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Central-Verein-Zeitung · 1926-04-01 · Heft 4 (April 1926) · page 7

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 4 (April 1926)
Date
1926-04-01
Page
– (sequence 7)
Language
German
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31 Wir wolle« durch restlos« und rasttose Ausklärungsarbcit unseren gerechten Kampf führen^ Wir wollen den Lügen und Verleumdungen die Wahrheit »nd die Klarheit unseres Rechts gegenüber- Wir können und müssen die Entscheidung ruhig denjenigen überlassen, die die Wahrheit sehen und hören wollen. Mit der Nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei und ihrem Führer müssen Ivir uns absindcn mit den Gedanken, die der bayerische Innenminister Stützet am 16. März 1920 im bayerischen Landtag über diese Bewegung ausgesprochen hat: „Es ist bedauerlich, daß ein Teil der Jugend Hitler nachläu st; cs ist dies kein besonderes Zeichen von politischer Urteilsfähigkeit." und weiter: „Drohungen sürchte ich ui ch t u ii d S ch in n h n n g c n v e r a ch t c i ch." K. Neuer Kampf um öas Me Testament. Von Rabbiner De. Hahn (Essen). An Streitschriften gegen das Alte Testament besteht in unfern Tagen gerade kein Mangel. Aus den verschiedensten Gründen gibt man sich redliche Mühe/die Minderwertigkeit der alttestamcntiichcn Religion und Ethik aufzuzcigcn. Allen diesen Bemühungen muß aber ein gut Teil ihrer praktischen Auswirkung versagt bleiben, solange die Kirche sich nicht dazu verstehen will, das Alte Testament auS dem christlichen Kanon zu streichen. Es ist daher wohl zu verstehen, daß cs den Gegnern des Alten Testanients heute vor allem darauf nnkommt, die kirchlichen Behörden zu einer Beseitigung der Jüdischen Bibel als eines heiligen Buches des Christentums zu bewegen. Soweit die Gründe dieser Beivegung antisemitischer Art sind, sollen sie hier unberücksichtigt bleiben. Damit soll ihre Gefährlichkeit nicht bezweifelt werden. Man ivird aber den Wert eines Buches wie der Bibel ans die Tauer doch nicht nach Rasscmnomcntcn bcurtcilcn können. Sonst müßte mau schließlich auch das ncutestameutlichc Geistesgnt aus den gleichen Motiven ablehnen. Das Endergebnis wäre die Wiedereinsetzung des Heidmtums, gegen das sich neben allen religiös Bewegten die Gebildeten unserer Tage mit Recht ivendcn werden-. Biel c r n st c r zu nehmen ist der von ch r i st l i ch - r c l i g i ö s c n Erwägungen getragene Kampf gegen das Alte Testament, der gegcmväriig im Namen Marcions ausgefvchtc» ivird. Marcion, der im Jahre 85 geboren ist, geht in seiner Religionsaufsassung von der Paulinischen Grundcinstellung aus, nach der die durch den Heiland geschaffene Erlösungsmöglichkeit den Mittelpunkt des christlichen Glaubens bilden muß. Damit ist nach Marcious Meiunug etwas fundamental Neues in die Welt gekommen. Der Ertvscrgott, zu dem Christus die Menschheit hinsühren will, ist nickst derselbe Gott, der im Alten Bund des Judentums verkündet wird. Hatten die Propheten Israels von einem Gott gesprochen, der einst diese Welt ins Dasein ries, der die Menschen und Bokker in Gerechtigkeit richtet und straft, so hat Christus einen ganz anderen Gott gebracht, der zu dem bisher bekannten in dein denkbar größten Gegensatz steht. Ter Gott, den Jesus verkündet, ist ausschließlich der Ertöscrgott. Er ist nickst der Schöpfer, nicht der Gesetzgeber, nicht der Richter, er zürnt und straft auch nicht, sondern er ist einzig und allein das Gute im Sinne der barmherzigen und erlösenden Liebe. Tos Neue Testament hat lediglich die Botschaft dieses fremden und guten Gottes zu verkünden. Tie Merkwürdigkeit, daß in den Worten Jesu sowohl wie in den Lchristen des Paulus sehr oft auf alttcstameutl'chc Verkündigungen Bezug genommen wird, sucht Marcion durch die Behauptung aus der Welt zu schassen, daß diese nrchristlichen Schriften von judaistischen Pseudoaposteln zugunsten einer Uebereinstimmung mit dem Alten Testament verfälscht worden seien. Marcion sah deshalb eine seiner Hauptausgaben darin, die Quellen des Christentums von den jüdischen Einschlägen zu reinigen und dein Alten Testament jegliche Bedeutung für den Neuen Bund abzusprechen. Tie Kirche hat bekanntlich dieses Vorgehen Marcions nicht gebilligt. Sie hat diesen Nadika listen im Jahre 161 als Jrrlchrcr aus der Gemeinde in Rom ausgeschlossen. Aber die von ihm angeregten Gedanken sind in der Christenheit nie ganz zum Schweigen' gekommen. Sie haben in unserer Zeit erneute Bedeutung geivonuen, seitdem der angesehene Kirchenhistoriker Adolf v. Ha r na ck in feinem Buch: „Marcion, das Evangelium vom fremden Gott' (Leipzig 1921) in weitgehendem Maße Partei für diesen Häretiker des Christentums ergriffen hat. Harnack macht zwar aus den gewichtigen Bedenken, die er gegen eine restlose Uebrrnahme der Marcionitischcn Lehre hat. kein Hehl. Aber in eineni wesentlichen Punkt teilt er die Auffassung Marcions: in der Forderung, das Alte Testament zu »kanonisieren. Man müsse endlich mit dem Jesus-Mort ernst machen: „Niemand kennt den Vater denn nur der Sohn' tMat. 11,27: Luk. 10.22). Damit sei klar angezeigt, daß nur die »eutestnmcntlichc Verkündigung den Weg zum christlichen Gvttesbccoußtscin eröffnen könne. Das Alte Testament habe zwar auch seine nillcugbarcn Vorzüge, insbesondere in seinem prophetischen Bestand. Es sei deshalb nicht zu verwerfen. wie Marcwn wollte; fein«. Schriften seien vielmehr „gutund.nützlich m lesen . Die Maxim« also, die Luthev. einst, mü denselben. Worten kür den Gebrauch der Apokryphen achgestellt hatte,. will HarnaLÜUf das ganze Alte Testament ausgedehnt' willen. Ja. er alaubti IM«8 Buch werde erst dann feine volle Würdigung in^r chrnMchen Wett erfahren, wenn, ihm einmal die kanonische Autorität entzogen jjfc'y Die Richtigkeit dieser Prophezeiung darf man schon aus Mchologischen Gründen bezweifeln. Das Wahrscheinlichere ist.datzÄi Befolgung der Harnackschen Parole das Alt« TestmuLlst eine Wicke, legenhcit der gelehrten Forschung sein, aber die führende RoMU? cs bisher als Volksbuch auch für die Erziehung des christlichen Menschen gehabt hat, einbüßen wird. Ob das wünschenswert' und durchführbar ist, nuiß die christliche Welt der Gegenwart in einer Auseinandersetzung mit Harnack entscheiden, Tie Antworten, die bisher in dieser Frage vorliegen, bedeuten m ihrcc Mehrzahl eine Absage an Harnack. Daß sein Vorschlag beim Katholizismus wenig Gegen-liebe finden werde, hat er selbst vorausgcsehrn. Ter katholischen Kirche gilt ja das Alte Testament als eine genau so göttlich inspirierte Schrrft wie das Neue, -vor Bibelkritik. die für den Autoritätsglauben leicht ein Fallstrick werden kann, ist .zwar die Entscheidung der päpstlichen' Bibelkommission vom Jahre 1005 insoweit cntgcgengekommrn. als sie die Auffassung gelten läßt, daß die formale Einkleidung der Heiligen Schrift zeitgeschichtlich bedingt sein kann und deshalb nur teho-rj vollkommen ist. Ter religiöse Gehalt der Bibel aber ist absck'.ll ivahr und sür den Katholiken verpflichtend, wie daS in der Enzvkuia „Providcntistimus" vom Jahre 1893 ausdrücklich festgestellt wird. Mit einer erfreulichen Cffcnlicit zeigt denn auch der Freibur-zer Univcrsiintsprofejsor Engelbert Krebs in einem Aussatz: Jlrkirche und Judentum' lim 5. Heft des „Morgen', 1925) die Uebereinftiuummqcn, die bei aller Verschiedenheit des Standpunktes heim: noch zwischen katholischer Gläubigkeit und der Frömmigkeit des Akten Testaments bestellen. Weil die katholische Kirche bewußt aus deni rcligibsen Gut des Alten Bundes ihr Hcilswerk nusbaut, deshulb kann für sie die Abtrennung des Alten Testaments als Heilige Schrift nicht in Betracht kommen. Da Harnack selbst sehr deutlich von den antisemitischen Befürwortern seiner These abrückt, so ist sein Aufruf vor allem an das protestantische Christentum gerichtet. Es muß aber festgestcllt werde», daß sein Vorschlag auch bei ausschlaggebenden Führern der evangelischen Theologie auf wenig Gegenliebe gestoßen ist. Als erster hat der Berliner Professor Ernst Sellin in einer Broschüre „Das Alte Testament und die evangelische Kirche d e r G ege» w a r t" (Leipzig 1921) zu den Anregungen Harnacks das Wort ergriffen. In sorgfältiger Untersuchung zeigt er, wie Jesus und die Apostel aus der jüdischen Bibel die Stimme des Gottes vernahmen, den sic selbst als ihren Vater bekannten und anbcteten. Diese Stimme müsse daher much immer für den Protesiautisnuis verbindlich bleiben. Mit ihrer 2lusschaltung wäre dem Christentum eine seiner besten Kräftequellen entzogen. Die christliche Frömmigkeit kann auch zu leicht zu einseitiger Askese führen, wenn sie sich mir aus die Worte des Neuen Testaments stützt. Die sittlich-religiösen Anweisungen des Alten Bundes müssen daher auch dem Christen den . Weg anweisen, wie er im Ausblick zur Ewigkeit den Forderungen des Tages genügen kann. Sellin stellt deshalb folgende Gegcmhcse auf: „'Das Alte Testament im 20. Jahrhundert als kanonische Urkunde abzuschaffen, würde dem Zeugnis Jesu und der Apostel direkt widersprechen, es würde verhängnisvolle religiöse Folgen haben und vor allem einfach ein Anachronismus sein und du größte Dummheit, die die evangelische Kirche begehen könnte." Zu einem ähnlichen Ergebnis hinsichtlich der Kanonfrage kommt auch der Führer der religionspsychologtschm Schule, Professor Georg W o b b e r m r n , in seinem neuesten Werk: „Wesen und Wahrheit des Christentums" (Leipzig 1925, Seite 128ff.). Er legt besonderes Gewicht auf den Nachweis, daß Luther keineswegs, wie oft behauptet wird, Anhänger Marcions gewesen ist. Heißt es doch in seinetn großen Katechismus ausdrücklich: „Das ist mein Gott, zum ersten der Vater, der Himmel und Erde geschasfen hat, außer diesem einen halte ich nichts sür Gott, denn sonst keiner ist, der Himmel und Erde schaffen könnte." Für Luther ist also, im Gegensatz zu Marcion. der Schvpfergott mit dem Erlösergott identisch. Deshalb sind für ihn beide Testamente nur Teil halsten, die, für sich genommen, nicht verstündlich sind, sondern erst aufeinander bezogen den Sinngehalt der christlichen Religion ergeben. Gerade, mit Bezng ans Luther müsse der Protestantismus das Alte Testament weiterhin als kanonische Quelle bcibehabtcn, wenn auch daraus zu achten sei, daß das Alte Testament nur unter dem Blickpunkt des Neuen für den christlichen Menschen Bedeutung gewinnen könne. Als ein Ergänzung dieser Auffasstmgswcise darf der Aufsatz von Professor Haus Schmidt: „Das Alte Testament als kanonische Urkunde des P r o t e st a n t i s m u s" (im 4. Heft des „Morgen', 1925) angesehen werden. Für Marcion und seine Anhänger ist nämlich das Neue Testament schon deshalb das Wertvollere, weil cs die Frömmigkeit „ans dem Glauben' will, während das Alte nur das „Brich des Gesetzes" sei. Schmidt weist nach, wie der Glaube a» den helfenden Gott bereits einen integrierenden Bestandteil der altjüdischcn Frömmigkeit bildet. Dem Akten Testament könne darum der Platz unter den Glnnbcnsschriften des Protestantismus nicht streitig gemacht werden.

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