Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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40 Schwierigkeit beginnt aber sofort, wenn inan ans der Theorie in die Praxis übergehen ivitl. Denn die Proklamiernng der „Freien Liebe" für die Allgemeinheit würde die Lockerung der" Moral und die Nntergrabung der Familie, der Keimzelle de8 Staates, bedeuten. > DU "Wege, die nun' aber Bettaiier und Dichter wie Bronnen zur Befreiung der Frauen weiseni bedeuten nur inehr ein zügelloses geschlechtliches Anslcben, ohne'alle geistigen l,»d sittlichen Bindungen oder Pflichten. Das« wir in der Ablehnung dieser frivolen sltichtung .mit Härtner völlig n b e r e i n st i in in e ii, bedarf w o h l. k e i n e r E r w ä h n u n g. Wir unterscheiden »ns in dieser Frage aber in ziveierlci von dem Verfasser' von, „Erotik und Rasse" — >,»d diese beiden Punkte hängen eng zusammen und führen"»»8 wieder an das Grundprobleni des Buches: Einmal glanbcn wir, daß diese Ablehnung von allen sittlich lind verantwortlich empfindenden deutschen Staatsbürgern, seien cs Arier oder Juden, geteilt werden wird: vornehmlich von allen „edlen Frauen", die stets ein unschlbares llrteil über das behalten iverden, . was „sich ziemt". Es hieße die segensreiche Tätigkeit vieler hervorragender jüdischer Frauen, besonders auf dein Gebiete der sozialen Arbeit — speziell der Sittlichkeitsfragen! —, nicht kennen, wollte inan nicht überzeugt sei», das; gerade die Leserinnen der „E. B.-Zeitung" hierin mit uns eines Sinnes sein werden. Nnd wir weisen — und das ist das Zweite — die Nnterstelluiig Härtners znrüch zu deren Beivcisführung er sein Buch geschrieben hat: Daß die ganze „erotisch-revolutionäre Bewegung" von den Juden nur entfacht ivorde» ist, nin die deutsche Rasse zu vernichten! . . . , Bon der Ermordung Bettaners sprechend, meint der Autor: „Ob inan nun den Mord vom sitllichcn Standpunkte aus bedauert oder bejaht . . .!" Und obgleich er schreibt: Den Geßner eiusach gewaltsam alis der Welt zu schassen, sei nicht der geeignete Weg, zu einem wirklichen geistigen Fortschritte und einer inneren Gesundung zu gelangen — so erklärt er doch gleich darauf, daß, wenn der geistige Behauptnngswille behindert werden soll, dann gegen diese Gewalt — auch die Gewalt sich erheben müsse! Das bedeutet die Sanktionierung des politischen Mordes, llns will scheinen, daß der Verfasser in diesem Punkte ein reichliches Maß von „Borurteilslosigkeit" äufbringt! Im übrigen aber treibt er einen ivahrc» Kultus mit Vorurteilen. Im Augenblick des Eintritts Deutschlands in den Völkerbund, während ivir der Gebnrtsstunde Paneurvpas entgegenharrcn, z» einem Zeitpunkte, da die künstlichen Paß- und Zvllichranken beginnen sollen, zwischen den Ländern nnd Bulkern zu allen, —in diesem Augenblicke erklärt Herivig Härtner: „Datz ivir gar keine vorurteilslosen Menschen sein ivvllcn, daß ivir darin keine Ehre, sondern nur Beschränktheit und Inhaltslosigkeit erblicken können. Wir wollen vielmehr ans der besseren Einsicht in die Notwendigkeit des Lebens bestrebt sein, neue Vorurteile in »ns auszurichten, vor allein das Gesühl unserer rassischen nnd geistigen Besonderheit. Wir ivollen nicht ein allgemeines Menschentum zum Ziele unserer Bestrebungen machen und die Mauern zwischen den Rassen niederreiben, sondern ivir ivvllcn neue Mauern aujrichten. die uns rassisch, geistig und sittlich schützen, tira ans diesem gesicherten Boden unseres Volkstnmes mit Hilfe „nserer stetig sich »lehrenden geistigen Einsichten den Weg zur Erneuerung zn bcfchrcite». Aon diese»: r-ckandpnnkte ans inüssen ivir eine beivuhte vüllische Rasseiipslege treibe»." So wenig traut man sich als Deutscher zu, daß man dieser „schützenden Mauern" bcdarst . . . Herr Härtner möge verzeihen, ivenn dieses völkische Ideal nicht das unsere ist, nnd wenn ivir die Führung durch die „geistig gereinigte, beivußtc nnd gefestigte und durch ihre gemeinsame Anschauung in ihrem Wille» geeinigte Oberschicht, eine wirtliche geistige Oberschicht, ein wahrhaftig adelige Fnhrerschicht — die „ans reinsten arischen Quellen geschöpfte Weltonschannng" der .zzeisiig befähigten Oberschicht" — .nicht gerade nngednldig herbeisehnen! i D-as „christlich-teutonische Saniernngsprogranun", wie Härtner sich ansdrückt, sott nun darin bestehen, dost ivir „altes abstoßcn, ivas In unser« Geistigkeit, in unseren ganzen Knltnrbesitz ans fremden, nichtarischen Quellen cingeströmt ist"! Die Unsiimigkcit dieser Forderung brauchen tvir uns mir an einem Beispiele z» vergegenwärtigen: an Spinoza nnd seinem Einfluß ans Goethe! Wir . können gar nicht ermessen, einen ivie starke» Anteil der große jüdische Philosoph an der geistige» Persönlichkeit linseres größten Dichters und an seinem künstlerischen Schassen beanspruche» darf! Der Vorschlag, alles abzustoßen, ivas in nnferen Knltiirbesitz ans nichtarischen Quellen eingeströmt ist, ist nur mehr als borniert zn bezeichne». ' Es scheint dem Autor nicht einmal zum Beivußtsein zn kommen, daß wir nach diesem empfehlenswerten Rezept das Ehrt stcnt» m, das bekanntlich nicht arischen, sondern s c in i t i sch e n Ursprunges ist, ans unserer Geistigkeit und unserem Knltnrbesitz ausmerzen müßten! Damit würden wir nicht nur unsere Religio» verneinen, sondern auch unsere gesamte deutsche Kultur — Dichtung. Musik, bildende Knust —; den» selbst ein Gegner deS Christentums, wie Nietzsche, ist in feiner Entivicklung ohne das Christentum nicht denkbar. Die Erfüllung des völkischen Programms des Verfassers von „Erotik und Rasse" würde tatsächlich bedeute»: „Finis Germaniae“, wie die letzten Worte des Buches lauten. Sic sind zugleich der Titel des SchlnßbildeS, das Christ'nin am Hakenkreuz darstellt. Aber wer sieht dieses Mal im Begriff, Jesnm von Nazareth zn kreuzigen: Inden oder — „artbewnßte Arier" . . ,? Rar! Marx unö tzegel. Zur Widerlegung der Legende vom Mischer» Marxismus. Mit Sachkenntnis. Gewandtheit nnd in flüssiger, allgcmeinberstäudlicher Sprache hat der Verfasser"). dieser Broschüre, Dr. Heinrich Levh-Koref, ans knappem Raum die wesentlichen Verbindungslinien von Marx zn Hegel anfgeiviesen. Die „dialektische" Geschichtsbetrachtung ist der Kernpunkt: sie sieht alle Erscheinungen der Geschichte als notwendig und zugleich als notivendig vergänglich an (der „Historismus" beider Denker!) und ist so eine Synthese konservativer und revolutionärer Dciiknwtive. Auch im Endziel der Geschichte stimmen Hegel und Atarx überein, und unter dem Eindruck der ans den deutschen Jdealisten wie den jüdischen Revolutionär in gleicher Weise cinivirkenden französischen Eozialökononüe hat Hegel sogar den marxistische» Begriff des Proletariats vorwcggcnonunen. Auch das lleberiviegen des „Renlistisch-Nevolntioiiären" bei Marx gegenüber dem „Idealisiisch-Harmonisierenden" bei Hegel ist nichts spezisisch JüdisclM, sondern hängt mit einer ganz allgemeine», politisch-ökonomisch leicht erklärlmren Wendung der deutschen Geistesgeschichte zusaininen. Geivisi ist solche Schrift wirkungslos bei der Masse derjenigen, die mit dem Schlagwort vom jüdischen Marxisnms ihre Geschäfte »rachen ivolleni schon deshalb, iveil diese sie ebensowenig lesen oder verstehen ivie - - Marx selber. Doch kann sie ivie jede gute Anftlärnngsschrist bei noch ehrlich Suchenden von Nutzen sein. Professor Dr. S. Marck (Breslau). Professor Dr. Siegmunö Sasse!- Mainz). Am i. Mai ist der Altmblnncr der Gemeinde Mainz, Prosessor Dr. Sicgnnind Salsrtd. gestorben. 'Am daraustviaeniden Dienstag wurde er nach einer Gedcnkseier. weiche in Gegenwart der Beitreter weltlicher und kirchlicher Behörden in Der Mainzer Hau-ptstniagvge stattsand, ans dem Mainzer Friedbvs beigeseht. Tie ganze Gemeinde und zahlreiche Kollegen von nah und fern gaben i>»n das letzte Geleit. Ter Tag des Abschied? sür die Ewigkeit gab noch einmal der Verehrung und der Liebe Ausdruck, die Salscld in seinem Leben sich erworben hatte, lieber 83 Jahre ist Satstld alt geworden. Acht Jahre lebte er, nachdem er zehn Jahre in Tessan und 38 Jahre in Mainz als Rabbiner amtiert hatte, im Ruhestand. Wenn sein Leben auch aubcrgcwvlnrlich reich an Arbeit nnd Erfolg, und somit von Segen erfüllt ivar, und wenn man auch weist, daß für jeden einmal die Zeit des Scheidens kommen must, so könne» die, welche bis zulestt, um ihn ivare», sei» Nichtinehrsciu schwer als eine Tatsache ersaßen. Das hat seinen Grund .in der geistigen Rüstigkeit, die den Heimgegaiigcnen bis znlcht anszcichncte, und a» der jugendliche» Anteilnahme, die er allem, ivas um ihn vvrging, entgegcnbrachte: „Sein Auge ivar nicht getrübt, und seine Kraft ivar nicht geschwunden." Und ihm ivar eine besondere Kraft des Schaffens nnd Vvllbringeiis gegeben. Er war ein von Verehrung getragener religio s e r A ü I, r e r seiner Gemeinde, er war ein erfolgreich e r Lehrer de r 41 (t c » wie der I n n gen, er w a r ein ausdrucksvoller Redner, ein packender Prediger, der vor jedem Z „ l> ö r c r k r e i 8 die rechte Sprache und den rechten Ton sand. Tie Wurzel seines Wesens, aus der lein Schasse» ivnchs, war aber seine Forschern,ilage als Historiker. Als Schüler des meisterlichen Moritz Steinschneider hat er sich von jungen Jahren an bis ins hohe Aller, ja bis in die leizte» Tage hinein, mit-geschichtlichen St,«dien besaht und hat als Ergebnis seiner Forschungen zal)lreiche kleinere und gröbere 'Arbeiten veröffentlicht. Mit seiner historischen Begabung lvar er gerade in Mainz, dieser alten deutschen Judeiigeinciiide, ans dem rechten Platz. I» viereinhalb Jahrzehnten, die er am Rhein wirtte, hat er die mittelalterliche Geschichte der Slammlande des deutschen Judentums i» emsiger Arbeit erforscht. Mit der Berösscistlichung nnd Bearbeitung des „Martvwlvginms", dieses Gcdächtiüsbuchcs auf die Märtnrer der Krenzzngszeüen, hat er sich ein ganz besonderes Verdienst erworben. Bei aller Wissenschaftlichkeit, die seinen Werken eigen ist, gibt sich doch in ihnen die gemütvolle und liebenswürdige Art, die Ästltzogctvandlheit des Versasfers z» erkenne». Er war nie in Gelehrte,rkram cingespvmicn. In Tessan war er Stadtverordneter gewesen, und bei seinem Abschied von dort hat man ihn znin Tank sür seine soziale nnd vaterländische Betätigung zum Ehrenmitglied des Gewerbcvereins und des Kriegerbmides ernannt. Auch , in der gröberen Gemeinde Mainz ivar er bald bei Juden und Nichtjnden eine populäre Persönlichkeit, die, luv immer es galt, hervortrat. Mit den stets bereite» Argunicute,, gefchichtiictier Kenutnisje nnd Erkenntnis ivagte rmd tvustte er sür Recht und Wahrheit, und das hcistt sür das Judentum, cinziitretcii. Roch ehe ein Eentratverein bestand, verteidigte er vor Volk und Fürsten die jüdische Sache. Selbstverständlich sand man Um vom ersten Tage an, da der E. M. gegründet war, in der erste» Reihe der Kämpfer sür ttnfcr Recht. Biele Jahre hindurch leitete er die Ortsgruppe Ai n i n z und wirtte in, A „ S s ch n st d e L L a » d e 8 - Verbandes sür Hessen und H e s s c n - N n s s a » mit, der ihn vor einig«,, Jahre» zu», Ehrenmitglied ernannte. Bvr roenigen Wochen noch sprach er getcgeistlich der Laiidcsverbandstagnng stier in Mainz mit tosendem Boisalt ansgeiwnimene Worte, die denen, welche sie gehört haben, unvergessen sein werden. Rabbiner S. Levi (Mainz). . Verlag ». Echrlflleilimg: L-ntralvcrein deutsch. Staatsbttrger.jitd. Glaubens e.B.. Aerlin 8ZV M, viiidenstr. 11t. Mir Die Schristleil. vera„tworlln i. B. Dr. Alfred W i e tt - r, Berlin 8V'W.-Dr»ck: Rudolf M o l l e, Bertm3ZV«S,