Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Die Zrieöhofsschänöung in Erfurt. -S Grabsteine umgestürzt. - Ein Stlö -es Grauens «»- Entsetzens. — vaaöalenstSE von Wikingbünölern. — Maffenfunöe beim SturmtcuppMhrer -es Wiking'Sunües. — Was -er <£. v. tut. - ftn -ie üeutfchen Zrauen. - Neue SubeuMke in Erfurt. - Zrie-Hofsschänömrg auch in Löwenberg. — Die Erfurter Täter sthwrr bestraft. Wie bereits in den Tageszeitungen kurz berichtet wurde, ist in de? Nacht von Freitag, Sem 12., zu Sonnabend, dein 13. März, der alte jüdische Friedhof in Erfurt von Mitgliedern des Wiking-Bnndes verwüstet worden. Gleich am Morgen nach der Tat, die in Erfurt begreifliche Empörung ausgelöst hat, wurde der Syndikus des Landesverbandes Thüringen des Centralvercins vom Polizeipräsidium Erfurt benachrichtigt und zur Besichtigung der entweihten Stätte ausgefordert. Der Vorsitzende unseres Landesverbandes Thüringen, Rechtsanwalt Dr. Ludwig F r e u d e n t h a l (Erfurt), und der Geschäftsführer des Landesverbandes, Leo Kamnitzer, als Vertreter des Ce n t r a l v e r e i n s, sowie Rabbiner Dr. Schüftau, als Vertreter der Jüdischen Gemeinde Erfurt, sprachen sodann bei dem Polizeipräsidenten vor und wiesen in eindringlicher Unterredung auf das besonders gefährliche Treiben der antisemitischen Hetzer in Erfurt und Thüringen nachdrücklichst hin. Wir geben im nachstehenden den Bericht unseres Erfurter L. ^.-Berichterstatters. Erfurt, den 16. Mürz 1926. Seit fast vier Jahren bildet Erfurt ein Dorado für völkische Verbrecher. Elemente, denen der Boden Bayerns zu heiß wurde, ließen sich in Erfurt nieder und streuten das Eilt des Judenhasses unter die unreife Jugend. Gedüngt wurde der Erfurter Boden durch den völkischen Führerhelden Hauptmann Dr. Artur Dinier, der die Leiden des Weltkrieges zehnundeinenhalbcn Tag an der Front gekostet hat, und der durch seinen Ausspruch in einer öffentlichen Versammlung in Erfurt! „Hut ab vor jedem Juden, der den Heldentod erlitten hat, schade, daß sie nicht alle gefallen sind", zu einer traurigen Berühmtheit geworden ist. Er verstand es, die Volksleidenschaften aufzupeitschen, und ermunterte durch sein Auftreten Gesinnungsgenossen, sich in seinem Sinne radauantisemitisch zu betätigen. Was in den dunkelsten Tagen Bayerns kaum möglich war, wurde hier zur Wirklichkeit. Es ist in der Geschichte Erfurts ein trauriges Kapitel und verdient festgehalten zu werden, daß jüdische Pasianten auf dem , Wege z u r Synagoge von Horden öffentlich am hellen lichten Tage angcfallen wurden, daß ein Schuljunge während des Gottesdienstes die Außentür der Synagoge ausriß und ein kräftiges „Hep, hep" hineinricf, daß bei jüdischen Mitbürgern die Fensterscheiben eingcworscn wurden, daß man alte friedliche Glaubensgenossen durch anonyme Telephongespräche und Briefe erschreckte, daß inan bei einem hiesigen jüdische» Fabrikanten nachts einen fest betonierten Zaun mnwars und daß inan einem jüdischen Rcchtsamvalt in der , Dunkelheit einen Dolch in den Rücken stieß. Es war ein Zeichen c trauriger Zeit, daß man die Synagogenbesncher ans der belebtesten Straße Erfurts durch Kriminnlbcaiute schützen und die Synagoge während des Gottesdienstes an den hohen Festtagen bewachen lassen? wußte. i* Alle diese Delikte wurden durch ein Bubenstück, das sich in der rÄacht vom Freitag zum Sonnabend abspicltc, übertrumpft. , Am Sonnabend früh benachrichtigte mich die Kriminalpolizei, .daß in der vergangenen Nacht auf d e m a l t e n israelitischen I r i e d h o f i n d e r C h r i a r st r n ß e d e r g r ö ß t e T e i l d e r .Grabdenkmäler von drei Leuten mngcworsen sei, daß eI dem -wachhabenden Polizeibeamtcn gelungen sei, einen der Verbrecher ans Mrischer Tut zu fassen, die anderen beiden aber entkommen seien. M Ich wurde mifgesordcrt, a» der polizeilichen Besichtigung des Wkatortes tcilzunehmcn. Ich begab mich zu dem idlMsch gelegenen »Gottesacker, dort zeigte sich ein BikddesGrauensundEnt. setze ns. Ter ganze Friedhof war in einen Trümmerhaufen verwandelt. Von den zirka 130 Grabsteinen sind 98 umgrst ü r z t; von ihnen ist eine große Anzahl vollständig zertrümmert. Die alte Ruhestätte bietet ein Bild traurigster Verwüstung, das tatsächlich kaum hinter den Bildern zurücksteht, die wir von den zerstörten Friedhöfen aus dem Weltkrieg her kennen. Der Friedhof zieht sich von der Cyriaxstraße in Form eines Dreiecks bis zur Gera hin. In dem nach der Gera zu gelegenen Teil, in dem die Verbrecher ruhiger arbeiten konnten, sind fast alle Grabsteine umgestürzt. Die s y st e in a t i s ch e D e v a st i e r u n g l ä ß t z w e i f e I §. ohne auf eine Vorbereitung dieses Planes schließen. Auf diesem Friedhof, der im Jahre 1878 geschlossen wurde, liegen die irdischen Reste einer Reihe von Bürgern, die sich um die Entwicklung Erfurts hoch verdient gemacht haben. Die Polizeiphotographcn machten eine Reihe von Aufnahmen, um dem Gericht ein treues Bild von der völkischen Arbeit zu geben. Ein Beamter des Eckcnmingsdienstcs untersuchte die Steine aut Fingerabdrücke, aber ohne Ergebnis. Das Verbrecljeu wäre nicht so schnell aufgeklärt worden, wenn nicht der zuständige Wachtmeister die Gesellen bei der Arbeit überrascht Hütte. Als die feigen Buben in ihrem Tun gestört wurden, nahmen sie Reißaus. Einer, der hier in Erfurt bekannte Rowdie Walter Landin, den wir schon öfters bei dem Polizeipräsidium zur Anzeige gebracht haben, und der erst vor kurzer Zeit wegen eines Aktendiebstahls im Polizeipräsidium mit drei Monaten Gefängnis — einer Strafe, die er trotz des schwere» Vergehens nicht anzutretcn brauchte — belohnt worden war, konnte sestgcnommen werden. Sein Freund, der berüchtigte Kasscnbotc Robert Bartholom a e, der ebenfalls wegen einer Reihe von Roheitsdeliktcn dem Polizeipräsidium nicht unbekannt ist, wurde Sonnabend vormittag in der Wohnung des W i k i n g b u n d f ü h r e r s ffiii st m a n n verhaftet. Ter dritte Täter, der Sohn des Erfurter Stadtinspettors Seidenst ü cke r, gleichfalls einMitglied des Wiking-Bundes,konnte am Sonntag nachmittag festgenommen werden. Daß dioZngehörigkeit derTater zum Wiking-Bunde kein Zufall ist, sondern daß diese Tat als unmittelbare Frucht der Erziehung dieses und anderer nationalistischer Verbünde zu bezeichnen ist, unterliegt keinem Zweifel. Es ist anzunehmen, daß hinter diesen drei Tätern noch mehr organisierte Völkische stehen und daß noch weitere Festnahmen eiyolgen werde». Der Führer des Sturmtrupps des Wiking-Bundes, Erich Zech, Eriurt-Dabcrstadt, wurde gleichfalls verhaftet, bei ihm wurde eine.