-07-01 · Heft 7 (Juli 1926) · page 4

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 7 (Juli 1926)
Date
1926-07-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Regalen ihrer Gesängnisie unter strengster kommunistischer Bewachung. Kein Exemplar nstrd ausgegcben oder zur Einsichtnahme ausgelegt. Für die drei Millionen Juden in Rußland gibt eS keine einzige Schule in Stadt und Land, in der das hebräische Wort in alter oder neuer Form sich laut an die Ocfscntlichkeit wagen dürste. Wo das in nichtöffentlichen Schulen geschieht, geschieht es insgeheim, in steter Angst vor den bösen Folgen. Mcirtyrcrheldentum oder MarannentuM, einen dritten Weg zur Erziehung der Kinder für das heilige Wort und den sich hinter ihm verbergenden heiligen Gedanken gibt es nicht. In Gefängnissen schmachten Mische Lehrer, die eS wagten, Bibel und Talmud zu lehren. Wenn auch in letzterer Zeit direkte Eingriffe in das religiöse Privatleben und öffentliche Gerichtssitzungen über religiöse Einrichtungen ausgeblicbeu sind, da den Massen ein Gefühl für die Rechtlosigkeit in erstcrcm und die Lächerlichkeit im zweiten Falle allmählich aufgcht, so ist doch de facto nach wie vor ein großer Teil der Bevölkerung dem größten Drucke in dieser Beziehung ansgcsetzt. Eine Art Femgericht waltet unfehlbar gegen alle „Ilebertrcter". Beamte, Angestellte und alle aus dem großen Heere derer, die irgendwie ihre Existenz aus dem riesigen Apparat der Sowjets zielpm, werden frist- und erbarmungslos entlassen, sobald ihnen das „Verbrechen" einer religiösen Handlung — wie Vornahme der Bcschncidung oder Beteiligung an einem Gottesdienst — nachgcwiescn wird. Die Gewerkschaften und Arbeiterorganisationen haben ein wachsames Auge für diese Art von „Reinhaltung" ihrer Kreise. In Charkow. Odessa, Slutzk, Hoipmel, Minsk und vielen anderen Städten wurden aus höchsten Besclil die ältesten und schönsten Synagogen beschlagnahmt und in Klubs oder Getreidespeicher verwandelt." Wir sind überzcrigt, in jener Press«, die ohne das Märchen vom jüdischen Bolschewismus nicht leben kann, wird man von diesen Feststellungen keine Notiz nehmen. Held Hilter. Der Prozes; mit vcm Völkischen Block. Trotz der glanzvollen Heerschau in Weimar geht cs mit Hitlers Führcrruhm abwärts. Noch vor einem Jahr Hütte es sicher kein „dcutsckier Mann" gewagt, die geheiligte Führerpersönlichkeit vor Gericht zu ziehen. Heute erkühnt sich der ganze Völkische Block im Bayerischen Landtag, die von der alten Hitlcrpartei abgespaltete gemäßigtere Gruppe, acht Mann stark, Hitler und seinen getreuen Schriftleiter R o s e n b e r g wie den Nächstbesten wegen Beleidigung anzuklagcn. Rosenberg spielt beim Prozeß keine bedeutende Nolles er ist mir nach dem Preßgcsetz für das vcrantwortlich, was im „Dölkischen Beobachter" steht. In der Redaktion selbst hat er anscheinend nicht viel zu sagen; denn Hitler erklärt vor Gericht, Rosenberg sei nur sein Angestellter und habe auszusühren, was er ihm befehle. So mußte er Ende Februar auch einen A u f r u s d e s F ü h - r e r s abdruckcn, in dem er seinen Groll über die Ungetreuen entlud, weil sie ausgerechnet am Gründungstag der Partei eine Konkurrenz- Versammlung mit Gras Neventlow und Herrn von Gracfe als Rednern einberufen hatten, die dann die Anhänger Hitlers nach allen Regeln der Kunst sprengten. In diesem Aufruf wurden die Herren des Völkischen Blocks als Schwätzer, Stänkcrerkkub, Verrätergcsindcl bezeichnet. Auch von jämmerlichem Versagen, parlamentarischer Mogelei und ähnlichen Dingen war die Rede. Tie Aussprache vor Gericht zwischen Hitler und seinen alten Freunden Dörfler und Drexler — einst gefeiert als der ehrliche Mann der schwieligen Jaust, heute hingestellt als ein Mann ohne Charakter — gestaltete sich Ihr heftig und sörderte einige Aeußerungen zutage, die für die völkisclxu Borküinpfer recht kennzeichnend sind, z. 33.: Daß der inzwischen verstorbene Polizeipräsident Pöhner mit Bezug ans Hitlers Freunde Esser und Streicher geäußert hat, er setze sich nicht auf einen Drcckhausen, daß Hitler zu 'der Anseinaiidcrsetzimg mit den völkischen Brüdern mit einer Nilpfcrdpeitsche bewaffnet erschien; das größte Aussclzen aber erregte die Behauptung Dörflers, daß Hitler am Tag nach se i n c r" En t l a s su ng aus der Festungshaft, noch bevor er L u d c n d o r f f besuchte, einen Empfang beim Ministerpräsidenten erwirkte und ihm dabei erklärte, er stehe ihm und — der Bayerischen V o l k s p a r t e i z u r Verfügung. Hitler versuchte seinen Erklärungen einen etwas anderen Sinn zu geben, Dörfler hielt aber an seiner Darstellung fest und benannte dafür den M i n i st e r P r ä s i d e n t e n Held als Zeugen. Ta für die widersprechenden Behauptungen nahezu 50 Zeugen benannt wurden, vertagte das Gericht die Verhandlung: Ivir sürchten, daß die Mitwelt dadurch um den Genuß gebracht wird, den Heldenkampf bis zu Ende zu verfolge», daß vielmehr die Vectagnna den feindlichen Brüdern, die sich vor dem Schösscngericht so t'npser geschlagen haben. Gelegenheit geben wird, sich mieber zu vertragen. Dem „Völkischen Beobachter" ist diefes Mal schon die Amvcsenheit zahlrcick)cr Berichterstaiter gegnerischer Blätter bei der Gerichts- Verhandlung sichtlich auf die Nerven gegangen. W. L. Unlautere Kampfmittel. Was Die A»»s Nürnberg schreibt man nns: Es gibt Senfe, die meinen, daß heilte die völkische Bewe. g u n g in Deutschland abgewirtschaftet habe. Es ist richtig, daß keinen entscheidenden Einfluß mehr auf die Politik des Reiches oder der Länder besitzt und in der Oesfentlichkeit zurückgedraugt ist. Doch soll man sich nicht verhehlen^ daß iveitcr im stillen gewühlt wird, und daß man hier nicht mit Ideen arbeitet, sondern mit' Lügen und linehllicheu Darstellungen das Volk gegen den jüdischen Bcvölkernngsteil auszuHetzen sucht. Niemand vo» uns ivird behauptcn, daß alle deutschen Juden Engel seien. Doch können wir mit Fug u n d Recht s ü r n n s dieselbe 3l ch t u n g i n A n s p r u ch nehmen, die jeder Deutsche vor jede in Deutschen hat, der seine bürgerlichen P s l i ch t e u erfüllt. Die Böllischeu versuchen immer wieder das Jiidentiim nuzuklagen, indem sie aus der Unzahl der k r i m i n c l l e n Fälle, die heute, wie vor dem Krieg, die Gerichte beschäftige!!, vereinzelte von Juden begangene herausnehnien, diese mit wahrer Wollust schildern nnd sie dann als typisch hinstellen. Jeder Richter weih, wie nach dem Krieg die Verwilderung der Sitten, vor allem in den Großstädten, um sich gegrissen hat. Jede Cchivnrgcrichtspcrivde bringt Menschen vv» unglaublicher Verworfenheit vor die Schranken des Gesetzes. Es ist gut, das; diese Dinge der Oeffeutlichkeit nicht bckaimt werden, und es genügt, daß die, deren 'Amt cs ist, die staatliche Ordnung ausrcchtzuerhalteu. sich damit bc.schäsiigen müssen. Man hak sich mit Recht dagegen verwahrt, als die Berichterstattung iin Haarmann-Prozeß in ihrer Ausführlichkeit die Sensationslust breiter Massen aufznstachcln drohte. Nichts anderes ist cs aber, wenn heute Streicher und seine Anhänger Sittlich keitsv erbrechen eines entarteten Wüstlings Schloß mit allen Einzelheitcn schildern. Dazu kommt weiter die maßlose U n g c r c ch - t i g k e i t und Heuchelei, für diese Dinge dasJu de nt u in verantwortlich z u machen. Wird cs irgend jemandem e i n f a l l c n , wegen der zahllosen Sittl i ch k c i t s v c r b r c ch c u, begangen von Angehörigen anderer K o n s e s s i v n e n, die Protestanten oder Katholiken als s o l ch e z u bezichtigen, etwa wegen der 17 Fälle von Sittlichkeitsvergchcn an Kindern, die in Regensburg innerhalb 14 Tagen zur Aburteilung kamen? Jeder für'Deutschland und sein Menschentum sich verantwortlich Fühlende und besonders jeder religiös fühlende Mensch ivird daraus nur die Lehre ziehen, daß es die Ausgabe der anständigen Kreise des deutschen Volkes ist, mit aller Kraft E r z i c h u ii g s arbeit zu leisten und gegen die Gefahren der Großstadt kämpfen. Hetzerische Flugblätter, wie sie über den „Fall Schloß" der D e u t sch v ö l k i s ch e Schutz- und T r u tz b u » d Nürnberg kostenlos uud wohl also mit ungeheuerem Geldaufwand unter der Bcamtcnschnst verteilt, oder ii'ie sie die D c u t s ch s o Z i a l e Partei hcrausgibt, schaffen diese 'Aufbauarbeit nicht, sondern wirken iveitcr an der V e r >v i l d e r u n g, besonders der solcher Aiisstachelimg wehrlos gcgcuüberstchendcn Jugend. Man muß nur in Nürnberg das Straßenbild beobachten, wenn eine neue Nummer des „Stürmer" erscheint, wie h a l b w ü ch s i g e Buben u n d M ä d ch e n sich verstohlen kichernd das Blatt zeigen. Um so bedauerlicher ist cs, daß auch reife Menschen auf die politische Hetzpropaganda der Völkischen hcreinsallcn. Wohl hat sich das gebildete Bürgertum heute auch in Bayern von den Völlischcn und ihrem Radauantisemitisnms lvsgcsagt. Tic Taktik der Deuischnationalen Partei verwendet ihn allerdings auch heute »och häufig genug, doch wohl kaum iiu Einverständnis mit allen ihren Anhängern. Schlimm ist es aber, >v c n n Parteien, denen die antisemitische Gesinnung s c r n l i e g t, völkische Na ch r i ch t e n ft D c t n e f) m c n, ohne f i c n a ch - z u p r ü s c n. Sv ist in den Tagen vor dem Volksentscheid in Nürnberg ein Aufruf des Ausschusses gegen die Fürstcnenteignung, den auch die B a y e r i s ch e V v l k s p n r t c i u n d d i c D e u t s ch e V o l k s P a r t c i zeichnete», erschienen, in dem cs wörtlich unter Punkt 0 hieß: „Das beabsichtigte Entaignungsgeseh ist von folgenden undeutschen Lcutcu beantragt: Kuczinsti, Levi, Landsberger, Nathan, Katzenstcin, Rosenscld." Erkundigungen haben ergeben, daß ein Antrag mit diesen Iknterschriftcn nie e x i st i e r t hat. Der 'Antrag zum Volksbegehren ivar gezeichnet: Wels S. P.D., Thälmann K. P. D., Kuczinski-Ausschuß. In der Frage des Volksentscheides war der jüdische Bcvölkerungsteil in Jetner Meinung genau so gespalten wie der protestantische oder katholische. Von Juden inituuterzcichiiete Aufrufe erschienen aus der eine n wie aus der a niete n Seite. Vielleicht gibt es manchem zu denken, daß vor besonders gcmcincn antisemitischen Hetzplakaten von einzelnen ruhig denkenden jüdischen Bürgern zu hören war: sie, bisher Gegner dcZ Volksentscheids, müßte» sich jetzt die Sache noch einmal überlegen. Ria» treibt die Leute also gewaltsam ins andere Lager. Ob inan wohl andere Kräfte dafür gewonnen hat, ob m a n w o h l überhaupt mit u n a n stü n d i g e n M i t t e l n je einer Sache dienen kann? ... r. fdjlcajt ift, fotl zerrinne», - LUge nicht aewinnenl Gottfried Keller.'

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