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Central-Verein-Zeitung · 1926-06-01 · Heft 6 (Juni 1926) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 6 (Juni 1926)
Date
1926-06-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Satz macht blind... Volksenischeid. 8i«I»r> „Die große I u d e n zä h l u >; g findet am 20. Juni statt. Deutsche bleiben zu Hanse." Klebezettel und Flugblätter mit diese»» Inhalt, die von Dcntschvölkischcn und von Dcutschnntionnlcn und Stahlhelmleutei; angellebt und ans den WcrbenntvS in unzähligen Mengen geworfen wurden, brachten den Volksentscheid ans eine Formel, von der sic Ersprießliches und Nützliches für die Ablehnung der Fürstencntcigiumg erhofften. Die Schlacht ist geschlagen. M » n d l 4 % Millionen beutscher Wähler haben für den Volksentscheid gestimmt. Das; das nicht das Ergebnis einer Jndenzählung ist, wird jeder Sextaner, auch wenn cs Ostern nicht für die Quinta reicht, erkennen. Wir können nicht verlangen, das; jene überklugen Drahtzieher, die den Antisemitismus allüberall, bei jeder Passenden und unpassenden Gelegenheit, für ein gutes Geschüft halten, jetzt so etwas wie Rene über ihre Skrupellosigkeit empfinden. Wir behaupten aber, das; sehr viele gerecht denkende Menschen, die sich in den letzten Wochen in das jndenhetzerische Fahrwasser begeben haben, heute angesichts der Erfolglosigkeit des beliebten Ablenkungsmanövers sich nicht nur über dessen Nutzlosigkeit, sondern auch über den Schaden klar sein werden, das cs anrichten mußte. Wir haben rechtzeitig in diesen; Blatte vor drei Wochen darauf hingcwiesen, das; der E. A. mit der Frage des Volksentscheids au sich nichts zu tun hat. Auch deutsche Inden sind gewiß mit leidenschaftlichem Eifer von ihrer Politischen Weltanschauung ans für die Enteignung eingctretcn; wir haben aus der anderen Seite in bayerischen Rcchtsblnttern Kundgebungen des Münchener Rabbinats; ferner in der „Deutschen Zeitung", in; „Lokal- Anzeiger" und anderen rechtsgerichteten Tageszeitungen den Auszug eines Brieses lesen können, den Rabbiner Dr. Munk in Berlin an das offizielle Organ des Zentrums, die „G ttinmti a". gerichtet hat. Diese R „binnen erklären übereinstimmend, daß jüdisches Gesetz und jüdische Ethik sich mit keinerlei Enteignung vertragen. Wozu also die wohlinszcnierte Jndenhetze? Man sage nicht, das; bei dem gigantischen Ringen um die Fürstenenteignnng Entgleisungen hüben und drüben ausbleiben konnten. Wir nehmen an, selbst dentschnationale Kreise baben es nicht gebilligt, das; der „Völkische Bcobach tew in einer Sonderausgabe, die in München an; Tage vor der Wahl in Massen verbreitet wurde, das Bild Walther Rathenaus brachte und diesem die Unterschrift gab; „W a l t h e r R a t h c n a n , Begründer der Kriegsgesellschnst, vierzigfacher Anssichtsrat, viclsacher Millionär, Jndustriemagnat, jüdischer Hochfinanzier, Hauptvcrtrctcr der Erfüllmigsnni> Verelendungs-Politik, der Heros der Börse und der Sozialdemokratie, st a r b eines plötzlichen Todes im Juni 1 9 22." Wir wissen, das; für solche Rohheit auch Rcchtskreise ein ehrliches „Psni Teufel l" haben. Aber in N ü r n b e r g beispielsweise ist, vom Ausschuß gegen die Fürsteiicnteignnng rmtcrschrieben, ein Plakat angeschlagen worden, das eine rote nackte Gestalt mit den; David-Stern aus der Mütze dar stellt und dahinter die Karikatur eines Inden mit der Aufschrift „Börse" zeigt. Solche Kampsesweise ist umvahrhastig und empörend zugleich. Wir laden die Herren des ■ Ausschusses sekundlichst ein, sich in Berlin einmal a n O r t u nd S te l le zu erkundigen, ob es zntrifst, das; an der Börse und deren Ber- Wallung immer nur Inden das Zepter führen. Dentschnationale Blatter -und Ortsgruppen haben in dem Kamps um den Volksentscheid die Reinlichkeitsarmze nach Herr,; Richard Kunze hin verwischt, indem sie aus seinem „Denkfche.n Witzblatt" Schmutze- Flugblüft zum Volksentscheid das in Berlin und im Reiche von der „Bereinigung Bürgeririede' in Massen verbreitet wurde. Also spricht Kaiser Friedrich: Wer mich und mein Geschlecht ehren will, denke an mein Vermächtnis: „Der Judenhaß ist die Schmach des Jahrhunderts!" rcien übernommen und in Millionen Exemplaren auf die Straße geworfen haben. Dculschnationale Redner — nicht nur Dr. Evcrling — haben die Völkischen in verleumderischen Anschnldignngcn gegen die Inden in Groß-Berlin und anderwärts geradezu überbotcn. Es ist bezeichnend, daß uns verschiedene Zuschriften zugingen, die gerade über Everlings zügellose Rede in Berlin voller Einpörung waren und die sich auch entrüsteten, das; Graf Westarp, der Führer der Dentschnationalen Volkspartei, solche Rede deckte und vollkommen vergißt, tvie herzlich er ernst um die jüdischen Stimmen aus dem Wahlkreise M e s e r i tz - B o m st, die ihm in den Reichstag halfen, gebeten hat. Eine bescheidene Anfrage sei uns noch an die Herren der Zentrallcitung des Ausschusses gegen die Fürstenenteignnng gestatte!: Glauben S i e, d a s; eine einzige Stimme mehr für die Enteignung abgegeben worden wäre, wenn der Agitation der E n t e; g n u n g 8 g e g n e r der G a s s e n a n t i s e n; i t i s n; n s f c r n g e h a l t e n worden wäre? Wir sind nicht in; Zweifel, wie diese Frage zu beantivvrten ist. Man mißverstehe uns nicht. Wir sind weit davon entfernt, kampsesmüde zu sein. .Wir stellen uns den; Judenhaß entgegen, wann und wo wir ihn treffe n. Aber gerade, weil wir alle Zeit tu Kampsesstellnng sind, suhlen wir uns verpflichtet, denen, die guten Willens sind, immer wieder zu zeigen, daß blinder Eifer nur schadet. Wer den zügellosen Judenhaß realpolitischen Zwecken dienstbar macht, der ruft, wie Mecklenburg deutlich gezeigt hat, Geister, die er nicht mehr los wird. Und Schaden leidet in erster Linie nicht das kleine Häuslein Juden, sondern das große deutsche Vaterland. Die alie Bluischuldlüge. Ans Breslau meldeten zu Beginn dieses Monats die Zeitungen von einem grauenvollen Morde an zwei Kindern, die in bestialischer Weise zerstückelt anfgefunden wurden. Entsetzen und inniges Mitgefühl mit der unglücklichen Mutter, der dieses Schicksal zugestoßen war, erfüllte die Leser. Aus der Tagespresse weiß leder, uni welch fieberhafter Erregung Behörden „nd die Breslauer Bevölkerung in ihrer Gesamtheit an der Aufklärung dieser Untat arbeiteten. Alles beinühte sich, durch sachliche Mithilfe die Aufdeckung dieser Wahnsinnstat zu fördern. Da flattert« ein offenbar in einer Hausdruckerei gedrucktes Flugblatt in die Breslauer Straßen, das das schlesische völkische Blatt, die „Schlesische V ol k s st i m tu e", sofort anfgriff und durch Abdruck in die weitesten Kreise brachte. Der Text dieser Meldung kantete: „Ist der Kindermord ein „Nilualmord«? Am Diensiag, de» 8. d. M., hat der Brotherr des seit den; 2. Juni spurlos verschwundenen jüdischen Hausdieners Hase der Kriminalpolizei Angaben gemacht, die etwa folgendes besagen: Hase hätte in den letzten Tagen vor seiircu; Verschwinden ein besonders «nsgeregtes und zerfahrenes Wesen zur Schau getragen. Nach Bekanntwcrden der Untat hätte er, der Arbeitgeber, bemerkenswerte Feststellungen gemacht, unter anderem, das; Hase sich init allen mögliche,; Mitteln Zugang zu einem ihn» gehörigen Lagcrkeller an, Dominikancrplnl; zu verschaffen gesucht hätte, ohne dort etivas zu suchen zu haben. Der Lagcrkeller enthalte Paclmaterial, auch Packleinen. Hast hat als Sohn eines Schlächters (er selbst wollte cö auch «och werden) es durchaus nicht nötig, bet einer solchen Nntat „Beilgeräusche" zu machen, sondern er dürste das Ausschälen der Knochen mit dem Messer verstehen. Ferner sei, mindestens für de» Laien, die Handschrift Hases der Päckchenanfschrift recht ähnlich. Hase neigte stark zu Frömmelei, Leute, die ihn kennen, sprachen ihn, die Möglichkeit religiösen Wahnsinns durchaus zu. Warum hat die Polizei diese Angaben bisher nicht verfolgt und nicht mindestens „achgesorscht, wo der verschwundene Hase geblieben ist? Er mutz ja nicht der Täter sein, aber diese grausige Tat ersordcrt doch wohl, daß einer so eigenartigen Spur cbensalls mit allen Mitteln „achgcgangen wird. Läßt nicht auch die Tatsache, daß die gefundene» Körperteile völlig auSgeblutet sind, auf die Möglichkeit einer solchen Art der Hinschlacht,mg schließen?« Man solle nun »reinen, daß die gesamte anständige Presse Breslaus mit Entrüstung dieses Gerücht zurückgcwiesen oder niedriger gehängt hätte. Bon dieser selstverständlichen Maßnahme machte die deutschnationale „Schlesische Zeitung" eine Ausnahme, die an die Bcrvsfenilichnng der hetzerlschen Meldung folgende Bemerkung knüpft: „Es wird nun die Aufgabe der Kriminalpolizei sein, das Dunkel, welches über dem verschwundenen Hausdiener und seinem gewaltsamen Ende schwebt, aufzuklären. Denn ein furchtbarer Verdacht, einmal ausgesprochen, wälzt sich bei der bcgreislichcn Erregung der Bevölkerung, die übrigens durch die öffentliche Schaustellung der Kleider der er- ,nordeten Kinder und der Mordpakete „och gesteigert worden ist. lawinenartig fort, und kann leicht zu törichten Aeutzerungen führen. Mit anderen Worten: Die „Schlesische Zeitung", ein in Beamten-, Offiziers- und Großgrundbesitzerkreifen viel gelesenes

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