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Central-Verein-Zeitung · 1926-03-01 · Heft 3 (März 1926) · page 3

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
1926
Issue
Heft 3 (März 1926)
Date
1926-03-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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19 ihren Pflichten am Vaterland« entzogen, wo ihnen nur mit Undank und Zweifel vergolten wird. Trotz alledem — lind LaS ist der Stolz der deuischjüdischen Jugend — ist sie in ihrer llberwiegenden Mehrheit nie an ihrem Zugehörigkeitsgefühl am deutschen Vater lande irre geworden. Und sie stand und steht in einer Reihe mit den Bewegungen der Jugend, die, fernab von der politischen Verhetzung, alle wahrhaft deutsch empfindenden jungen Mcnscl)en zu gcineinsamer Kulturarbeit sauimcln. Diese neue deutsche Jugend, die die wertvoll st e n Kräfte der jungen Generation in sich ve r ei n i g t, und li n te r ihnen die d e u t sch j ü d i sche Jugend, will vor allem dem Worte „national" l B r a v o l) z u n e u e r E h r e v e r h e l f e n. Sie bekennt sich zu dem schönen Worte Hellpa-chs: „Es ist Gegenteil alles Völkischen, ganze Teile seines Volkes zu deklassieren, weil ihre Beschaffenheit in den Politischen Kram, dein man sich verschrieben hat, nicht hineinpassen will. Wahrlzast völkisch fühlt, wer sein ganzes Volk, mit seinem Licht Mid seinem Schatten, mit seinen Tugenden und seinen Schwächen in Liebe und HinMbe umfängt, weil er sich als Glied dieses Volkes iveisi und Dieser Geist der Versöhnung hat in den letzten Jahren schon zu mancher praktn'chen Arbeit der Jugendorganisationen geführt. In den Jugendämtern arbeiten Jugendvertreter aller Richtungen an den großen sozialen Ausgaben innerhalb der Jugend. Im Reichsausschuß der deutschen Jugendverbände haben sich die Jugendbeivegungen ein Parlament geschaffen, das an der praktisckzen Bewältigung aller Jngendsragen des vssentlichen Lebens arbeitet. Im Reichsausschnß für Leibcsübiingci, wird an der körperlichen Ertüchtigung der Jugend gearbeitet. Dev Sportsgeist des ehrlichen Wettkampfes, der hier gepflegt wird, wird einmal für den Geist des politischen Kampfes von großer Bedeutung sein. Ueberall gehört die deutschjüdische Jugend zu den sreudigsten Mitarbeitern an diesem gemeinsamen Kultnrwerk. Von diesen Stellen, an denen sich die Jugend aller Richtungen kennen und achten lernt, geht ein neuer Geist der Verständigung a»S. So ist zu hoffen, daß der Tag nicht fern ist, an dem sich die deutsche Jugend aller Konfessionen und Weltanschauungen zn snm mensind en wird in dem Bekenntnis zur alle e i ire n d e n deutschen Volksgemeinschaft." Dr. Ludwig Sollander, Direktor des Centralvereins: „Wer überzeugt ist, daß der Mangel an innerem Frieden, die Tatsache unnützer Reibungen, an überflüssigen Spannungen in unserem Vaterland der Gesamtentwicklung des Volkes hinderlich ist, wer, wie die jüdischen Deutschen, erfahren hat, welches Unglück -die Frage der Abneigung, ja, sogar des Hasses nach innen und außen erzeugt, wird mit dem Streben des Ceutralvereins, von seiner Seite ans alle Reibungen und Spannungen anszulösen, einvcrstan-den sein müsien. Wir wollen, wie Goethe es gesagt hat, mit Ernst und Liebe daS tun, das bekämpfen, was ebenfalls Goethe mit dem Worte bezeichnet hat: „Sich voneinander abzusondcru, ist die Eigenschast der Deutschen." Wir können zunächst nur sprechen, aber wir werden die Ta t folgen lassen. Und Sie sollen uns- Helsen, die Tat zu vollenden, denn wir glauben, wer Worte ausspricht und wirklich von ihrer Wahrheit überzeugt ist. der bekommt zuletzt auch das Ding, Der Unterschied zwischen Denken und Handeln im Kreise der modernen Menschen fällt in die Augen, Wenn wir all das Geschimpfe, das absichtliche und unabsichtliche Nichlverst-eheu der einzelnen Bevölkernngstlnssen. die Ungerechtigkeit, die im Volksleben vielfach herrscht, überdciiken, so verzweifeln »uiv; w e n n w i r handeln sollen, um das abzustellen, was wir nach dem Denken als schlecht empsinden. so sind wir träge und inüßig. Wir empfinden uns selbst als Anachronismus, wenn wir unsere geistige Richtung so sehen, >vie >vir sie scheu sollten. Wollen wir handeln, so ist erforderlich die Erke n n tn i s d e r S ol i d a r i t n t aller Kultur. Alles Zukünftige, Freiheitsbedürftige, Produktive, kurz, allcS Positiv«, sei cS geistig, sei cs materiell, gehört zusammen. Wir wollen dieses wahrlMs- und sriedenssordernde Element in den: Ausdruck einer Kulturpolitik zusammenfnssen, die Deiitschland im Innern von unnötigen Hemmungen befreien soll. „Wir verst e h e n unter Kultur d i e A n g l c i ch u n g der äußeren an die innere Welt." Das gedanklich Erreichte soll Wirklichkeit werden. Wir arbeiten zu unserem Teil im Centralverein daran, daß Wahrheit. Recht und Friede zu näch st in der deutschen In den frage durch dringt. Wir wissen aber, daß es sich mir um eine Teilfrage handelt, und wir wollen unsere deutschen Volksgenossen auffordern. eine Stelle zu schassen, bei der die Kultur als Wesenheit empfunden wird, einen organischen Verband aller kulturellen Kräfte, der wir in bezng ans unsere jiidische» Fragen j» fein glauben. Zunächst aber müssen wir uns darüber klar werde», was bisher die Tat " praktisch beeinträchtigt hat. nämlich der Umstand, daß mau bisher zu sehr „deduktive^ Politik getrieben hat. Unsere übliche Politik, die ich nicht schmähen will und die ich als unbedingt notwendig anerkenne — ich ivill sie als sogenannte „Vulgärpolitik" bezeichnen — ist eine Politik der fertigen Systeme aus Grund von Programmen. Die wird bleiben und muß Weifen, Wir brauchen aber auch eine Erkennen wir z. B.. daß die Vorwürse, die die beiden christliche» Religionen sich gegenseitig machen, zu einem großen Teile übertrieben und umvahr sind, so wird die Gemeinschaft, welche wir an schassen haben, vom Standpunkt der W a h r h e i t - d lt Masse auf Hüten m üsse n. Und schreiten wir zur Tat nämlich zur Entgiftung unseres Volkes durch induktive Politik, indem wir eine Stelle schassen, die der Wahrheit bient, so fragen wir weiter: „Was habe,» wir Inden im Kampfe „in die Wahrheit bisher für Erfahrungen ge» uiacht?" Was haben wir dazu zu sagen, wenn neuerdings einer der bekanntesten Schriftsteller, B b r r i e s F r e i h e r r v. M ü n ch h a u s en, schreibt: „Nur >vcr jedes Instinktes bar ist, kann glauben, daß ebva Jacob Wassermanns Meisterhand deutsche Menschen schassen könnte?" Deutsch soll doch hier offenbar völkisch und eine aus „völkische Wahrheit" gegründete -deutsche Politik bedeuten. Ferner: „Wer will aber den Bazillen das Recht ans Existenz abspreclftii, das allem Geschaffenen zustckst, — und wer will es vollends den Inden bestreiten, die völlig gleichberechtigt unter »ns leben!" Sehen wir das. so Hafen wir zu beklage» den Mißbrauch der Sprache. Was versteht Herr Baron v. Münchhausen unter „deutschen Menschen"? Darüber werden zehn Gelehrte elf verschiedener Nnsfasslingen sein. Hier wird die Mehrdeutigkeit und die Unbestimmtheit der Worte aus- Mnlitzt. die Falschmünzerei der Worte getrieben. Von der fatfd>en Verallgemeinerung, von dein Unfug, der mit Zitaten getrieben wird, ist schon oft genug gesprochen worden. Muß daran ivieder erinnert werden? Es ivird auch die Frage geprüft ivcrden müssen: Kann der eine vom anderen absolute Toleranz und Gerechtigkeit verlangen? Gibt es eine solcl-e? Habe» die Judenfeinde recht, iveim sie sagen: „Einein jeden das Seine" bedeute bei weitem nicht „Allen dasselbe". Wir iverden sagen müssen, daß in dem Begriffe „das Seine" die Schwierigkeit liegt, und daß es selbstverständlich Fälle geben muß. in denen eine ungteidje Zuteilung des Vorhandenen stattsindet. Man muß sich aber darüber ganz klar sein, ivann ungleich zngeteilt werden darf und muß, nämlich: wenn die Masse nnverblendcter Bürger eine Notwendigkeit erkannt hat. Wenn wir endlich an die Tatsachenfülschung denken, wie z. B. die. die zu Rechtssprücfen in der letzten Zeit Anlaß gegeben hat: „Der Jude braucht die Wahrheit nicht zu sagen, wenn er in einem Prozeß, den ein Nichtjude mit einein Jude» führt, als Zeuge vernommen ivird", so sefen >vir, >vo einzusetzen ist. Hier ist eine furchtbare Lüge als sichere Wohrhei-l! vorausgesetzt, und die Folgen sind unabsehbar. Aufklärung des Begriffes der Toleranz wird erfolgen müsien. Wir ivcrden anerkennen, daß Sclbsterhaltuna und Notwehr für jede Staatsform notwendig sind, und daß damit eine gewisse Intoleranz unvermeidlich verbunden ist. Wir iverden aber im übrigen eine vollkommene Freiheit und Duldung durchzusetzen haben. Wenn der Staat heute noch vielfach dem Grundsatz huldigt: „Ter getauite Jude ist beliebter als der Jude selbst", so ist das der Sieg der Intoleranz zugu ii sten der Heuchelei. Jetzt wissen mir, wo eine „induktive Kulturpolitik" ciiizusetzen hat. Jetzt wissen wir, wie dir einzelnen Zellen gebildet iverden müssen, um dem Volk den inneren Frieden zu verschaffe». Männer und Frauen jeder politischen Richtung, die mit dem steten Willen, mir nach der Wahrheit zu streben, begabt sind, müssen die cinzelncn Gebiete unseres vssentlichen Lebens untersuchen und diirchsprechen. lind müssen -die Resultatc fcststellen, meldje sic in bezug ans die großen Fragen des Volkes gewonnen haben. Wir werden jederzeit gern bereit sein, m i t würdigen I u d c n g c g u c r n zu sprechen und mit ihnen einmal seststellcn, wieviel' Schutt, wieviel llnwnhrheit und wieviel Leidenschaft -die Debatte bisher verdorben haben. Niemals werden »vir uns mit ihnen in allen Piiirktcu einigen, aber in einer großen Reihe von Gesichtspunkten laßt sich eine Entgiftung erreichen. Wir deiilen »ns die Dinge so, daß die einzelnen Abteilungen (Stadt und Land, Katholiken und Protestanten, Juden und Indengegner usiv.) einen Rat bilden, der mit seinen Ergebnissen in wissenschaftlich begründeter Weise au die Ocsiciiilichkeit kommt. Dann kann gearbeitet ivcrden, und dann kann eine Kreditbank des Geistes zur Erössiiung gelangen. Die Ideen müssen vermittelt werden, weil die Einsicht der anderen erst nach vollbrachtem Werk kommt. '.Durch die Dinge über die Dinge hinaus." Tarrnn darf das Verhältnis zu den Parteien nicht das der Konkurrenz, sondern muß daS der Durchdringung sein. Wie wenig leben wir nach Parteibekenutmsscii, wie sehr sind unsere Handlmigen eingezwängt von der ehernen Logik des Alltags! Ein und dasselbe Individuum kann au einem Tage zehir freiheitliche lind zehn reaktionäre Handlungen fegehen, je nach dem Lcbenskreis, von ivelchcm cs ersaßt wird. Es ist wirklich Zeit, daß wir Ernst machen, und daß ivir einmal an Luther denken, wenn er in seiner Schrift an die Ratsherren folgende ernste Mahunng äußert: „Liebe Deutschen, kauft, weil der Markt vor der Tür ist, sammelt ein, weil es sckMnet und Md Wetter ist, braucht Gottes Gnade und Wort, weil cs da ist! Denn das sollt ihr wissen, Gottes Wort und Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin., sie Hafen nun nichts. Paulus brachte ihn in Griechenland: hm ist auch

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