Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 5 (Mai 1926)
- Date
- 1926-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Gadenrums SSOgllfttt /Don Dr.Nruno weil (Berlin) Die Insel Borkum ist die tvcsilichste der deutschen Nvrdseeiuseln; au ihrem Horizont hebt sich schon das holländische Gebiet ab. Sie hat seit Jahrzehnten einen Ehrentitel darin erblickt, j u d e n r e i n genannt zn werde». Die Inselbewohner behaupten, das; sie selbst nicht in besonderem Maße antisemitisch eingestellt seien; es sei aber der Wunsch der nach Borkum kommenden Badegäste gewesen, Juden den Zutritt zu der Insel zu verwehren, und sie hätten diesem Begehren aus leicht begreiflichen Gründen Widerstand nicht entgegensetzen können. Ihren Gefühlen gaben seit langen Jahren die Badegäste an jedem Nachmittag durch ein- oder mehrmaliges Absingen jenes häßlichen Liedes Ausdruck, das, zur Verhöhnung der Juden bestimmt, unter dem Namen „Borkum-Lied" der Insel wenig beneidenswerten Ruhm gebracht hat. Schon im Jahre 1908 hat der Hildesheimer Oberbürgermeister Struckmann im Preußischen Herrenhaus gegen die auf Borkum herrschenden Mißstände Stellung genoinmen, „weil sie die öffentliche Ruhe, Sicherheit und Ordnung störten, lind darrnn im staatlichen Interesse nicht ferner geduldet werden durften". Die preußische Staatsregiernng erklärte damals durch den Minister des Innern v. Moltke: „Nach den gemeinschaftlich von dein Herrn Jnstizminister und mir angestellten Ermittlungen ist eS nicht möglich, strafrechtlich gegen das bloße Absingen dieses Liedes vorzugehen." Bis zum Kriege blieben die Dinge im wesentlichen unverändert. Mit Kviegsbeginn ward Borkum Festung; der vorgeschobenste Posten gegen England. Eine zahlreiche Garnison wurde auf die Insel gelegt: bei allen Regimentern Juden, deren Anwesenheit nicht allein von niemandem zum Anlaß irgendwelcher Beschwerden gemacht wurde, vielmehr, wie wir auf der Insel selbst gesehen haben, freundschaftliche Beziehungen aller Art sich entwickeln ließ. Nach der Umwälzung versuchte die Regierung, in die unhaltbaren Verhältnisse auf der Insel, die einen Teil des deutschen Bodens dem Zutritt deutscher Volksgenossen dauernd entzog. Bresche zu schlagen. Der Badekapelle wurde von dem zuständigen Landrat das Spielen des Borkum- Liedes verboten. DaS Amtsgericht Emden erließ darauf eine als juristisches Kuriosum geradezu berühmt gewordene einstweilige Verfügung. in der den Staatsbehörden bei Androhung einer Geldstrafe von 100 000 Goldmark untersagt wurde, das Verbot des Spielens des Borkum-Liedes durch die Kurkapelle aufrechtznerhalten oder zur Aiuvendung zn bringen. Der alle Kompetenzen außer acht lassende Beschluß des Emdener Richters wurde natürlich aufgehoben. Aber auch die Staatsregiernng verinochte mit ihrem Verbot nicht dnrchzudringen, da schließlich das Oberv e rw al t un g8 geri cht unter dem Borsitz des Senatsprüsidenten Drews die Berfügung aushob. Seit dieser Zeit wird auf Borkum während der Saison zu jeder Tagesrmd Nachtzeit das Borkum-Lied gelungen und gespielt. J Die treibende Kraft in dem Kampf um das Lied ist seit seinem Erscheinen auf der Insel im Jahre 1920 Pfarrer M ü n ch m eher gewesen. In Wort und Schrift hat er gegen die Staatsregiernng die schärfste Stellung genommen und unter dem Titel „Borkum, die deutsche Insel" im Jahre 1923 in erster und im August 1925 in zweiter Auflage eine Broschüre veröffentlicht, deren größter Teil der Bekämpfung des „internationalen" Judentums und der Darstellung seines „Sieges" über die preußische Staatsregierung gewidmet war. Bon, D e u t s ch n a t i o n a l e n entwickelte sich Herr Pfarrer Münchmcyer sehr bald zum ausgesprochenen völkischen Parteimann, nachdem er zwischendurch w e l f i s ch e Agitation getrieben und gelegentlich auch in Zeitungsinseraten dem Reich hatte drohen wollen, die Insel werde sich unter hol» ländischen Schutz stellen. Dieser, vom stärksten Fanatismus getriebene Mann sah in der Insel bald nur mehr seine Kanzel, von der au8.er für seine völkische Idee gegen Juden und Katholiken wirken könne. Er wollte Borkum zum Ausgangspunkt der völkischen Erneuerung Deutschlands machen; von dort sollte die deutsche Wiedergeburt, frei von jüdischem Einfluß, erfolgen. Sv schrieb er: „An einer kleinen Stelle beginnt jede Krankheit zu heilen, ivcnn die Aorbedingnngen dazu gegeben sind, und eine Heilung ist möglich, wenn irgendwo ein noch so kleines Zentrum gesunder Kräfte energisch Widerstand leistet. Möge dies das deutsche Borkum sein, im deutschen Nteer! Eins der letzten festen deutschen Bollwerke. daS nicht fällt, und von dem Anregungen und damit Kräfte zur Gesundung unseres kranken Volkes ausgehen können und sollen!" Indem Herr Münchmeher in jedem Sommer zwanzig- bis dreißigtausend Kurgäste glaubte in völkischem Sinne beeinflussen zu können, sollte ein immer größerer Kreis von Menschen seinen Juden- und Katholikenhaß durch ganz Deutschland tragen. Solange diese Agitation der Insel wirtschaftliche Vorteile brachte, hatten die Inselbewohner wenig an ihr Vom Vlut-Abergkauben. Von Dr. Paul Naihan. Das Krankenhaus der Mischen Gemeinde in Verikn. Von Prof. Or. C. Seligmann. Erotik und Aaffe. Don Freda Marie Gräfin zu Dohna.