Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 6 (Juni 1926)
- Date
- 1926-06-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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„warum find wir heimgesucht!" vergeßt Sie Not km Osten nicht l - Ein erfchütternöer Srief einer Mutter. — „Womit haben wir -lese Leköen veröient!" - die machtvolle Hilfe öer amerikanischen Juden. - fiuch die amerikanischen Christen fehlen nicht. — Spenden des Raröinals von New gort, Hapes, und des Hauses Nockefeller. Wir haben in diesen Blättern wiederholt und dringlich auf die entsetzliche Not hingcwicsen, die seit gerauincr Zeit unter den Juden Osteuropas, besonders unter denen Polens, wütet. Der Zusammenbruch der polnischen Wirtschaft hat zahllose jüdische Existenzen in den Abgrund gestürzt. Jndcnscindliche Maßnahmen der polnischen Negierung haben das Unglück vergröbert. Umfassende großzügige Hilfe tut bitter not. Den Darbenden mutz Nahrung und Kleidung verschafft werden, und cs scheint möglich zu sein, Tausenden von Familien durch A nsiedlnng im Oste» selbst allmählich dein Elend zu entreißen und sie mit der Zeit in gesicherte Verhältnisse zu bringen. Die großzügige Rettung aller dieser Unglücklichen kann niemals in umfassender Weise im fernen Orient, sondern nur, schon bei der gewaltigen Zahl der Hilfsbedürftigen und der Dringlichkeit des .Elends, an Ort und Stelle erfolgen. Mit glühendem Herzen und bcwimder»ngswürdiger Organisation hat sich das amerikanische Judentum der Not des Ostens angenommen. 15 Millionen Dollar sollen in kurzer Zeit aufgebracht werden. Die Sammlungen schreiten glänzend vortvärts, und etwas besonders Herzerfrencndes in diesen trüben Zeiten des Menschcnhasses und der ungezügelten Parteileidenschnsteii: Maßgebende christliche Persönlich, ketten haben sich z u s a m m c n g c f u n d e n , um auch ihrerseits eine Summe von 15 M i l l i o n e n D o ll a r z u sa in m e » z u b r i n ge n , um in vorbildlicher, leuchtender Menschenliebe das ihre zu tun, der Hungersnot unter den Inden deS europäischen Ostens kraftvoll zu steuern. Ter Kardinal von New Pork hat als einer der ersten eine namhafte Summe gespendet. Wir deutschen Inden haben vor dem Kriege unter der Führung des H i l f 8 v e r e i n 8 d e r d e n t s ch e n I n d e n stattliche Beträge für die Not im Osten aufgebracht. Heute sind wir arm, biiter arm geworden/ Heute sind wir nicht einmal in der Lage, unsere deutschjüdischen Wohlsnhrisnnstalten, unsere Lehrcrbilduiigsseminare und Schulen so zu erhalten und ansznbancii, wie das erforderlich wäre. So müssen wir uns leider darauf beschränken, unsere herzliche Teilnahme für die Not im Ost cn und sü r das amerikanische Hil s s w c r k zu b c k >, » de n, in der Hvssnung, daß dem deutschen Vaterlande alsbald bessere Ivirischnstliche Zeiten beschieden sein mögen, damit wir an deutschen und deutschjüdischen Aufgaben außerhalb unseres Vaterlandes wieder tatkräftig Mitwirken können. Im folgenden geben wir. um diese AnSführimgen zu beleuchten, einige wertvolle und kemizcichncnde Dvlnmciite wieder. In den New Porkcr Tageszeitimgcn veröffentlicht der j ü d i s ch e S a m m l u n g 8 a ii s s ch u ß folgenden erschütternden Brief einer jüdischen Mutter im Osten: „Wann, o wann» o Herr? Warum werden wir heimgcsucht? Womit haben wir solch Leiden verdient? Wir hungern, aber Ihr kiiniitet solchen Hunger wie den nnsrige» nicht verstehen. Es ist Hunger ohne Hofs- Gestern fragte mein Michele mich: Wird eö jemals in der Welt genug zu essen geben? Er denkt, die ganze Welt hungert wie wir, aber ich sage ihm nicht, das; es viele in der Welt gibt, die nicht hungern, sonst würde er mich fragen: Warnm sucht Gott uns mehr heim als die andern? Ich sage ihm: Mit Gottes Hilfe wird es zur rechten Zeit viel Nahrung geben. Aber in meinem Herzen sage ich, wann, o wann, o Herr? Warum werden wir heimgesucht, womit haben wir dieses Leiden verdient? Vorige Woche starb die Witwe vom Schuhmacher Hirschel. Sie war noch eine junge Fra«, dennoch sagten manche von uns: Vielleicht ist es besser, das; sie starb. Wostir sollte sie weiter leben-, Fiir dieses Elend? Für . .diesen Hunger- Seht Ihr? Schon ist es soweit, das; manche von uns den Gestorbenen beneiden, für den asie Qualen aufgehört haben. Meine kleine Sara ist lungenkrank geworden, und jede Nacht hustet sic. ES ist kein bißchen Kraft in ihr, feit es so wenig z» essen gibt, nutz mit jedem Tage wird sie vom Husten schwächer. So wie ich zu Michele spreche, so spricht mein Mann Er sagt z« mir: Wir dürfen Gottes Güte nicht vergesien. In den dunkelsten Stunden hat er uns immer Aber in seinem Gesicht sehe ich seine Hoffnungslosigkeit und seinen Schmerz, besonders, in der Nacht, wenn Sara hnstet." (Uebersetzimg eines Briefes einer jüdischen Mutter in Polen an David A. Brown. Landesvorsihcnden des llnitock Jewish Campagn.) Der Sniiiinclaiisschuß für New Jork schreibt dazu: „O Inden New Ports, antwortet aus diesen Hilfeschrei, der aus allen Teilen Europas zu uns dringt; Bemetzt eure Gaben so, das; sie die Tränen trocknen und den Hunger stillen von diesen Himderttausenden kleiner Kinder, die leiden und nicht wissen warum; Seid so freigebig, daß die Mutier und Väter, deren Leiden unbeschreiblich ist, ein etwas leichteres Leben haben; Laßt euer Herz mit Zeichen der Liebe, des Mitgefühls und des Verstehens für eure StaiiimcSgcnossen sprcckM, damit ihr Glaube an Gott und an die Mitmenschen gestärkt und ihr Ruf beantwortet wird," ttnicr dem Hinweis auf die „Vaterschaft Gottes und die Brüderschaft der Menschen" und unter Hervorhebung der bitteren Not unter den Juden im östlichen Europa, hat sich'in Amerika auch ein Ausschuß hervorragender ch r i st - licher Persönlichkeiten aus allen Teilen der Vereinigten Staaten gebildet, der sich zur Ausgabe gestellt hat, 15 Millionen Dollar zu famnicln, denselben Betrag, den die amerikanischen Juden zur Hebung der Not aufzubringen suchen. Dem Komitee gehören unter anderem an: Dr. Samuel Harden Church, Präsident des Carnegie-Institut, Pittsburg, Pa. Rev. Dr. Charles P. F a g u a >i i, Professor der Literatur des Alten Testaments im Union Thcologica! Seminary, New Dark. Dr. Nathnniel Schmidt, Professor der semitischen Sprachen an der Eoriiell Universiiät, Jthaca, N. P. Frau Mda D. Send der, Professor der englischen Literatur am Wcllesley College, Wellcsley, Muss. George F. Moore, Professor der Neligionsgeschichte an der Harvard Universität. Ncv. Dr. Frcdcric Lynch, früherer Chefredakteur der Zeitschrift „Christian Work". Rev. Dr. John Hahnes Holms, Pastor der Comunith Church. Zu den e r st e n ch r i st l i ch c n Spendern gehörte der Kardina l von New Por k. Der Kardinal von 'ssewPork. Patrick I. H a h e s. überwies dem Ausschußvorsihenden Breßler (an der Spitze der Sammlungen stehen der bekannte Bankier Felix M. Marburg sowie Louis Marshall als Ehrenvorsitzende) 250 Dollar und schrieb ihm unter dem 5. Mai: „Sehr geehrter Herr! Gestatten Sie mir, mit diesem Brief Ihnen meinen persönlichen Beitrag in Höhe von 250 Dollar zu übermitteln. Er ist für das Sammelwerk bestimmt, daß Sie als Hilfe für Ihre notleidenden Stanimesgenossen in den Ländern, die weniger vom Schicksal begünstigt sind als unser eigenes, führen. Indem ich dem Hilsswerke jeden Erfolg wünsche, bin ich mit vorzüglicher Hochachtung gez. Patrick I. H a y e 8.“ Es ist interessant, mit welchem Eifer sich die amerikanischen Tageszeitungen dieses Hilfswerkes annehmen. Fast täglich erscheinen Listen über den Fortgang der Sammlung. Diese wird übrigens so geführt, daß nicht nur jeder jüdischen Gemeinde in Amerika, sondern, nach eingehendem Brancheverzeichnis, auch jeder Branche bestimmte Beträge vorgeschrieben sind, die sie durch Sammlungen zu erreichen haben, lieber den Stand der Sammlung in den einzelnen Brauchen wird alle paar Tage Auskunft gegeben.