Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 7 (Juli 1926)
- Date
- 1926-07-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Judentums Zur -as -rutsche Weimar! i In Weimar hat eine Tagung der „N a i i o n al sozialistischen Partei Deutschlands" unter Teilnahme i Von etwa 5000 Mitgliedern aus allen Teilen des Reiches statigefunden. Ueber den aufregenden Verlauf dieser Tagung hat die Presse eingehend berichtet. Auch wir teilten einiges in der letzten Nummer dieser Zeitung mit. Um ein eigenes Urteil - über die Vorgänge zu gewinnen, die überall im Inlands wie im Auslande und in den Blättern aller Parteien ungewöhnliche Beachtung fanden, und die zu heftigen Auseinandersetzungen; innerhalb der politischen Parteien und Körperschaften Thürin- - gens führten, haben wir unverzüglich unsere Dr. M. E.-Mit- | arbeiterin nach Weimar geschickt. Sie nahm Gelegenheit, verschiedene als Dichter und Schriftsteller, wie Friedrich Lien- »Hartz und Johannes Schlaf, und Gelehrte, tvie Dr. Otto Hauser, im deutschen Baterlande hochgeschätzte Persönlichkeiten, über ihre Stellung — sie ist nebenstehend wiedergegeben — zu den Vorfällen zu befragen. Durch die Aeußerungen dieser echten Deutschen zittert die Besorgnis - .um das deutsche Heiligtuin, um das deutsche Weimar. 1 Mögen diese Urteile dazu beitragen, das Weimar unserer Klassiker nie mehr zu einem Tummelplatz wüster Partcileidenschasten werden zu lassen. Das ist der Wunsch aller einsichtigen Deutschen jedweder Partei, jedweden Bekenntnisses. Möge durch die ausführliche Bekanntgabe der unerträglichen Geschehnisse während des nationalsozialistischen Parteitages die Erkenntnis wachsen, daß die Nationalsozialisten den Anspruch gründlich verwirkt haben, für eine kulturfördernde Partei zu gelten. Die Schriftleitung. Dr. M. E. Am Parteitag der Nationalsozialisten Hut Weimar nach übereinstimmender Schilderung vieler Augenzeugen einem Heerlager geglichen. Die Nationalsozialisten beherrschten die Straße mit ihrem Terror. Gleich am Sonnabend abend (3. Juli) bei ihrer Ankunft hörte man: jetzt haben w i r die Macht in Weimar; Weimar gehört uns — und nach diesem System handelten sie. Wo irgendjemand ging, der wie ein Jude aussah, rempelten sie an. Das Wort Jude war überall zu Hörens wo zwei Leute zusammenstanden. Alle Lieder richteten sich gegen die Juden; traten sie doch gegen den „jüdischmarxistischen Terror" auf. Zu diesem „jüdisch^marxistischen" Terror gehören nach ihrer Auffassung auch die Abzeichen von /Arbeiterverbänden, Arbeiterjugend, Reichsbanner u. a. m. Es nahmen am Parteitage etwa 4800 bis 5000 Männer, Frauen und Mädchen teil. Nach Schätzungen objektiver Augenzeugen bestanden sie zu 90 Prozent aus Proletariern: Arbeitern, stellungslosen kaufmännischen Angestellten, Holz- Hackern aus Oberbahern, Grubenleuten aus dem westfälischen 'Kohlengebiet (ein ganzer Trupp ging mit Bergarbeiterlampen) und Erwerbslosen. Die Leute kamen fast alle völlig mittellos in Weimar an. Auf ihr Verlangen nach Geld gab ihnen die Leitung, wie Nationalsozialisten aus Plauen erzählten, Broschüren, Zeitungen, Hitler-Postkarten, die berühmten Fahrkarten „Freifahrt nach Jerusalem und nicht wieder zurück" 'ünd andere, .judenfeindliche Schriften, um sich durch ihren Derkauf das GM Mp den.Aufenthalt in, Weimar, selbst zu derdienen. Tatsächlich boten die Nationalsozialisten dauernd derartige Sachen auf den Straßen den Passanten sowie deck Güsten in den Restaurants und Casbs an und drängten sie förmlich auf, ja sie wurden zum Teil drohend, wenn die Leute sich weigerten, die Schriften zu kaufen. Die weitere Folge der völligen Mittellosigkeit waren systematische Zechprellereien. Ein Fall für viele: Im Hotel K e m n i t i u s hatte ein ganzer Trupp von Hitler ° Leuten gespeist und getrunken. Als es ans Bezahlen gehen sollte, ertönte von der Straße ein Signal zum Sammeln; alles rannte heraus, niemand kam wieder. Als das Uebersallkommando kam, herrschte solcher Wirrwarr, daß die Schuldigen nicht zu ermitteln waren. Dieses Signal ertönte regelmäßig, wenn bezahlt werden sollte, oder aber es wurde ein Ausruhr auf Gegen Weimars Entweihung. Friedrich Lienhard: „Ich habe nichts mit parteipolitik zu tun, sondern nur mit -er -rutschen Seele. Ich habe auch persönlich nie einer politischen Partei angehört, son-ern mich nur um Rulturbelange gekümmert. Parteipolitische Ausschreitungen von rechts oöer von links lehne ich in unserem schwer erschütterten Deutschlanauf alle Fälle ab, besonöers in Weimar, -as eine Rulturinfel unö ein öeutsches Heiligtum sein soll." Johannes Schlaf: „Die Vorgänge gelegentlich -er letzten nationalsozialistischen Zusammenkunft ln Weimar srnsehr zu beklagen, stnö öurch Sie Stätte öurchaus verurteilt. Solch rohe unengherzige Gesinnung wiöerftreitet öeutfchem rtulturgeist, hemmt f-ie Zusammenfassung -er vaterlänöischen Kräfte zu neuem Aufstieg." . /._ ■ Gtto Hauser: „Sie fragen mich, welche Stellungnahme ich zu öen mannigfachen Störungen, -ke Weimars Wür-e schon erschütterten, habe: Nnen-lkch vielen Deutschen wir- -ie Wallfahrt nach Weimar jährlich zu einer Offenbarung, zu tief innerem Erleben. Wie -er Mensch schafft, hanöelt un- Senkt, bestimmt den Graseiner individuellen Nulturhöhe. Wer Anspruch erhebt, ernst genommen zu werden- -em sollte -as Ansehen einer so einzig würdigen Geistesstätte, wie sie -as herrliche Weimar ist, so unantastbar hoch stehen, -aß es ihm heilige Pflicht wür-e, Störungen nicht in den Tempel zu tragen, den klassischer Geist geweiht hat." s