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Central-Verein-Zeitung · 1926-04-01 · Heft 4 (April 1926) · page 8

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 4 (April 1926)
Date
1926-04-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
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32 Eine allaciiicinverstniidliche Zusammenstellung der wichtigsten Argumente, die für die Beibehaltung des Alten Testaments im christlichen Kuno» sprechen, bietet das soeben-vom evangelischen Prcßvcrbnnd lierausgcgebene Büchlein: „Fort mit dem Alten Le st am ent?" In Tialogform wird das Absurde der Mnrcionitijchen Lehre von den zwei Göttern scharf gegeißelt und ein Zinückgehen hinter Luther, für den die Verwerfung des Alten Testaments ein gänzlich unmöglicher Gedanke gewesen wäre, abgelehnt. Nicht nbbanen soll man das Alte Testament, sondern seine Kräfte müßten dazu benutzt werden, den Neubau der heutigen Weit sicherzustellen. So erfreulich diese Verteidigungsschriften auch für uns Inden sein mögen, so muh doch gesagt werden, daß sie stark ergänziingsbedürftig sind. Unsere Bibel ist eben kein Vorwerk, sondern sie ist ein monumentales Werk von eigener Geschlossenlreit. Solange man sie unter dem Blickpunkt betrachtet, „waS Christum treibt", wird man vieles Bedeutsame und Charakteristische in ihr übersehen und verkennen müssen, Ihr ganzes Wesen kann sich nur dem erschließen, der sic unvoreingenommen als Ausdruck einer selbständigen Religionsanssassnng aus sich wirken läßt, Ansätze einer solchen Betrachtungsweise sind seit neuestem auch in der christlichen Theologie bemerkbar. Zeugnis davon legt u. a. ein Büchlein ab, das der Heidelberger Privatdozent Artur Wiese r vor kurzem unter dein Titel: „Die Bedeutung des Alte» Testaments für den Religionsunterricht" (Töpelmaim 1925) hat erscheinen lassen. Obgleich auch hier noch einige typisch christliche Bewertungsmaßstäbe anzutreffen sind, wiro doch in den entscheidenden Fragen die Forderung aufgestellt, den Eigenwert des Alten Testaments, abgelvst von seinen Beziehungen zu den Evangelien und zur Kirche, an die Jugend heranzubringen. Wenn cs der Sinn des nwdcrnen Religionsunterrichts ist, die Schüler zu einer selbständigen religiösen Urteilsfähigkeit in den Lebensfragen der Gegenwart heranzubilden, dann sei cs nicht zweifelhaft, daß „die geradezu typische Geschichte des Volkes der Religion einen wertvollen Beitrag zu dieser Arbeit zu liefern vermag". So ist die Hoffnung nicht unbegründet, daß unsere Bibel auch den im Namen Aarcions heute wieder crvffneten Krieg überdauern und ihre Vormachtstellung in der Wett bel>aupten wird. Wir begrüßen jede sachliche Auseinandersetzung mit unserem Schrifttum, weil auf diese Welse immer mehr Menschen mit unserer Heiligen Schrift in Berührung kommen und sie auf diese Weise kennen und in Wahrheit schätzen lernen. Luther über öie hebräische Sprache. Ein wenig beachtetes Zitat. Von christlich-theologischer Seite wird uns geschrieben: Luther sagt in den „Tischreden", d. h. den erhaltenen Nachschriften dessen, was Luther gelegentlich bei Tisch inr Kreise seiner Familie und Freunde geäußert hat (Weimarer Luther - Ausgabe. I. Band der „Tischreden", 1912, Seite 524 ff.), dieses: „Wenn ich jünger wäre, so wollte ich die cbräische Sprache gründlich lernen; denn ohne sie kann inan die Heilige Schrift nimmermehr recht verstehen. Denn das Nene Testament, obS wohl griechisch geschrieben ist, doch ist es voll von Ebraismus und ebräischer Art zu reden. Darum haben sic recht gesagt: Die Ebrüer trinken aus der Bonigucllc; die Griechen aber aus den Wüsserlein, die aus der Quelle fließen; die Laieinischen aber ai,S der Pfützen ... Die cbräische Sprache ist für andern wol einfältig, aber majestätisch und herrlich, schlecht (d, h. schlicht) und wenig von Worten, aber da viel hinter ist; also das; ihr cs keine nachtun kann." An diesen Worten Luthers ist vor allem bcincrkenswert, daß Luther, der ja ein sehr seines Sprachgefühl besaß, auch im Neu cn Tcsta in e n t die „cbräische Art zu reden" deutlich erkannt hat. Auch die heutige ncutestamentliche Wissenschaft sicht das immer deutlicher, vor allem für die Aussprüche, die Gleichnisse, die Anekdoten, die Gebete, die in den ersten drei Evangelien enthalten sind. Man lese z. B. „Jesu Bergpredigt, rnbbinische Texte zu ihrem Verständnis" (Güttingen, Vundenhoeck u. Ruprecht, 1921). vvn Paul F i e b i g, ebenso S t r n ck - B i l l e r b e ck, „Kommentar zuni Neuen Testament aus Talmud und Midrasch" (München, Beck). Luther hat deutlich erkannt, daß die hebräische Sprache schlicht, einfach und kurz redet und ost in ihrer kurzen Art Inhalte zum Ausdruck bringt, zu deren Ausdruck wir in unserer heutigen Sprache im Dcutsä-en viel mehr Worte brauchen. Um so mehr muß man sich, um das Neue Testament richtig zu verstehen, in die hebräische Art z>l reden eingelebt haben, damit man nicht, ctiva von griechischlateinischer Ausdruckswcise aus, vieles mißversteht. Je mehr sich die Erkenntnis Luthers unter den christlichen Theologen verbreitet, je mehr sie sich also um die Erlernung des hebräischen bemühen, desto mehr werden sie auch jüdische Religion und Sittlichkeit verstehen und würdigen lernen. Lnther hat ja auch mit Recht gesagt: „Die Sprachen sind die Scheide, in denen das Echivert des Geistes steckt." ' „Der Mwehrkampf Sache öes Hänzen deutschen Volkes." Don d e r' K ö l n e r T a g u n g des Vereins zur : Allwehr des Antisemi tismuS. Der diesjährigen Hauptversammlung des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in Köln ging ein stark besuchter Vortragsabend voraus, bei dem der Vorsitzende, Reichsministcr a. D. Dr.-Jng. o. I,. Georg Gothein, Universitätsprofessor Geh. Konsistorialrat v. Otto Bau mg arten (Kiel), Kaplan Josef Th o m 6 vom Münster zu Bonn und Rabbiner Dr. Kober (Köln) sprachen. Dr. Gothein führte, wie wir den „Abwehrblättcrn" vom 18. März entnehmen, etwa aus: , Deutsch ist kein Rassen-, sondern ein Sprachenbcgrifs. „Soweit die dciitsche Zunge klingt", sind die Grenzen des deutschen Volkes. Wenn schon die „arische Nasse" ein überaus unklarer, wissenschaftlich bestrittener Begriff ist, so hat es eine semitische Rasse niemals gegeben, sondern nur semitische Sprachen. Die Juden sind von jeher, ivie alle anderen lebenden Kulturvölker, ein Mischvolk gewesen, ilnd sie sind aufgegangen in den Völkern, unter denen sie leben; sie sprechen die Sprachen dieser Völker als ihre Muttersprache und arbeiten mit nu der Kultur dieser Völker. Ich könnte tausend Namen von deutschen Juden nennen, die mitgeschasfen haben anr Ruhme der dcntscheii Wiffenschast, am Ansehen des deutschen Volkes in der Welt. — Der Redner gedachte all der für das deutsche Vaterland gefallenen jüdischen Mitbürger und wandte sich empört gegen die Gefühlsroheit, die dazu gehört, Angehörige dieser Mitkämpfer und diese selbst so mit Schmutz zu bewerfen, wie cs der Antisemitismus und seine Anhänger tun. Auf dein Boden solchen Mangels an Gerechtigkeit und Sittlichkeit mußten Verbrechen schlimmster Art cr- Ivachsen. Gerade Deutschland müßte aber danach trachten, jetzt moralische Eroberungen in der Welt zu machen. Das kann cs aber nicht, bevor es nicht die unsittliche Bewegung des Antisemitismus überwindet. „Die Juden sollen sich wehren, indem sie unter sich die Sittlichkeit aufs höchste steigern, aber d e r Ab »vehrkamPf ist Sache des ganzen deutschen Volkes, denn der Antisemitismus ist ein Angriff auf seine Ehre." Geh. Kons.-Rat v.Otto Baumgarten (Kiel) betrachtete „Die völkische Bewegung, geschichtlich und grundsätzlich". Es könne, so meinte er, einen Kenner der Mcnschenseele nicht wundern, wenn große Kinder (nämlich die Ossiziere und Studenten, die den Hauptbestaubtest der völkischen Bewegung bilden), nachdcin ihnen ihr Spielzeug weggenommen worden ist, sich jemand aussuchen, den sie für ihr Unglück verantwortlich machen und aus den sie ihren ganzen Groll abladen mochten. Die völkische Bewegung ist zum größte» Teil das Produkt des Deutschenhasses, Poincarismus, des Versailler Vertrages, der Ruhrbesetzung usw., „es ist Vaterlandsliebe, hiiiabgewürdigt aus das Niveau der Selbstüberhebung, eS ist krankhafter Stolz". Die größte Schwäck>e der Deutschen ist ihr Mangel an Wirklichkeitssinn. Der Redner vergleicht Ludcndorff mit Pviucarü darin, daß beide von ihrem unterdrückten Schuldgefühl dazu getrieben werden, die eigene Schuld auf andere zu schieben, und bezeichnet unter Hinweis ans die Schrift von Wilhelm Michel. „Verrat am Deutschtum", „die völkische Bewegung in ihren Auswüchsen als den Verrat am Deutscht u in,, eine Entkräftung, eine Entchri st lichn n g , einen Verrat a in deutschen Herzen w i e n m d e n t - s ch c n Verstand c". Sodann sprach Kaplan Josef Thomö (Bonn) über das Thema „Christentum und Antisemitismus". An zahlreichen Schriststcllen zeigte er, dnß der Unterschied zwischen Judcntiun und Christentum ein ganz formaler sei und daß hochstehende jüdische Geister durch die Art ihrer persönlichen Religiosität ebensosehr Anhänger einer Erlösungsreligion seien wie unedlere Christen manchmal in der Erfüllung der Borschristen und Gesetze die Hauptsache des Christentums erblickten. Mit der einfachen Formel „Hie Gcsetzesrcligion — hie Erlösnngsrcligion" sei das Problein nicht erschöpft; cs gäbe Edle und Unedle, Religiöse und Unrcligivse ans beiden Seiten. Einen A n t i s e m i t i s m u s a „ f ch r i st l i ch - r c l i g i ö s e r Grundlnge d ü r f e cs d a r n in unter keinen U m stünden gebe n. A n t i s c m i t i s in u s sei s e i n c m W c s e ii ii a ch u n ch r i st l i ch. Kaplan Thviii»; schloß mit den Worten: „91 iir insoweit einer vo » der Höhe des C h r i st s e i n s ab fällt, kann er h a s f c n u n d Verne i n c n ,k a n n er Antisemit sein!" Verlag u. Echristiciiung: Ceniralvrrcin dcuisch. Staatsbürger jud. Glaubens c. B„ Berlin SW 08, Siiiibcitftc. 13. Fiir die Schriftleit. verantwortl : Dr. Ludwig S ° lIiindcr, Berlin Lw 08. - Druck: R u d o l f M o s s e, Berlin 84V 08.

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