Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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wtöfOffl uni) ÄEk" / Von Aeda Marie Gräfin zv Dohna „Tut nlchlsl Der Jude wird verbrannt.' (Lcssing: „Nathan der Weise.") Als ich das soeben im DeutsclM Bolksvcrlag, Niüncheii, erschienene Buch „Erotik und Rasse", eine Untersuchung über gesellschaftliche. sittlickie und geschlechtliche Fragen von Herwig Härtner von der „E. B.-Zeitmig" mit der Bitte um Besprechung zugesandt erhielt, mutzte ich mir klar darüber werde», ob ich als Arierin berufen sei, eine Kritik dieser dcutschvölkisclM Schrift in dem sührentwn Blatte des dcutjckM Judeutnms zu schreilien. Und als ich in dem Buche zu lesen begann, stiegen neue Zweifel in mir auf: Sollte ich als Frau diese Schrift besprcclM, die sich mit den heikelsten sittlichen und sexuellen Problemen besaht? Bald aber erkannte ich, das; es Feigheit sein würde, inich dieser Aufgabe zu eniziel>en, und das; ich sowohl vom deutschen wie vom iveiblicheu, aber auü) vom meinem christiickzen und demokratische» Standpunkt ans die Pflicht habe, offen und mit dein Streben nach Gerechtigkeit über dieses Buch zu sprecl)en, »nd zivar gerade in dem Blatte deS Ecntralvereins der deutschen Staatsbürger jüdische» Glaubens. Herwig Härtner führt seinen Kampf aus ehrlicher Ileberzeugung, — das wird auch der Andersdenkende nncrkcuneu. Er hat ein reicl)es Arsenal trcsssichercr Massen vorrätig: eine eingehende Kenntnis der ganzen neueren deutsch-jüdischen Literatur. Ter Kritiker mutz sich aber fragen, ob der Autor nicht gar zu einseitig die jüdischen Schriftsteller heraugezogcn hat? Ob er nicht bei neueren gr r ina n i s chen Dichtern dieselben bedauerlichen Tendenzen entdeckt haben würde, wenn er sie zu sindcn gewünscht hätte? Er begnügt sich jedoch mit der vorübergehenden Feststellung, das; man eine niedrige Anschauung „natürlich nicht nur in jüdischen Kreisen findet", und datz au den politisch-satirischen Witzblättern der „Simplizissimus"-Richt»ng „auch viele Nichtjuuden tätig sind". Es ist ja seine Absicht, einseitig die Inden mit dem Odium der Frivolitäten zu belasten, dein; er tvill beweisen, das; sie die „erotische Revolution" propagieren, um die arisch-germanische Rasse zu vernichten! Man kann sich mit manchen Einzelheiten deS Buches ciuverstanden erklären. Neberrascht dürste der Leser jedoch über die Feststellung sein, „datz der Bubikopf weder in den christlichen noch in den völkischen Kreisen Eingang gefunden hat"! Noch mehr aber darüber, datz „bei dieser Turchsetzimg des Bubikopfes natürlich das demokratische Bewutztsc-in ei;re entscheidende Rolle spielt", und „der gleiche gestutzte oder geschorene Kops vom demokratischen Glcichheitsstnndpunkt ans noch berechtigt und sogar der » a t ü r l i ch e S u tz e r e A u s d r u ck dieses sinnlosen und unheilvollen Gedankens sein nmg"! Dieser demokratische Gleichheitsgedanke, den Härtner in seiner ganzen Tiefe erfaßt zu haben scheint, ist nach feiner Meinung „heute theoretisch vollständig abgetan oder vielmehr auf seine berechtigten engen Grenzen zurnckgesührt", und die Ideen des Liberalismus und der Tenwkrntic haben ihre innere Kraft deri Der Verfasser gibt selbst die Unzuverlässigkeit der urkundlichen und sonstigen Nachweise jüdischer Herkunft zn; diese überaus wichtige Stelle möchte ich dein Leser nicht vorenthakten: „Der urkundliche Nachweis der jüdischen Herkunst ist naiürlich in vielen Fällen sehr schwer, in manchen überhaupt nicht zu erbringen. Dabei stellt mid; der urkundliche Nachweis, das? man kein jüdisdieS oder farbiges Blut in den Adern habe, in keiner Weise einen wirklichen Bc- >rxis dar. Weit mehr Sidicrheit bietet schon der Augenschein, der rassische Befund, "obwohl sich arid; hier immer eine grobe Zahl von Fällen ergeben werden, sür die eine sidicre Entscheidung schwer oder überhaupt nicht z» erbringen ist. Wenn es natürlich in jcdcur Falle aus die geistige Wesenhcit ankvmmt, wie der einzelne zu werten ist, so wird eine Untersuchung in dieser Richtung auch manchen urlundlid; und rassisch zweifelhaften Fall vollständig llarstcllen können." Und dann versteigt sich Härtner z» der Behauptung: „So wäre es wissenschaftlich and; dann völlig cinwandstei gcwcscn, Meyrink r» den Jude» zu stellen, wenn er urkundlich ,cinc rein germanische Abstammung' hätte Nachweise» tonnen." Nach diesem Grundsatz dürsie also alles Unliebsame -- selbst bei urkundlich „rein germanischer Abstamnnnig" — de» Juden zngcrcchnet werden! Es ist bedauerlich. >vic lveit eine fixe Idee die Menschen führen kann. Dabei bemüht sich Härtner, in gewissen Grenzen gerecht zu sein. So W a s s e r m n ngegenüber, von dem er mit größter Achtung sprichst. Da es ihn; aber natürlich „nicht nwglich ist, Wassermann als Deutschen anzucrkcnncn", so hat er hcrausgesunden, „daß seine jüdische Wesenheit in der cigcniiiuilidi schweren, übcrladcncn, ko wenig unmitelbaren Sprache, ebenso wie in der Geistigkeit seiner Gestalten immer wieder zum Durdibruch koniint »nd seinen Werken ' den bestimmenden Eehall gibt, wenn ihm aud, immer wieder einzelne , Gestalten gelingen, die man als gut dcutsd) rmpsindrn kann". Wenn eine schwere, überladene, lvenig unmittelbare Sprache ein Beweis für jüdische Wesenheit ist, dann müssen nur z. B. Kant zu den Inden rcchnei;. Nach den Grundsätzen Härtners steht dem ja nichts in; Wege, da eine urkundlich rein germanische Abstammung a»ch nicht mehr maßgebend ist; warum sollte man den Verfasser der nnlwqnemen Schrift „Zum Ewigen Frieden", die man zivar vielleicht nicht kennt, aber gleich dem übrigen „schwächlichen Pazifismus" verurteilt, — nicht einfach zu den Inden rechnen?! ... Sehr ungerecht beurteilt der Verfasser Arthur Schnitzker. den er „in deutschen Kreisen als ziemlich abgetan" betrachtet. Er muß zivar zugeben, datz Schnitzler die deutschen Mädchen „stets mit besonderer Liebe und Sorgfalt zeichnet". Wer er behauptet, man sinde nie wirkliche Leidenschaft bei ihn;, die Liebe sinke zur „Liebelei" herab. Daß das Stück dieses Titels eine Verurteilung jener Auffassung von seiten des Mannes bedeutet, und daß Christinens Lielw ivahrlich keine Liebelei ist, sie ohne sie nicht weiter zu leben vermag, — das hat die antisemitische Brille Herrn Härtner leider nicht zu sehen erlaubt! Für die Größe und Selbstlosigkeit der Liebe Christinens, die sich in den Worten äußert: „Du bist ja frei — du kannst mich ja sitzen kaffen, lvann du willst ... Du hast mir nichts versprochen — und ich Hab' nichts von dir verladt . - , Was ans mir wird — es ist gairz einerlei — ich bin doch einmal glücklich gcwcscn, mehr Null ich ja von; Leben nicht" — hat der völkische Kritiker keil, Verständnis. Die prachtvolle Gestalt des alten Vaters, der seine Tochter nicht gegen ihren Willen verheiraten will, sondern ihr Verhältnis duldet, dainit sein Kind einmal glücklich ist („Ob's mir dafür steht, seine jimflcii Jahre so einfach zunr Fenster hinauszuwersen!"), stellt nach des Verfassers Meinung „nur einen ins Wienerische übersetzte;; oder wienerisch ausgepichten, jüdisch-freisinnigen Vorkämpfer dar"! ... In „Professor Bernhardi" sieht .Härtner einzig die Gegenüberstellung von Juden und Deutschen, während für uns die unbestreitbare Bedeutung dieses Stückes in den; Gegensatz zwischen den; Arzt, der seiner Patientin jede ihr Leben gefährdende Erregung unter allen Umständen sernhaltcn will, und dein Geistlichen, der nur an das Seelenheil der Sterbenden denkt, besteht. „Mochte and) der cinzclne Jude viclsad; wertvolle Arbeit leisten, mvdste vielleicht die Mehrzahl der eingebürgerten deutschen Juden überzeugt aus dem Boden deS deutschen Staates mid der deutsdien Kultur stehen", so muß Härtner dod; zu dem Urteil gelangen: „Die uns fremde, ja viclfad; vollständig entgegengesetzte jüdische Wesenheit «ruhte notwendigerweise die unsrige zersetzen und die ganze Entivicklung unseres Volkstums in vechängniSvollcr Weise bceinsluffen." Tabci meint der Autor, die Juden seien „meist begeisterte Patrioten", ja, sic zeigten „ost übertriebene patriotisdic Gesinnung"! Für Härtner gibt es nun eine s p e z i s i s ch jüdische Geschlechtlichkeit. Auch die F r e u d s ch e P s y ch o a n a l y s e „ist eine Sexnalpshchvlogic des jüdisclstn Menschen, nicht viel mehr!" „Eine ans das Ganze gehende Abrechnung vom Standpunkte unserer völkischen Notwendigkeiten ist bisher nicht erfolgt", so klagt der Antor; „die Kraft der innert» geistigen Anschauung scheint uns verloren gegangen zu sein". Wenn Härtner davon spricht, daß der Nasseugedmike „als ein Vorurteil hingestellt wird, das aus der tiefste» geistigen Beschränktheit stammt", so können wir uns dieser Auffassung nur anschließcn! Diese. Beschränktheit zeigt sich in dem Buche leider allenthalben bei der Beurteilung sozialer und sittlicher Fragen. So wird das „gesellschaftliche Mitleid" verworfen in einein Grade, der mit christlicher Gesinnung wenig mehr gell, ,d nun konnnc ich zur heikelsten Frage, zum Kernproblem des BnchcS: der „erotischen Revolution" und der aus ihr entstandenen Literatur; auch hierüber will ich offen und Vorurteilslos zu sprechen versuchen. Härtner zivar verwirft „Vorurteilslosigkeit"; er bezeichnet das Streben nach ihr als eine „Vernichtung der Persönlichkeit"! Uns scheint, er verwechselt Vorurteilslosigkeit, die eine der erstrebenswertesten Eigenschaften und stets die Acnßcrmig eines freien und gerechten Geistes ist, mit Mangel an inneren Bindungen und sittlichem Halt. „Die erotische Revolution" von Hugo B e t t a u e r bezeichnet Härtner mit Recht als eine Art „sozial-erotischen Manifestes", das er nicht besser ächten zu können glaubt, als indem er es „ein ivürdiges Scitenstück zun; konilnunistischen Manifeste" nennt. Wenn man diese Schrift mit Vorurteilslosigkeit prüft, so mutz man zugeben, daß Bettauer in der Kernfrage recht hat. nämlich darin, daß der Frauen Zustand noch immer beklagenswert ist. Ein Mädchen, das nicht heiratet, inutz entweder aus das Glück der Liebe und der Mutterschaft — das ureigenste Recht und die heiligste Pflicht der Frait — verzichten, oder es wird, wenn es sich sein Recht außerhalb der Ehe holt, mit Verachtung von seiten der „Gesellschaft" bestraft; erlaubt ist höchstens, was heimlich geschieht und kein öffentliches Aergernis erregt. Daß Bettauer — als Manilasür das Recht der Franc» cingctrcten ist und diese sogenannte „Moral" bekämpft hat, kann man kcinesivegs verurteilen. Die