Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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34 ausziisehen. . Aber daS heftige Naturell dieses Geistlichen brachte es bald mit sich, das; Reibungen der verschiedensten Art Nicht ausblieben, und als er' politische Gegner Mit persönlichen Verleumdungen zu bcküinpfen begann, als er gegen Mißliebige die scharfe Waffe des Boykotts anwandte, verliest einer nach dem andern daS Feldlager des streitbareil Herrn Münchmeycr, und er sah sich bald einer geschlossenen Phalanx von Gegner» gegenüber. In einem s a st zwei Wochen dauernden Prozeß, der uns eine Woche aus der Insel Borkum selbst festhielt, — aus der uns, Ironie des Schicksals! — eine fast erdrückende Gastsreundschast von alifrechtcn, unvoreingenonnnenen Menschen erwiesen wurde, — und nachdem der von mir angeregte Vergleich mit der Kirchcnbchörde gescheitert war, in iveiterer Verhandlung vor dem Gericht in Emden, ist der Fall Mit nehme her abgehandolt worden. Denn nur einen „Fall Münchnieher" handelte cs sich in diesem Bcrsahrcn, das lveit über die Grenzen Deutschlands Interesse gesunden hat, obwohl formell die Anklage gegen den evangelischen Verfasser und zwei jüdische Verbreiter der Broschüre „Der falsche Priester oder der Kannibalenhäuptling der Avrdseeinsulaucr" gerichtet war. An dieser Stelle könne» die Einzelheiten der Verhandlung, die zudem sich aus einer demnächst erscheinenden Zusammcnsassnng entnehmen lassen, nicht wiedergcgcbcn werden. Hier sind nur die Schlußsolgerrmgcn zu ziehen, und ein Gesamtüberblick zu versuchen: Was hat der Prozeß M ü n ch m eher ergeben? Borkum ist ein Gebiet, in das jahrzehntelang Inden nicht kommen dursten. Was dichterische Phantasie in den Romanen „Die Stadt ohne Juden" und „Berlin ohne Inden" ersonnen hatte. >var ans dein mecrnmspülten Borkum Wahrheit geworden. Ja, die Verhältnisse lagen dort für die völkische Theorie insofern noch besonders günstig, als eS sich um eine Insel handelte, von der unliebsamer Einfluß leicht forngehalteir werden kann, da nur der Strang des Schiffsweges sie mit dem Festland verbindet. Ist dieses judenreine E i l a n d nun zur Insel der Seligen geworden? Es wäre vermessen, zu sagen, die abscheulichen Zustände, die sich ans der Insel herausgebildet haben, seien entstunden, weil cs keine Inden dort gibt. Aber Herr Pfarrer Münchmeher hat von dieser seiner Insel selbst gesagt, daß nirgends so viel gelogen werde, nüe ans ihr, und er hat den Krieg aller gegen alle, der dort entstanden ist, ohne zu merken, wie sehr er sich damit selbst ironisierte, in beredten Worten geschildert. Und m der Tat, d i e verhetzende Tätigkeit M ü n ch in c h e r s hat es zuwege gebracht, daß die Insel di cht am Rande des Bürgerkrieges ste h t, d a ß a n f i h r e i n Bk aß v o n H aß n n d N e i d, V e r -! e n m d n n g n n d S ch c e l s n ch t sich c i n g e n i st e t h a t, das nicht ü b e r b v t c n werden kann; daß di e Gerichte sich des Ansturms von Strafanzeigen, die die Bclvvhner gegeneinander erstatten, kaum erwehren können. Di« Bevölkerung der Insel ist in zwei Teile geteilt, die sich aufs schärfste gcgenüberstche»; alle bösen Instinkte in den Menschen sind aufs tieiste aufgerührt. Wenn jemals eine Idee Fiasko gemacht hat und durch Ereignisse ihre Sinnlosigkeit erwiesen werden konnte, s v i st d i e s a n f d c r I n s e l B o r k n m geschehen. Es ist der Beweis erbracht, daß Jndcnreinheit keineslvegs ein Bcsscrscin bedeutet — ja, daß das Fehlen dieses Bcvölkcrnngsteils und die Nnmöglichkeit, sich mit ihm niisciiianderznsctzen, den Streit der Vorhandenen noch viel heftiger entfacht; daß von einer sittlichen, geistigen, ethischen Ueberlchenheit, daß von der Heraus,züchtniig eines MeuscheNkreises, in dem Juden nicht zu sindcn sind, in nichts die Rede sein kann. Künftigen Generationen wird, wenn niemand von den Noinanc» der Städte ohne Juden mehr sprechen wird, das Beispiel von Borkum als der „Insel ohne Jude n" zur guten Lehre dienen können. Das zweite Ergebnis des Prozesses ist, daß an einem Beispiel gezeigt werden: lvniite, wie wenig Legiti- M a t i o n H e r r Pfarrer M ü n ch m e h e r, d i e s e r Vorkämpfer völkischen Lebens, zum sittlichen Erneuerer mit sich brachte. Es ist eine peinliche Aufgabe, vor Gericht die sittlichen Qualitäten eines Gegners untersuchen zu müssen, aber eine, wie auch das Gericht anerkannte, imiimgäiigliche Notwendigkeit gegenüber einem Manne, der selbst mit höchstem Pathos die Unsittlichkeit all derer verkündet, die ihm s a ch l i ch als Gegner gegenüber-, stehen; und der sich nicht genug damit tim kann, vvn den Inden als Gesamtheit ein schwarz in schwarz genialtes Bild zn entwerfen, in dem Lichtseiten Überhaupt nicht zu finden sind. Diesem Vorkämpfer für völkische Erneuerung hat das Große Schöffengericht in Emden ein Urteil ausgestellt, wie es vernichtender kaum je ausgesprochen wurde. Die Verurteilung der Angeklagten wegen formaler Beleidiguug tritt dahinter ganz zurück. Das Gericht sah es als erwiesen an, daß Pfarrer Münchmeycr mit Recht e i n falscher Priester genannt worden ist. In der Begründung des Vorsitzenden prasselten die schärfsten Vorwürfe fortgesetzt in solcher Weise auf Münchnieycr nieder, wurde ihm fortgesetzt in so starke!» Worten seine N »w ür d igke i t, als Priester tätig zu sein, vorgehalten und falsches Priestertum bescheinigt, daß auch der Gegner sich Regungen menschlichen Mitleids mit dieser gefallenen Größe nicht entschlagen konnte. Als besonders interessantes Resultat der Vechandlimg ist noch zu buchen die Erklärung des Direktors Leborius, Leiters des größten Hotels auf der Insel, „Koehlers Strand- Hotel", daß ihm Juden jederzeit als Gäste willkvminen seien, und daß er auch in der Lage sein werde, sie gegen Angriffe zn schützen. Dazu das amüsante Angebot des Besitzers des zweitgrößten Hotels: Man möge doch von jüdischer Seite sein Hotel anfkanfeii, er werde gern dann Direktor bleiben. Es sollen hieraus keine weitgehenden Schlüsse gezogen werde». Aber d c r T n r in wankt, und wie diese Leute iverdcu viele andere auf Borknin nach dem Ergebnis des Prozesses in sich gehen und ihre Stellniig zur Jndciifrage erneut einer Prüfung unterziehen. Pfarrer Müiichmchcr freilich gibt sich noch nicht geschlagen. Er wettert in den öffentlichen Versammlungen gegen seine Beleidiger und deren jüdischen Verteidiger, und man wird ihm das Recht der Schimpffreiheit nach dieser Niederlage in gewissem Umfange ziicrkeniien müssen. Noch am Abend nach der Urteilsverkündung legte er sein Amt als Pfarrer nieder, offenbar, um dein erneut angekündigten Disziplinarverfahren zu entgehen, das mit seiner Amtsentsetzimg hätte enden müssen, wie er aber erklärte, um u n g e h i » d e r t und frei den Kamps für die völkische Erneuerung führe n z u können. Es ist anznnchiiien. daß das letzte Wort zu der Frage der freiwilligen Aintsniederlcgnng nicht gesprochen ist und die oberste Kirchenbehörde, entgegen den Zeitnngs- Meldungen, sich ihren Standpunkt noch Vorbehalten hat. Aber wie dein auch sei: der Geistliche Münch meher war in weitestgehendem Maße durch sein Kleid und die allgemein seinem Stande erwiesene Achtung geschützt. Der völkische Agitator Münchineyer kann solche Rücksichten nicht mehr verlangen. I» dem großen Reinigungsprozeß, der sieh im deutschen Volke vollzieht, der aber nicht Inden von Christen, sondern diejenigen, die an der Erneneruiig des Vaterlandes im besten Sinne arbeiten und zu seiner Gesundung alles, was in ihre» Kräften liegt, beitragen wollen, scheidet von, denen, denen nur an der Unterhöhlmig des Staates, an dem Unfrieden zwischen seinen Bürgern und innerem Streit und Zank gelegen ist, bildet der F a l l B o r k u in ein wichtiges Kapitel. Er hat die U n m v gl i ch ke i t der völkisch-antis e m i t i s ch e n D v k t r i n d a r g e t a n. Er hat den hohlen! Unterbau gezeigt, auf dem ihre Bekenner bauen wolle», und er hat die mniigelnden menschlichen Qualitäten eines Mannes dargetan, der sich selbst als sittlicher Erneuerer betrachtet, der aber in Wirklichkeit nur ein Tyrann in kleinem Format gewesen ist. Er mußte fallen, sobald einmal sein unheilvolles Wirken in der gesamten Ocffentlichkeit gezeigt werden konnte. Und mir Persönlich hat er noch ein anderes gebracht, einen der höchsten und ergreifendsten Augenblicke in langjähriger Arbeit im deutschen Judentum: das war, als auf dieser auf ihre Jndenreinhoit bisher so stolzen Insel, in dem improvisierten Gerichtssaal des Rathauses, vor überfülltem Zuhörerranm der Angeklagte Dr. Charig sein Bekenntnis zu Deutschtum und Judentum ablegte und atemlose Stille die tiefe Ergriffenheit aller dieser bis dahin dem deutschen Judentum teils gleichgültig, teils feindlich gegenüberstehenden Menschen bewies. Sinnfällig trat vor Augen, was doch die Erziehungsarbeit von Jahrzehnten aus dem deutschen Juden gemacht hat, und trostreich in die Zukiinst weisend sahen wir, wie das aufrechte Bekenntnis zur Heimat und -zum * Glauben auch die Uebelwollciidsteii! in seinen Bann zieht.