Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 6 (Juni 1926)
- Date
- 1926-06-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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45 Ausnutzung der Arbeitslosigkeit. Von Profcflor Dr. Erik Nölting (Frankfurt a. M.). Der ölonomische Antiscmitisimis Hot immer nach Jagdgriindcn getrachtet, die besondere Ergiebigkeit versprachen. Zu einer Zeit, wo da8 kapitalistische Wirtschaftssystem ans innerer Rviwendigkeit z» der Zerstörung der vorkapitalistischen bäuerlichen und handwcrkerlichen Wirtschaftsform übergeht, lvird den noch nicht in die neneu Produktionsverhältnisse ningesiedelteu »ud in »cbergmigsnötcn seufzenden Wirtschnftsschichteii erzählt, das; der Jude der Störer der Nahrung, der verruchte Träger der neuen EwcrbSgcsiummg sei, die die Welt mit chaotischem Wirrwarr bedrohe. Dem unter Bodenwnchcr, hypothekarischer lleberbelnstung. Erbverschuldung und nuratioucller Wirtschasissuhrnng leidenden Bauernstand wird der jüdische Giitcrschlüchter gegeuiibergestellt, der nur daraus lauert, dem von Haus und Hvs vertriebene» Bauern zu gelegener S!»>»de den Strick um den Hals zu legen. Der von der überlegenen Konkurrenz der Großindustrie bedrängte städtische Gelverbcsiand schreibt alles Unglück dem jüdischen Tarlchnslvnchercr zu, der ihn mit unerhörten Zinssvrdernugeu dem Ruin entgcgentreibt. Als beide Stünde, Baucrntuin ans dem Lande und Handwerker!»»; in der Stadt, durch Gcnvssenschastsbildung, namentlich durch Kredit-- und Darlchnsgeuvssenschnsten, eine weitgehende Unabhängigkeit vom städtischen Kredit- und Hypothekeumarkt gen'inncn, tritt dies« Variante deS ölonomischen Antiscmiiisnnis stärker in den Hinter» grund. Entwicklungsprozesse innerhalb der kapitalistischen Groß» Wirtschaft, die hier nicht näher dargclegt werden können lsinanzielle Lücstarknng der Produktivusbasis, Berbureankrntisiernng des .Kapitalismus in den immer weiter umsichgrcisende» Monopolbiidmigcii, Vorrucken der Schwerindustrie, die immer relativ judeurciu lvar, die Durchknpiicilisicrung der Gesainbvirtschast. die den kapitalistischen Wirtschasisbetricb von, Vorwnrs der Fremdartigkeit und Ungewohntheit befreit), bringen die Anklagen gegen den „jüdischen Kapitalismus" zum Acrstlunmcn. Die Hera der großen Konzernherren, deren Name in aller Munde ist, der ungekrönten Könige von Kohle, Eisen und Stahl, bedeutet den Schlußstein jener srnhlapitalistische» Epoche, in der eine .Handvoll jüdischer Bankhäuser noch von anSschlaggebender Bedeutung war. In der Liste der elf reichsten Männer der Welt, die die „New chvrk Times" in, Juni 1923 zusmumenstellie, ist auch nicht ein jüdischer Name verzeichnet, während Henry Ford, der antisemitische Aniomobilkvnig Amerikas, an der Spitze marschiert; die Rainen der Stinncs, Krupp, Stumm, Thyssen, Fürst von Plcß und Henekel von Donnersm a r ck klingen auch nicht eben gerade jüdisch. Gegenüber den 20 Milliarden Sparkasseneinlagen deutscher Gemeinden in der Vorkriegszeit stand ein Bankkapital von insgesamt 4M. Milliarden Mark, das es schwer machte, von einem „jüdischen Kapitalismus" zu reden, selbst wenn inan diese vier Milliarden ausschließlich in jüdisches Kapital nmfäischte. So warf sich der Antisemiiisiinis, der neue lind zugkräftige Propagandamittcl braucht, mehr ans die „Nasse", der jüdische Bliitbnitard war ergiebigeres Agitationsmaterinl als der jüdische Wrsen;obber und Blutsauger. Hcutc nun droht die Entwicklung in ein bereits überwundenes Stadium znrnckzusallcii. Tie zerrüttete Weltwirtschaft, die zu Betriebsstillegungrii, Existcnzzcrtrümmcrnngci; »iid Millionenhccren von Arbeitslosen führte, ist wieder ei» ertragreicher Jagdgrund geworden. In den Hirnen von über zwei Millionen Ilnbcschästigtcr, die in der deutschen Wirtschaft zurzeit lein Brot finde» und deren Absaugung in den Produktionsprozeß in naher Zeit nicht erwartet werden darf, flackert llnrnhc und Erschöpfung. To ergibt sich eine Situation, die der neuen Auslage einer „völkischen Nationalökonomie" ungemein günstig erscheinen mußte, die bann mich uicht verfehlte, die gute Konjunktur zu niitzen. Der durch die Jnslatio» beraubte und durch die Auswertung verhöhnte Stand der Sparer und kleinen Rentner, der in Not versiiikcndc Arbeitslose und Kurzarbeiter sind ihre Objekte. Die Zusammenhänge der Weltwirtschaft sind vcrworren imb nicht einmal fiir den Eingeweihten cindcntig »iid zugänglich. Die seit Frühjahr 1019 andauernde Krise, die tut November 192.3 ans einer W ä h r u n g 8 k r i s c mit dem engen Programm einer W ä h r n n g 8 s a u i e r n n g in eine allgemeine Wirtschaftskrise mit dem sehr weiten Programm einer Wirtschastsgeßmdung auf dem mir allmählich zn bcschrcitenden Wege einer Wirtschasisrcorganisation uinschlug, ist ein höchst kompliziertes Phänomen, das zu begreifen nicht von denen crivartct werden kann, die unter den Trumniern einer zerborstenen Wirtschaft verschüttet liegen lind die in erster Linie die Leidtragenden der notwendigen Bereinigung sind. Der Jiide ist schuld! ist dagegen ein alter und vertrauter Nosrain, und das Haleiikrciiz an der Mütze trägt sich leichter als die Eiiisicht im Kops. Das jüdische Kapital sabotiert die deutsche Wirtschaft, cs verstrickt uns in Schiildkncchtschast durch Dawes-Gesehe, über die man gern als über Davids-Gesetze spottet, um den antisemitischen Kitzel zn regen; cS spekuliert ans den allgemeinen Trünuuersall, um ans wirtschaftlichen Leichcnfeldern seine Wcltherrschafiszicle zn entfalten, von denen das ominöse Prolokoll der „Weisen von Zion", das immer wieder in einer von Lügeinnärcn erhitzten, durch Entbehrung und Not zuchtlos gewordenen Phantasie austaucht, ja bekanntlich eine detaillierte Schilderung enthält. So wird es täglich in der völkischen Presse verbreitet, in Broschüren und Traktätchen doziert, von den Rednertribünen vor erregten Massenversammlungen hingebreiiek. So flüstert cs sich von Mund zu Mund hinein in die Elendsviertel unserer Großstädte, die diesem Evangelium offener liege,; als dem schiver verständlichen . „jüdischen Marxismus", der keine so massive und gradlinige Anwendung gesinllct. Vor mir liegt eine Nummer des von Adolf Hitler herausgcgcbenen „Völkischen Beobachters", des Kampsblaites der nationalsozialistischen Bewegung Großdcutschlnnds, mit einem Ar» iikel, der die alarmierende Aufschrift: „Arbeitslose! Warum seid Ihr arbeitslos?" trägt. In geschickter Spekulation auf d i c G e in ü t 8 v c r f a s s» n g unbeschäftigter und hungernder M e n sche n wird zu „ fl dj ft mit aufreizenden ii n b grellen Worten der Widersinn einer Wirtschn s tSo rdn u ng dar gelegt, in der auf der-einen Seite' beschäftigungslos ein Heer arbeitsgewillicr und nrbeitsgeubter Män- »er steht, während auf der andern Seite weite Kreise desselben Dolles tiefe Rot leiden an allen notwendigsten Unterhaltsmitieln. Ist durch eine solche Gegenüberstellung der gewünschte Erregungszustand der Gemüter bewirkt, so lvird ohne eine Spur von Beweis — und daher nach untrüglichen Gesetzen aller Mnffenpsychologie doppelt beweiskräftig — die Lösmig des Rätsels gegeben: Millionen fleißiger Hände müssen feiern, Millionen Werktätiger müssen hungern und frieren, weil daS „ras sende" jüdische Banku n d B v r s c n l a p i i a l es so will. Durch den Niesenbetrng der Inflation hat das jüdische Leihkapital dem deutschen Volk das Spar» und Betriebskapital gestohlen. Heute nimmt dasselbe jüdische Leihkapital durch den ebenso großen Betrug einer Deflation, einer mit Hilfe schamloser Vörscnmanövcr hcrvorgernfcncn künstlichen Geldverknappnng, dem deutschen Volk auch die Betriebsmittel, das „Handwerkszeug der Arbeit" und damit die Möglichkeit lohnender Betätigung. Wie lange will das deutsche Volk diesen Zustand noch dulden? lind dann koimnt die Nutzanwendung: Fort mit den Gcldmonvpolcn der Jndcnbanlcn, nieder mit der Wucher- und Zinsknechischast, es lebe die Diktatur gegen die GeldherrschaftI Was aber das „Fori mit den Geldmonopolen der Indenbanken" im einzclncn bedeutet, wird in einem in durchaus ähnlicher Tonart gchalienen Artikel „Die Ursachen der gegcmvnrtigen deutschen Wirtschaftskrise" im „Rcichswart" des Grasen E. Neben tl ow, für den ein Hans Niibezahl verantwortlich zeichnet, noch eingehender dargetegt: Erlaß eines Gesetzes, welches Ausländern und nach 1913 eingebürgerte» Inden (rassische Merkmale maßgebend) den Besitz von deutschen Immobilie» oder von auf deutsche Immobilien lautenden Schuldscheinen verbietet, unter Festsetzung eines nahen Terniins für den vollzogenen Verkauf; Rückgängigmachung aller seit 1913 crsolgicn Einbürgerungen von Judcii, Entlastung aller jüdische» Bcamieii, Fremdcnrccht für Ariden und Andcrsrassige. Daneben werden mit spielerischer Leichtigkeit noch allerhand „nationalökonomische" Vorschläge enlivickcll, die hier nicht weiter interessieren und die lediglich ein Produkt ungezügelter Demagogie und hossnungslosester Ignoranz in allen wirtschnsilichcn Dingen bedeuten. Ueberaus bezeichnend ist, wie sich die Redaktion zu solchen Auslassungen verhält. In einer Kopszeile, die Graf Rcvenilow mit seiner Nnmensniilcrschrift dem Artikel voranschickt, >vird bemerkt, die Redaktion behalte sich die Stellungnahme zu diesen „interestanten Anregungen" vor. Tie ungeteilte Zustinunnng zu diesen Tollhauselaborntionen zu erteilen, halt man sich denn doch für zu gut. Man kann ja auch gelegentlich ein wenig wcgretouchieren, doch dazu läßt man sich Zeit. ,„Interessante Anregungen" bleiben es immerhin, und inzwischen kann die Gistsaat anfgehen. Das ist eine Lässigkeit und Veraniwortimgslosiglcit, die ans Verbrecherische streift. Was aber soll man dagegen tun? Das beliebte „Nicdrigerhängen" reicht hier nicht aus. Man mich sich zur Gegenwehr setzen mit allen Mitteln. Durch die Rollenverieilnng ist man, wie ausgesiihrt wurde, ohnehin in einem schwer zn überwindenden Nachteil. Denn alles Massendenkcn drängt zu groben Vereinfachungen. Gegen die plalathaste, ans alte Triebregpngcn und Instinkte spekulierende Formel „Inden heraus" wird derjenige schwer ankoinmen können, der lediglich immer wieder die gegcnivärtige soziale und wirtschasilichc Situation aus vielfacher Verwurzelung als zivangläusig ab- Iciten und sehr »»zureichende Behelssmgßnahmcn zur Ueberwindung der schweren Wirtschaftskrise an die Hand geben kann. Dennoch muß in Rede und Schrift dieser Abwehrversuch stets auss neue unternommen werden, wobei alles davon abhängt, daß man mit dem warnenden midi nufklnreiiden Wort auch an jene Kreise wirklich herankommt. Auch von Broschüren und Flugblättern mit straffer Gcdaiikenführuiig und volkstümlicher Logik kann man sich viel Gutes versprechen, wenn man versteht, den Lesestoff im rechten Moment an die in Betracht kommenden Aollsgeschichten heranznbringen, die keinesfalls ausschließlich der Beeinflussung durch die andere Seite prcisgcgebcn werden dürfen. Höher freilich als der Erfolg solcher Angenblicksarbeit ist die von vielen Seiten in jahrzehntelanger Arbeit in die deutsche Arbeiterschaft gesenkte Einsicht und Disziplin zu veranschlagen, die den verläßlichsten Damm gegen die demagogische Berleumdungsslut bieten. Allerdings gibt es auch hier eine Belastungsgrenze, und es steht nur zu hoffen, daß der in glücklicheren Zeiten ausgesammelte und im deutschen Arbeitervolk investierte intellektuelle und moralische Fundus, der immun macht gegen verräterische Verlockung, so lange hinhält, bis glücklichere Tage Heraufziehen.