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Central-Verein-Zeitung · 1926-07-01 · Heft 7 (Juli 1926) · page 2

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 7 (Juli 1926)
Date
1926-07-01
Page
– (sequence 2)
Language
German
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50 der Straße verursacht mnd damit den Leuten Grund gegeben, schnell hinauszurennen. In Erinnerung an derartige Vorfälle beim N-ationalisozialistentag in Weimar im Jahre 1924 hatte die Zeitung „Das Volk" in ihrer Nummer vom 3. Juli einen Artikel gebracht mit der Ueberschrift: „Achtung, völkische Lieferanten! In Weimar tagen heute und morgen die nationalistischen Gaukler . . . Habt acht, daß ihr nicht wieder ein Jahr lang um euer Geld prozessieren müßt!" Diese Warnung hat nicht viel geholfen. Listenweise haben die Polizeibeamten Terrorakte von Nationalsozialisten zur Anzeige gebracht. Aber der amtliche Polizeibericht war trotz aller Bemühungen für die Presse noch nicht zu erhalten. Angeblich soll zunächst die Entscheidung des Untersuchungsrichters abgewartet werden. Viele einzelne Ausschreitungen sind in der Tagespreise bereits mitgeteilt worden. Trotzdem ist sicher zutreffend, was überall erzählt worden ist: daß noch nicht der zehnte Teil aller Ausschreitungen der Ocffentlichkcit bekannt geworden ist. Polizeikommissare, die 22 Jahre und mehr in Weimar Dienst tun, äußerten, sie hätten seit der Revolution viel erlebt, aber solche Elemente hätten er und seine Kollegen noch niemals gesehen. Bei der Ostertagung der „Roten Frontkämpfer" in Weimar sei nicht ein einziger Fall zur Anzeige gelangt. Von dem Treiben der Bande gibt ein ausgezeichnetes Bild der Brief eines 'Augenzeugen, der beobachtet hat, wie ein Reichsbannermann von Nationalsozialisten, Männern und Frauen, bedrängt wnrde. Diese Slnsschreitungen waren so schlimm, daß Straffer, der bekannte nationalsozialistische Führer, persönlich eingcschritten ist und sich bei der Hanptwache für die unerhörten Vorfälle entschuldigt hat. Der Brief lautet:, Ein Reichsbanncrmann war aus irgendeinem Anlaß von den Hitler-Leuten geschlagen worden und von der Polizei dann in die Hauptwache gebracht worden. Ich kam eben auf den Marktplatz zum Rathaus, als ein (grüner) Polizist den Reichsbannermann hcraussührte und in die Windischenstraße begleitete. Dort ließ er ihn allein gehen und sagte zu ihm: „Gehen Sie jetzt ruhig sofort nach Hause." Der Mann ging weiter und bog in ein Haus (gegenüber dem „Goldenen Anker") ein, in dem er, wie es später hieß, wohnen sollte. Jedoch die Hitler-Leute, soweit sie am Stadtplatz versammelt waren (etwa gegen 100), Frauen und Männer, stürmten mit einem Jndianergcheul ihm nach, wobei einzelne von ihnen von ihren eigenen Leuten zurückgehalten wurden, weil sie bereits so a n gc t r u nke n w a r e n, da ß sie mit dem Messer in der Hand herumfuchtelten. Nationalistische Frauen, die das Parteiabzeichen trugen, schrieen in nicht wioderzugebcndcr Weise. Die Hitler-Leute stürmten das Haus mit den Rusen: „Heraus muß er", „An die Wand geschmissen gehört er", „Schlagt ihn gleich tot", und, wie in dem Bericht der Zeitung „Deutschland" auch steht, wurde dort im Hausgang einem Geschäftsmann sein Ladcnfenster eingeschlagcn. Ich sah den betreffenden Hitler-Mann mit der blutenden, zerschundcnen Hand aus dem Hausgang kommen und ihn dann von seinen Freunden nach bekanntem Muster von der Bildftüche wcgschasfen. Als die Situation auf dem Höhepunkt tvar, wo man glauben mußte, das Haris würde demoliert, kam die Wache angerückt (etwa zehn Grüne und fünf Stadtpolizistcn), die den Reichsbannermann aus der Wohnung in Schutzhaft nahmen. Bei dieser Tätigkeit wurden die Polizisten in einer Art angcpöbclt und angegriffen, wie ich das selbst in den schlimmsten Tagen der Hitler-Herrschaft in München nicht erlebte. Die ganze Meute bedrängte das Rathaus und sang das Lied: „Wir sch . . . auf die Judenrepublik", lvobci bezeichnenderweise der Schluß- Vers gelautet hat: „Wir scheuen auch vor keiner Waffentat zurück". Das hat mau ja dann am Montag morgen erlebt. Die Polizei drängte dann die Hitler-Leute gegen das Rathaus zurück, wobei sie vom Gummiknüppel Gebrauch machen mußte. Nun setzte ein Platzregen ein, der die beiden Lager schied: Am „Stadthaus" und seiner Front lagerten die Hitler-Leute in ihrer gewohnten Art. Beim Rathaus" stand die Polizei und einige Zivilisten, darunter auch ich. Als sich der Regen gelegt hatte, fuhr in schnellem Tempo ein Auto mit dem Wimpel der Hitler-Fahne über den Platz, von dem „Geheil" der dort Lagernden empfangen. Da der Insasse eine Ansprache hielt, ging ich auch hin. Mir wurde gesagt, es sei Straffer. Er sagte ungefähr folgendes: „Es haben sich eben Dinge abgespielt, die ich nicht vertreten kann. Solche Schweinereien müssen aushürcn. Thüringen ist heute noch der einzige Staat, wo wir «nS bew^D können ohne Verbot, und datz dürfen wir «W nicht verscherzen. Ich verlange, daß nun absolute SfffflL herrscht und kein Passant mehr belästigt wird. Mo ist der FüMU. der Berliner Truppe (im Stadthaus lag der „Gau Berlins!» Nun dauerte es einige Minuten, che sie den Führer aus r ** Stadthaus brachten. Er konnte kaum stehen, hatte ganz getrunkene Augen und war unfähig, mich nur ein Wort -j,Z stammeln. Straffer fuhr ihn sehr barsch an und sagte, direkt'- im Bcsehlston: „Sie sind mir verantwortlich jia alles, was I)ieri aus dem Platz geschieht. Ihre Truppe hat unbedingte Disziplin zu halten, damit nicht noch weitere Zwischenfälle sich ereignen^ Wenn jemand nicht pariert, dann schmeißen Sie ihn aus unsere»:-! Reihen." Noch einige weitere Berichte v o n A u g e n z e u g e n' und Ueberfallenen seien hier wiedcrgcgcbcn, um das' ganze Treiben der Hitler-Leute in Weimar zu charakterisieren: Staatsmmister a. D. Fröhlich, öer fozialöemokratisch» Lanötagsabgeorönete von Thüringen, berichtet über den Ucberfall, den sein siebzehnjähriger Sohn erlitten hat. Der junge Mann trug ein Abzeichen der Arbeiterjugend und ging allein durch die stille Jakobstraße. Eine Rotte von 15 bis 20 Nationalsozintistcn umstellten ihn und forderten ihn auf. sein Abzeichen sortzunchmcn. Als er sich weigerte, stürzten sie sich auf ihn, um das Abzeichen mit Gewalt zu entfernen, und zerrissen ihm dabei die Kleider. Es fielen die Worte: „Wir gehen über Leichen." Ein Mitglied einer völkischen Wandervogelvereinigung, das gerade dazukam. ninchte den Hitler-Leuten Vorwürfe über ihr Betragen und mußte sich dafür die Bezeichnung „Waschlappen" gefallen lassen. Der Nietautobesitzer Michael, öer am Sonntag mittag von Nationalsozialisten überfallen wuröe, sagt: „Ich hatte vier junge Leute mit Schülermützcn von Umpferstedt nach Weimar gefahren und komme Sonntag mittag am Rollplatz in Weimar an. Da standen fünfzehn Mann Hitler- Leute und sprangen von rechts und links auf meinen Wagen. Ich hielt an und stellte die Herren zur Rede. Statt einer Antwort zog der eine das Messer und st ach eiueni Schüler in die Stirn über das Auge. Freiherr v. Sranöenstein, Fustizminister a. S., schilöert öen Ueberfall, öen ec selbst erlitten hat, folgenöermaßen: „Ich wollte Sonnabend abend 6 Uhr 52 Minuten nach Leipzig fahren, um dort am Rcichsbanncrtage tcilzunehmen. Um in der Uniform — ich trug die Windjacke. Mütze mit Kokarde und das kleine Vorstandsabzcichen am linken Aermel, hatte aber weder unigcschnallt, noch Ehrenzeichen angelegt — nicht durch die Straße,: zu gehen, nahm ich mir ein Auto zum Bahnhof. Als ich dort ankau:, rückte gerade eine größere Abteilung Naüonalsozialisten vor dem Bahnhof an, und ich mußte auf polizeiliche Anordnung mit meinem Auto am Ende des Zuges halten. In demselben Augenblick wurde bei den N. S. „Wegtreten" kommandiert. Dadurch sahen sie mich. Es stürzten einige auf mich zu und fragten, was ich da mit dein Abzeichen zu tun Hütte. Ich wies sie darauf hin, daß ich in: Bcgriss sei, abzureisen rmd daher die Abzeichen nicht abnchmcn könne, sagte chnen auch, wer rch sei. Darauf sagten sie: „Was bist du für',: Nachtwächter?!" Dann folgte eine Reihe mehr oder weniger gcmeiner Schin:pfworte und die kategorische Aufforderung, die Abzeichen zu entfernen. Sie erklärten dabei, daß s i e jetzt die Macht in Weimar hätten, daß Weimar ihnen gehöre, und daß da qcfnlligst alle Abzeichen zu verschwinden Hütten. In: Bahnl,ossqcbäude"habc ich aus die vielfachen Anrempelungen den Nationalsozialisten zu verstehen gegeben, daß ich mich vor ihrer ganzen Gesellschaft nicht fürchte. Außerdem war ich in: Bahnhof noch Zeuge, wie der Vertreter der Staatsgewalt, der Schutzmann, in der heftiqsten Weise verhöhnt wurde, als er zwei National- ' zialisten sistieren wollte." Das sind alles Anpöbeleien, die nicht den Juden, galten. Den Juden, so hatten sie schon am Sonnabend gedroht, wollten sie die Läden stürmen. Glücklicherweise ist es aber nicht zu solchen Gewalttaten gekommen. Die jüdische Bevölkerung hat sich ebenso wie die meisten anderen Bürger Weimars möglichst von der Straße ferngehalten. Die städtische Polizei war zum Teil 48 bis 50 Stunden hintereinander in angestrengtestem Außendienst. Der Polizeiwachtmeister Schmivt, dessen schwere Verwundung ja durch die Presse bekannt ist, hatte am Tage auf dem Bahnhof ankommende Nationalsozialisten nach Waffen untersucht. Am Abend bei einer Patrouille in einer dunklen Straße wurde dann auf ihn geschossen. Die Verbrennungen in seinem Zeug lassen auf dir

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