Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 3 (März 1926)
- Date
- 1926-03-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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18 Ter Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Ha»8 wurde bei seinem Erscheinen stürmisch begrüßt, und spontaner Beifalls, zubel unterbrach ihn. als er von Deutschlands Grenzen sprach und sich zu einen, Grotz-Deutfchland mit Einschluß Oesterreichs bekannte. Als er mit den Worten des Deutschlandliedes „Einigkeit und Recht und Freiheit" seine geistreiche und tiefgrundige Rede schloß und bat. man möge das Lied weniger singen und dafür mehr nach seinem Geiste handeln, dankte ihm minutenlanges Klatschen. Nach ihm richtete Dr. med. Friedrich Brodnih als Vertreter der deutschjüdifl^n Jugend eindrucksvolle Worte nicht nur an die jüdischen Eltern und die jüdische Jugend, sondern darüber hinaus an alle christlichen Erzieher, Eltern und Jugendliche. Seine rvarmherzige Schilderung der Not der jüdischen Jugend, die sich mit dem Pariagesühl des Menschen zweiter Klasse belastet in diese chaotische Zeit hineingestellt sieht, fanden lebhaften Widerhall in den Herzen aller Zuhörer. Don herzlichem Beifall begrüßt, nahm der Direktor des Eentralvereins, Dr. Ludwig Holländer, dann das Wort, um, wie er sagte, ein Bild dessen zu zeichnen, was endlich geschehen müsse, um das Streben nach innerem Frieden in DeutMand in die Tat umzusetzen. Er forderte zur Gründung einer Liga aus, in der jüdische und nichtjüdische Mitbürger jeder politischen und religiösen Auffassung den Kampf gegen die Verleumdung mit Ernst durchführen sollten: „damit endlich daS Gebot währ werde: ,Jhr sollt nicht falsches Zeugnis ablegen wider euren Nächsten.'" Tief ergriffen dankte schließlich Justizrat Dr. Brodnitz den drei Rednern für ihre Ausführungen und erinnerte an Ludwig Bambergens Morte, in denen er die vom Vaterlande Verbannten a-ussvrderte, sich nicht durch die Ereignisse des Tages verbittern zu lassen, und die deutschen Juden init den Verbannten verglich. „Auch wir deutschen Juden dürfen uns nicht verbittern laßen. Das große Geheimnis unseres Bestehens liegt darin, daß unser Handeln unter Ewigkeitsgesichtspunkte'gestellt sein muß. Wir haben Zeit: der Weg zum i n n e r e n F r i ed e n w i rd g e f u n d e n w e r d e n, weil er gefunden werden muß." Als erster Redner nahm das Wort Sr. Ludwig Saas, 311.0.: „Vor unS liegen Zeiten schwerster wirtschaftlicher und außenpolitischer Not. Eine solche Zeit braucht innere Geschlossenheit und braucht den inneren Frieden. Wir müssen heraus aus der engen und kleinen Auffassung, die bei Politisch Andersdenkenden die ehrliche Ueberzeugung und den guten Willen nicht anerkennen will. Gerade wir empfinden es als besonders schmerzlich, daß weite Volkskreise das Vaterlandsgesühl für sich allein in Anspruch nehmen und eS den anderen absprechen. Niemals werden wir den gesunden, verständigen politischen Kampf nblehnen. aber der politische Kampf darf nicht dazu führen, daß der politisclso Gegner den andern verachtet. Ueber alle Gegensätze hinweg m u ß man st e t s daran denken, daß wir alle Söhne eines Vaterlandes, Genossen einer Not sind und alle dem Bat er lande dienen m o l l e ». Mißbrauchen nicht täglich viele Lehrer ihr Amt und Predigen pvlitisclM Kampf und Haß und mißhandeln damit die Seele der Kinder? Schwer und groß sind die religiösen Gegensätze in Tentschland. Es ist vielleicht die Tragik unserer Geschichte, daß die religiöse Einheit in in Deutschland nicht gesunden wurde. Wir aber meinen, wir müßten endlich die religiösen Leidenschaften überwunden haben. Jeder lebe in Treue seiner religiösen Ueberzeugung! Das. was wir verlangen, ist nicht religiöse „Toleranz". DieS Wort sollte aus dem deutschen Sprachschatz verschwinden. Der stolze Mensch will nicht geduldet, nicht toleriert werden. Die Besten und die Größten, die mit der reinsten Scele, werden wohl empfinden, daß sie dem Glauben der anderen Ehrfurcht entgegenbringen müssen. Dazu sind nicht alle fähig. Aber iveuigstens begreifen, daß nicht alle desselben Glaubens sein können, daß nicht der Verstand das Höchste ist, dieses Begreifen müssen wir verlangen. Zu den tiefen religiösen Gegensätzen kommen die großen sozialen Gegensätze: Standesdünkel und Klassenhaß. Diese sind die Feinde des inneren Friedens. Ueberwinden tvir den Standcsoiinfd, versuchen wir, sie Seele des Mensche« zu erfüllen mit jener Temokraiie des täglichen Lebens — ich spreche kein politisches Wart —, dw in dem Menschen mix den MensclM sicht. Wir müssen unser Wirtschaftsleben mit starkem sozialen Geiste erfüllen. Rn Stelle des Materialismus muß der wahre christliche Geist und der wahre jüdische Geist treten, die sich aus dem Gebiete des sozialen Lebens nicht unterscheiden, sondern beide zurückgehcn, ans oie Bibel, jenes Buch höchster sozialer Ethik. Wenn unsere Gegner vom jüdischen Geiste reden, meinen sie, daß mit vom materialistischen Geiste besonders erfüllt sind. Die wollen uns in keine Diskussion darüber einlaffen, sondern ihnen nur sagen, sie sollen mit offenen Augen durch die Welt gehen: dann werden sie sehen, daß eS unter den Christen genug MaterlaListen snd unter den Juden genügend Menschen gibt, die mit höchstem sozialen Drifte erfüllt sind. Führen wir. den Kamps gegen den Materialismus, versuchen wir. ihn zu überwinden. Und ein anderes. waS das Volk immer mehr zerreißt, ist dir Rassenlehre, die immer mchr in unser Volk hincingetragea wird. Diese Raffenlehre müßte uns auch dann interessieren, wenn kein einziger Jiide in Deutschland lebte, denn diese Frage ist wichtig, will man sich ein Bild von der deutschen Gcschlosienhcit machen. Rach Günther leben fünf Nassen in Deutschland. Die Dentschvölrischrn bezeichnen die nordische Rasse als die erwünschte, andere Raffen sind ihnen tveniger erwünscht, und die in Baden und in Württemberg stark verbreitete ostische Rasse gilt ihnen als ganz unerwünscht. Diese Lehre stellt man ans nach dem Erleben deS Krieges, in dem die bamschen und württembcrgischen Regimenter, die sogar Ludendorff als die allertllchtigsten bezeichnet hat, sich genau so verblutet haben wie dich Regimenter mit nordischem Einschlag. Der Redner zeigte, wie diese Raffenthcorie in der Konsequenz dazu führt, daß ihre Anhänger glücklich sein müßten über die durch den Krieg erfolgte Verkleinerung Deutschlands, da diese Gebiete gerade von „tveniger erwünschten" Nassen beivohnt seien. Wir erklären demgegenüber, das; wir von tiefem Schmerz erfüllt sind über die Abtretung deutscher Bolkstcile, und wir sehen das höchste Ziel dartn, ein Deutschland zu habe«, das alle deutschen Stämme, auch die Oesterreichcr mitumsatzt, tvenn auch die Oesterreicher als dinarische Rasse deir Völkischen unerwünscht scheinen. Unser Ziel must ei« Grotzdeutschland sein. (Brausender Beifall.) Das deutsche Volkstum beruht nicht ans Rasse: cs beruht auf der gemeinsamen Sprache, gemeinsamer Geschichte, ans unserer Literatur und Kunst. Ans unserer Arbeit, auf jener gemeinsamen deutschen Tradition, die über alle Unterschiede hinweg einen g e m e i n s a m e» beut s ch e n G e i st geschaffen hat. ' Vielerlei Eigenart lebt in T-eutschland. Darin liegt ein Quell deutscher Kraft, Jeder deutsche Stamm nntersck-eidet sich von dem anderen, und so untersclMdet sich auch das deutsche Judentum von den anderen Deutschen, tvenn sich auch die deutschen Juden untereinander tvieder nach ihrer Zugehörigkeit zu den verschiedenen deutschen Stämnicn unterscheiden. Als Jude habe ich mir über den Antisemitisnins noch niemals Sorge gemacht, wohl aber als Deut s ch c r. Als Jude nicht, denn unsere Vorfahren haben mehr gelitten als wir: aber als Den tscher erfüllt eS mich nii t Sorge, >venn ich (ehe, daß in dieser Zeit der wildeste politische Gegensatz in Deutschland lebt, während wir einheitliche Geschlossenheit brauchen. Meuchelmord und .Hetze ist unvereinbar mit wahrem deutschen Geist. Aber der Kampf gegen engstirnigen Fanatismus ist ein deutscher Kamps. Wir müssen diesen Kamps gegen die Fanatiker, gegen die Intoleranten führen, gegen die. die die Ehre der anderen nicht achten und mit vergifteten Waisen kämpfen. Auch vom Staat müssen wir diese „Intoleranz gegen Intolerante" verlangen! Kampf den Kräften der Zerstörung und der Auslosung! Dieser Kampf für den inneren Frieden ist ein gute r Kampf. Deutschland ist groß, ivenn die Deutschen sich gegenseitig achten. Wer großen Volksschichten ihr Deutschtum und ihr Nationalgefühl bestreitet, versündigt sich an Deutschlands Zukunft. Es ivird so viel unser Deutschlandlied gesungen: „Einigkeit und Recht und Freiheit", und gerade von denen vielleicht zu viel, die nicht nach seinem Sinne handeln. Einigkeit heißt: kein Haß. Wir wollen wirklich nach diesen Worten leben: „Einigkeit! und Recht und Freiheit", denn werden wir den Weg zum inneren Frieden finden." U.N8Ü. Friedrich Vrodnitz stellte an den Beginn seiner Ausführungen die Frage: „Sind es besondere Probleme, in die die deutschjüdische Jugend hiueingestellt ist?" und bejahte sie in seinen anschließenden Ausführungen: „Wenn wir alle Kräfte sammeln wollen, um unserem deutschen Vaterlande den inneren Frieden wiederzugeben, dürscn wir auch au der deutsche:, Jugend nicht vorübergchen. Geist und Gestalt des ösfentlichen Lebens der nächsten Jahrzehnte werben davon bestimmt werden, in welchen Anschauungen die heutige junge Generation heranwüchst. Wenn ivir es erreichen wollen, daß der Geist der Verständigung beherrschend wird, müssen wir damit anfangen, ihn der Jugend nahezubringen, Tie heutige junge Generation ist in eine chaotische Zeit hineingestellt. Ta ist es nur zu verständlich, daß sie Volksverfi'chrern aller Art leicht gefolgt ist, daß sie sieh in Scharen einem Radikalismus aller Art verschrieben hat. der ihr eine glücklichere Zukunst versprach. Die jüdische Jugend ist von irührster Jugend an in einen Kamps um die Selbstbehauptung gestellt. Die Saat der politischen Verhetzung ist ausgegangen: Man liiufi hier im schwersten Sinne deS Wortes von einer jüdischen Not sprechen. In'der Schule, auf de« Universitäten, in den Lehrstnbcn, überall findet der junge deutsche Jude eine Atmosphäre des Misstrauens, der Abneigung, oft genug des Haffes. Ganze Berufe sin» ih,n vcrschloffcn. Nationaler Stolz, deutsches Empfinden — die Grundlage seines Wesens — werden ihm abgesprochen. Mit dem Pariagesühl des Menschen zweite* Klaffe geht er unter seinen Altersgenossen umher. Nur 3», verständlich wäre eS, wenn sich viele unter dieser jüdischen Jugend^