Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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37 Und noch eins, wodurch die Plumpheit dieser antisemitischen Verhetzungen klargcstellt wird. Die e r s u ii d e n c Geschichte soll sich vor dem 7. Dezember vergangenen Jahres abgespielt haben, und diese nicht stattgcsuiidcnc Btutnbznpsung m, einem Atädchen, das weder tot noch lebend zu ermitteln war, und das auch nicht vermißt wurde, steht angeblich im Zusammenhang — mit den jüdischen Ostern, die vier Monate spater zu begehe,, waren. Das ist antisemitische Logik und antisemitische Wahrheitsliebe der genannten Zeitung. Und nun zu dem Falle in Tcschen, woher die „Neue Zcsiung" ihre andere Nachricht direkt bezogen haben will. Sie schreibt: „Aus' Teschen in Polen wird » n § berichtet." Man braucht kein Philologe zu sein, um sogleich folgendes fcstznstcllen: Also aus Tcschen erhält das Nntiseinitenblntt direkt seine Nachricht, und in dieser Nachricht findet sich die Wendung, es „soll die Erregung der Bevölkerung so groß sein, datz der Jndenschist der Boden unter den Füßen z» heiß wird". Damit ergibt sich folgendes: Vom Schauplatz der Ereignisse erhalt die antisemitische Zeitung einen Bericht, lind dieser Berichterstatter, der an Ort und Stelle ist, gibt Nachricht über das, was sich unter seinen Augen angeblich abspiel!, in der Form: Das Ereignis „soll" sich abjpielcn; es „soll" die Erregung der Bevölkerung so groß sein. Dieser Berichterstatter ist zweifellos ein Idiot, denn loeun er an Ort und Stelle ist, so weiß er, ob die Bevölkerung erregt ist oder nicht, und wenn er statt eine Tatsache zu melden, den Bericht in die „Sollsorm" eiukleidct, so beweist dies eben, daß er entweder in Bernau lebt mit dem unsterblichen zlriegsbcrichterstatter Wippchen zusammen, oder vielleicht auch in der Redaktion der „Nene» Zeilnug". die ihre Räume in Berlin mit Testen in Pole» verwechselt; es kann aber natürlich auch eine andere antisemitische Brutstätte sei», wo der Bericht erfunden wurde. Zu allem Ucbcrslnß haben >vir es uns nicht verdrießen lassen, nach Teschen zu schreiben. Tie verspätet cingctrvsscuc Auskunft, hat folgenden Wortlaut: Tcschen, den 5. Mai 26. Sehr geehrter Dcrcinl Ihr Geschätztes vom 29. vorigen Monats erhalten, teilen wir Ihnen höflichst mit, daß natürlich die ganze Angelegenheit nicht ans Wahrheit beruht. Herr Schöuberg, von hochanständiger Familie aus Krakau stammend, selbst ein sehr anständiger Mensch, wurde wohl von seinem Diciistmädcl, das wahrscheinlich zu Erpressmigszwecken angestiftct wurde, der Blutentnahme indirekt beschuldigt, aber die gerichtliche Untersuchung ergab bald die Stichhaltlosigkeit der Anklage und wurde c i n g e - stellt. Die Abschrift der diesbezüglichen Akten übermitteln wir Ihnen. Herr Schönbcrg ist Wohl wirklich nach Krakau übcrsicdclt, aber nicht wegen dieses Zwischmsallcs, sondern aus rein wirtschaftlichen Gründen, und wäre auch sonst übcrsicdclt. Natürlich schweigen die Lokalblätter über diese» Fall, aber nicht, ivcil sie dem Mercy-Konzcrn nugehürcn, vielmehr, ivcil sie sich keinen Unannehmlichkeiten anssehen wollen. Ebenso ist bei der hiesigen Bevölkerung keine Erregung zu bemerken, und die Judcnschaft hat auch l^nen heißen Böden unter den Füßen. Die ganze Sache ist eine geschmacklose Mache eines hiesigen Aniisennten, gegen den man leider infolge der Stilisicrung des Artikels mit „man sagt", „soll" und so weiter nicht gerichtliche Schritte vornehmen kann. . .' Also daS Ganze ein neuer Beitrag zur Charakterisierung nntitemitifcher Kampsmethode. Zunächst' verleumden, vielleicht bleibt riwaS hängen — das ist antisemitisckje Devise. ... III |||..... l||lIIIIIIBWiiiMWMWifBIWWWlBlll Der Morgen Zweimonatsschrift 2. Jahrgang: Heft 2 ist soeben erschienen Aus dem Inhalt: Sophie Cassel: Salomon Malmon. — Friedrich Thleberger: Jona, Hiob und das Problem der Gerechtigkeit. — Ernst RobertCurtius: Henri Franck. — RobertArnoldFritzsche: Erwägungen zn „Nathan dem Welsen“. — E r n s t von A s t e r : Sigmund Freuds Bedeutung für die Psychologie. — Julius Bab: Oiethe und die Juden (Schluss). — R u d o 1 f H a 11 o : Die Schriftzcichen vom Sinai und das Problem der „heiligen“ Schrift (Schluss). — Julius Goldstcln: Ist Fichte ein Gesinnungsgenosse der Völkischen? —■ Drei Briefe über H. Günthers anthropologische Deutung der Erbsünde. — Besprechungen: Julius Goldstein, Marianne Weber: Mas Weber, ein Lebensbild.— Alfred Goldschmidt, Romain Rolland: „Beethoven" — „Tolstoi" — „Michelangelo“. — Carl Maria Kaufmann, Bruno Weil: Die jüdische Internationale. Zu beziehen durch Philo Verlag, Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Das Krankenhaus der Mischen Gemeinde in Berlin. Von Pros. Dr. E. Seligmann. Im Jahre 1914 hat das Krankenhaus der Berliner Indischen Gemeinde sein neues Heim an der nördlichen Peripherie von Alt- Berlin bezogen. In seine Jugendjahre sielen Krieg und Inflation mit allen ihren Schrecken. Mehr als einmal bedrohte die wirtschaftliche Not seine Grundlagen; das Vcranttvorltmgsgcsühl der Gemeinde-. behvrdcn, das kaufmännische Geschick der Mitglieder des Krcmkenhausvorstnndes haben die Zeiten des Unheils überwinden helfen; in betvnnderungswürdiger Gestalt geht eS seitdem neuem Ausstieg entgegen. Nur eine Wunde ist noch utigeschlossen: In der Zeit der schweren Not, als der Wohnungsmangeb in der Stadt immer drückender wurde, Rntimbeschlagnnhmen selbst vor lebenstvichtigen Betrieben nicht haltmachten, muhte die Gemeinde auch Teile ihres Krankenhauses zur Beifügung stellen. Ein städtisches Bezirksamt zog mit seinen Dienststellen ein, belegte große Teile des Verwaltungsgebäudes, der gynäkologischen Station und den ganzen Jnfcktionspavillon. Die gynäkologische Station haben wir inzwischen wicdergewonncn; alles andere aber ist uns noch versperrt; die notwendige Erweiterung der Kranlenhauseinrichtuttgen ist dadurch erschwert, die Ansnahme akut Jnscktionskranker beinahe unmöglich gemacht. Zurzeit verfügt das Krankenhaus, besten inncre Erweiterungs- Möglichkeiten Nur nach Kräften ansnützen, über insgesamt 81V Betten. Sie verteilen sich ans ztvci inncre Stationen, zwei chirurgische Abteiltingen und eine gcdnrtshilslich-ghnülologische Station. Pathologisches Institut, Röntgenabteilung, chemisches Laboratorium und zahnärztliche Sprechstunde ergänzen die Arbeit der Stationen; als Aiißcnfvrts wirken stark besuchte Polikliniken -für innere und chirurgische Krankheiten, für Ohren- und Angenlcidcndc. Mit der Zunahme der Zahl der Gemeindemilglieder, mit der fortschreitenden wirtschaftlichen Utnschichtnng und der Veränderung innitcher Krankheitscharaktere wurden innere Nmorganisatioueu erforderlich. So haben tvir eine besondere Tubcrknloscstalion im Rahmen der inneren Abteilungen geschaffen, die den stärkeren Zustrom tuberkulöser Patienten aufnehmen soll, :hn aber, wenigstens ans der Männernbteilung, durchaus noch nicht bewältigt. Die äußere Abteilung ist durch eine sogenannte „septische Station" ergänzt worden, in die fiebernde infektiöse Kranke ansgenommen werden; ans einem anderen Pavillon sind fünf Betten sür kranke, sittlich gefährdete jüdische Mädchen bereitgestellt worden. Hatten wir doch die Hosfmmg, daß das jüdische Milien, in dem die Mädchen sich dort besuchen, körperlich und seelisch gesundend ans sie wirken möchte. 280 Betten des Krankenhauses dienen der allgemeinen Krankcnvcrsorgung, 80 Betten sind zu einer Extrastation vereinigt, in der wohlhabende Patienten in Einzelzimmern I. und H. Klasse ein Krankcnhcim finden können. Die Not der Zeit hat es dahin gebracht, daß diese Zimmer nicht genügend aiisgenuht werden. Sind auch die Ansnahmekostcii nicht gerade hoch, so tverdcn sie doch von nicht allzu vielen mehr getragen tverdcn können. Wir haben freie Zinnncr nicht feiten zur Entlastung der "allgemeinen Station mit heranziehen können. Daß die ärztliche Versorgung imserer Kranken ans der Höhe der Zeit steht, bedars wohl kaum besonderer Erwähnung; den stolzen Namen der Chefärzte früherer Jahre schließen sich die augenblieklichen ärztlichen Leiter, bewährt als Fachleute und Wissenschaftler, würdig an. Ein reges geistiges Leben herrscht im Hanse, wissenschaftliche Arbeiten stehen in Blüte; das Krankenhaus hat den Nuhut, die Kranken den Nutzen davon. So ist es kein Wunder, daß der Andrang bchnndlungsbedürstiger Patienten ununterbrockjeit steigt, daß der Berliner, Jude oder Christ, der unsere Anstalt nussncht, mit dem Bewußtsein hereinkommt, hier in guten Händen zu sein. Die Wirtschaftsführung des Hauses crsölgt nach jüdischen Rcligivnsvorschristen; di« Heiligung des Snbbatch die rituelle Der-, pslcgnng, der Zuspruch des Geistlichen (auch der der christlichen Religionen) werden nach Möglichkeit mit den ärztlichen Bedürfnissen vereinigt. Tie Durchführung der rituellen Verpflegung bedrohen gewiste technische Schwierigkeiten und ein etwas erhöhter Aufwand für die Bcrpslegungslosten; mit beidem hat die Verwaltung eines jüdischen Krankenhauses sich abzufinden; ist doch der seelische Einfluß dieses jüdischen Milieus sür einen großen Teil der Kranken direkt ein Faktor der Heilung! Die folgenden Zahlen, die die Krankenbewegung der letzten Jahre tvicdergeben, lehren die Bedeutung, die unser Krankenhaus sich nicht nur sür die Gemeindemitglieder, sondern auch für die K r a n k e n v e r s o r g u n g der Heimatstadt erworben hat. Sic zeigen gleichzeitig den Anstieg der Krankenzisfcr und die 1! m schichtung, die in der Art der Patienten cingctrctcn ist.