Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 6 (Juni 1926)
- Date
- 1926-06-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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4b Unsere Mischen han-werker. Von der Handwerkertagung in Leipzig. , G. Am 80. und 31. Mai fand in Leipzig die Tagung des Zcnt r a l be r b n n de 8 j ü d i s ch cr H a u dwerke rDeu t schl nu d s ftnlt. Unter der Teilnnhtnc einer große» Reihe Vv» jüdischen unb nichtjüdischen Behörden und Korpvrativneu fand am ersten Tngc eine Festsitzn n g statt, wahrend der zweite Tag der ernsten Arbeit getvidmct war. Das Hnnptlhema der Mviiiagsversammlnug tvar die „Erziehung zum Handwerk", über die M n S k'a t b l n t t (Leipzig) und Jsi Kahn (ffvntiffnvt n. M.) referierten. Im Ruschluß an die Referate wurde» folgende Entschliestungen angcuvmincu, die gewiß die jüdische Ocssentlichkeit interessiere»: 1. Der Verbandstag des Zentrnlverbandcs der jüdischen Handwerker Deutschlands sieht in der Erzieh»»» unserer Jugend zum Handwerk einen Weg, das deutsche Wirtschaslsteben lvicder nnfznrichtcn and den Wvhlstand unseres Vaterlandes zu sestige». Tie ersten Schritte hierzu inüssen nicht nur bei der Lebrlingsansbildnng beginnen. Ans den Wert der manuellen Tätigkeit muß bereits iin Eltcriihnnse hingeluiese», und die Untcrlvcisnng säum i» den ersten Schuljahren durch theoretischen und praktischen Unterricht sartgescht Ircrdcn. Diese Fvrdcrnngcn können nur dann in Erfüllung gehen, lvcnn alle jüdischen Kreise es sich zur Pslicht machen, sich sür die Schass,ing vvn Lehrlingsheiinen und entsprechenden Unterrichtsanstalten einzusctzen. 2. Ter Bcrbandstng hat nach einen, Bericht des Vertreters der Gesellschaft „Ort" davon Kenntnis genommen, das, die Absicht besteht, das Arbeitsfeld der Gcseltschast „Ort" bezüglich Versorgung jüdischer Handwerker mit Maschinen, Werkzeuge» und Rohmaterialien auf der Basis einer Kreditgewährung auch ans Deutschland aiiszudehnc». Der Verbandstag begrübt diesen Schritt nüt Freuden und empsichlt allen dem Verband angeschlvssenen Ortsgruppen, die Gesellschaft „Ort" in ihren Ausgabe» zu unterstützen. Der Hauptvorstand N'ird ersucht, die Möglichkeit einer gemeinsamen Arbeit ans den, Gebiete der Krcdithilso sür jüdische Handwerker zu prüfen und den Ortsgruppe» darüber zu berichten. Ans der Prächtigen Festrede des Herrn Louis Wolfs sowie aus dem Geschäftsbericht des Vcrbnndsvorsitzendeu Wilhelm Marcus und den Darlegungen der augcschlasseuen Vereine erfuhr inan nur außerordentlich Erfreuliches. Neue Ortsgruppen entstanden in Dortmund, Karlsruhe und Krefeld, ebenso hat sich Dresden wieder konstituiert, und in M ü n ch c u und K v » i g s - berg sind Zwcigvereine im Werden. Die Errichtung von Darlehnskassen für den Mittclstnnd wurde gesördcrt. Die augefchlosseue» Ituterverbäude, die Frauen- und Gehilseuvcrciue sind in gedeihlicher Fortcut,vickluug. Mehr aber noch als die tatsächlichen Erfolge und Fortschritte lvar es der Geist der Versammlung und aller Teilnehmer, der ungemein erfrischend und nnsencrnd wirkle. Man sühltc, daß hier nicht nutzlose Deklamationen und Aercinsreden produziert nnirden, sondern daß hinter den Männern und ihren Worten auch wirkliche Taten stehen. In schlichter Selbstverständlichkeit und Treue arbeiten unsere jüdischen Handwerker an dem Wiedernnsbnu der deutschen Wirtschaft und an der Gesundung des jüdischen Körpers. Ihre Leistungen sür die jüdische Ehre sind darum »»schätzbar. Es ist bedauerlich, daß aus den Roden »nd Berichten die alten Klagen lviedcr klangen. Noch immer ersrcnt sich das Handwerk in jüdischen Kreisen nicht der Wertschätzung, die cs verdient, „och immer »erben Knaben, d i e sich für das H a n d w c r k geistig und k ö r P c r l i ch eignen, ans t v v i ch t e ,i Gründen der Eitelkeit in „höhere" Berufe gedrängt, für die sie nicht Lust noch Fähigkeit haben. Noch imnrer gibt cs jüdische Gemeinde» und Institutionen, die bei der Vergebung ihrer Ausiräge den jüdische» Handwerker geflissentlich übersehen >»,d übergehen,' noch immer spult das gehässige Märchen von der Minderwertigkeit der Arbeit jüdischer Handwerker. Es ist ein schwerer Kampf, de» nufere Brüder im Zciitrnlverband jüdischer Handwerker führen, schwer tvcge» der tvirischastlicheii Krise, in der wir uns qin'ilcn, schwer durch die Widerstände, die im Judcntnnr sich ergeben. Getrost darf aber die jüdische Oefscntlichkeit dem Vorstande des Bcrbnndes vertraue», der ltnendliches geleistet hat und von dessen Kraft und Geschicklichkeit man ernmrten darf, daß er jüdisches Handwerk überall lviedcr zu Ehren bringen wird. von öer Diisselöorfer Tagung öer Aentralwohlfahrlsstelle öer deutschen Iuöen. Am 6. und 7. Juni fand in Diisjeldors die diesjährige Tagung der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Inden statt. An ihr „ahmen nnbcr den zahlreiche» Delegierten ans allen Teile» des Reiches Vertreter der Reichs- und Staatsbehörden, Ministerialrat v. G c m „t innen, für das Reichsarbeitsministerium, Ministerialrat M i t t c l s l, v f c r bau, Preußischen Wvhlsahrtsamt, Dr, F ö h r i „ g c r von der Liga der deutsche,, Wohlsahrtspslege, Kainmergerichtsrnt Leo Wvlss vom Preußischen Landesverband der jüdischen Gemeinde», ioil. Der Centralverein deutscher Siantsbürncr jüdischen Glaubens war durch Herrn Dr, H c r z s e l d (Essen) und Rabbiner Dr, Jacob (Dortmund) vertreten. Der Vvrsihcude der Jciitrnlwvhlsahrtsstelle, Eugen Cnspary (Berlin), crvssncte am Vorabend die Bcisammlnim und die Vertreter der Behörden übcrbrachte» die Grüße der durch sie vertretenen Aemter. Dann sprach in tiesgründigen, geistvollen Aussiihrmige» Itabbiner Dr. B a e ck (Berlin) über den „Geistigen Gehalt in der jüdischen Mohlsahrispslege". 91,„ nächsten Tage schilderie Ministerialrat Dr. Wittels l, öser die Zusammenhänge zwischen Wirtschastspolitik und Fürsorge. RechtsaMvalt Dr. Eevrg Bau m, Dozent an der Handelshochschule Berlin, betonte in seine» Ausführungen z» dem gleichen Thema, daß die Jude» treuest« Diener des deutschen Volkes, nicht Gäste im deutschen Lande seien. Außer der deutschen Not gibt es noch eine besondere jüdische Not. Für diese Not ist eine besondere jübifdjc Hilse notwendig, die über die staatliche Hilse hinaus ergänzen soll, Aerziesclmst, Nechisberainiig, Wohnnngswesen, Arbeitsgelegenheit, Berussberatnng sind ivichtige spezielle Probleme. . Obermagistratsrat Dr, Ollendvrss vom Städtisclicn Jngeiidnmt Berlin, beleuchtete die besonderen Ausgaben, vor die die Not der jüdischen Jugend die Wohlsahrtspslege stellt. Der letzte Tag wurde ausgesütlt von den Sitzungen der Arbeitsgemcinschaslen, Hilde Ottenheim er schilderte in kurzen, knappen Morien die Organisation der jüdischen Gesährdeicnsürsorge, Herr Dr, S a!o a r h hielt einen Vortrag über „Die Fürsorge sür jugendliche Psychopathen". Frau Paula Olicndvrs (Breslau) behandelte di» Frage der Fürsorge an Gesänge,icu und entlassenen Bcstraste». . Zwei Hücher zur „Najsenfrage". Hertz: „Rasse und Kultur", 3. Auflage, A. Kröuer, Leipzig 192.'». Wer in der Abwehrbewegung arbeitet und gezwungen ist, die bvlkischen Blätter zu lesen, der steht immer wieder ratlos vor der Tag sür Tag ne» vvrgebrachten. Tag für Tag gleich nnmöglichcn antisemitischen Nasscnpredigt. Dabei gibt cs mir wenig brauchbare tvissenschastliche Literatur, ans der man sich objektiv unterrichten kann. Das ausgezeichnete Büchlein des Amerikaners Bons ist sür de» Nichtfarhmann zu schwierig, die Spezial,verte von Fischer oder An »er-Lenz sind z» »msaiigrcich und zudem, soweit es sich um jüdisch Rassesrngen handelt, alles eher als zuverlässig. Die guten älteren Werke entsprechen nicht mehr dem heutige» Stand der Forschung, und das neueste, in einer Riescunnstage erschienene Buch Günthers „Nnssenknnde des deutschen Volkes" ist in bezug aus den jndlschci, Bestandteil des deutschen Bvlkcs Vvn einer so naiven Einseitigkeit, daß »m» hier wirklich nicht mehr Vvn hallnvcgs objektiver Wissensehnst rede» kann. Ausgezeichnet hat Fi sh berg 1918 die Rnsse»- merfinde der Inden beschrieben, in bezug auf körperliche Fragen gibt es bis heute kein besseres Buch, Was uns immer noch fehlte, das tvar ein brauchbares Werk über die seelische n R a s s c »e i g e n - schuften, Slns dieser Verlegenheit hat nnS Hertz geholsen. Sein Werk, das erstmals vor 22 Jahre» in einen, Wiener Verlag erschien, bietet in der neuesten, dritte», Auslage alles, Ivas inan nur irgend benötigt. Der Verfasser versagt über eine geradezu bcivundernngswiirdige Belesenheit: Vvn de» ältesten griechischen bis zu de» jüngsten deutschen Nasseschriststellern ist die ganze in Betracht kommende Literatur benujst und kritisch getvürdigt. Jede einzelne Behauptung der völkische» Schriststellcr ist eingehend erörtert, nach Für und Wider besprochen und rein Ivissenschnstlich betrachtet. Die Benutzung des Werkes als Nachschlagebnch wird dadurch etwas erschwert, das; der kolossale Stofs nicht systematisch geordnet, sondern in einer Reihe von Kapiteln in bunter Ordnung vereinigt ist. Aber vielleicht war es nur so möglich, das an und für sich spröde Thema i» einer so glänzenden, sessclnden Durste l l » n g s w c ise wicderzngebc», das; das Studium des Buches viel eher ein Genuß als eine Arbeit zu nennen ist. Ein eingehendes Sach- und Namenregister erleichtert zudem die sofortige Aussiudnng jeder gewünschten Frage. Es wird i» Znkunst kan», möglich sein, über Rasse zu schreibe», ohne sich mit Hertz nnscinnnderznsehe», ganz sicher aber kann niemand dieses Buches entrnten, der sich über den Begriff der jüdische» Rasse unterrichten will. G. F. Dr. nicd. <o< phil. K urt HilVebraiid t: > „Gedanken znr Rassenpstzchologie". Verfasser des kleinen Schristchens*) ist der bekannte Autor der Werke „Norm und Entartung des Menschen" und ,,'Jionn unb Verfall des Staates". Dem anspruchslose» Titel entspricht die lose Gliederung: Nach einer längeren Polemik gegen Spengler tvcrden einige grundlegende Sätze der Erblichleitslehre skizziert und im Anschluß an Günthers „Nassenlunde des deutschen Volkes" die europäischen Hanptrnsse» dargelegt. Daß ein so scharfsinniger Denker wie Hildebraudt Günthers Buch empfiehlt, ist bedauerlich. Gegen die anfechtbarsten Gcdankengänge Günthers wendet sich allerdings auch Hildebraudt, so gegen die übermäßige Ucberschätznng der nordische» Rasse, gegen die prinzipielle Verwerflichkeit der Rasscnmischung, gegen das Dogma von der nngcheuren rassischen Verschiedenheit der Juden und der europäischen Völker. Da „die Beimischung der starken Beweglichkeit der Inden dem Deutschen nicht schaden wird, solange er sich stark genug weiß, ihre nnflvsenden Kräfte abzulehneii", so wünscht Hildebraudt „Symbiose, geistige Gemeinschast, nicht Nasseneinheit und Ehegcmcinschaft beider Gemische". Diese und ähnliche Gedanken sind in ansprechender Form borgcbracht, und auch ohne mit dem Verfasser in allen Stücken einer Meinung zu sein, wird man das Büchlein gern lesen. Otto Feldmonn (Stuttgart). *) Heft 10 der „Kleinen Schriften zur Eeelcnforschung", herausgegeben von 0r. mscl. vt »hil. Arthur Kronfcld. Julius PiNtmaii», Vertag, Stuttgart 1024.