Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ölut oöer Geist. Eine Abrechnung mit Adolf Bartels. ES gibt eine Methode des Schweigens, die man bei geistigen Wafsengängen dann anzuwenden pflegt, wenn Person oder Beweisführung des Gegners einer ernsthaften Widerlegung nicht mehr wert erscheinen. Eine solche Methode mag be- - rechtigt sein, solange der Gegner im Dunkel seiner gesprochenen oder geschriebenen Weisheiten verborgen bleibt. Tritt er jedoch unter einen größeren Kreis von Beteiligten, die seinem Wort und Werk Beachtung schenken, so wird es zur traurigen, aber notwendigen Pflicht, statt zu schweigen, zu reden. Herr Adolf Bartels, vielen nicht mehr unbekannt, Titularprofessor seines Zeichens und Landsmann Friedrich Hebbels, bemüht sich seit Jahr und Tag von Weimar aus, dem ehedem lichtvollsten Zentrum deutscher Geistcskultur, seine Zeitgenossen von der Notwendigkeit einer „reinlichen Scheidung" von Deutschtum und Judentum zu überzeugen. Sb Mut oder Kultur, ob Abstammung oder Weltanschauung die Unterschiede bedingen: es sind für ihn völlig entgegengesetzte Pole, die sich nicht nnziehen, sondern abstoßen. Deutschtum bedeutet ihm, rassenbiologisch gesprochen, Herrschaft des reinen Blutes, Offenbarung germanischen Rasscnstvlzes, aber auch, ins Moralisch-Geistige übersetzt, höchste Sittlichkeit, höchster Adel, höchste Kultur; Judentum dagegen Inferiorität einer „fremden" Rasse, ein zersetzendes Ferinent in: deutschen Nationalkörper, Unfähigkeit zu eigenschöpferischen Leistungen, Zerstörung deutschen Volkstums. Man kennt die Weise, man kennt den Text: es ist nichts anderes als eine banale Abwandlung der Ideen, die aus dem geistigen Arsenal der Renan, Gobineau. Chamberlain, Treitschke, Wvltmann u. a. staminen und die dann in den Katechismus eines jeden ordentlichen Antisemiten übergegangen sind. Das Gebiet, auf dem der Trennungsstrich nach dem Willen des Herrn Bartels besonders scharf gezogen werden soll, ist die Literatur, im engeren Sinne die T i ch t k u n st der Deutschen: sie hat, wie er meint, schon lange durch Jnsizierung mit jüdischem Geiste ihren ursprünglichen Charakter verloren, und es sei höchste Zeit, sie vor weiterer Entartung, ja vor völliger Vernichtung durch die jüdische Invasion zu bewahren. Hat nicht schon die deutsche Romantik — immer nach der Meinung des Herrn Bartels — undeutsches Wesen angenommen, indem sie einige jüdische Frauen an ihren germanischen Sternenhimmel versetzte? lind war nicht die Literaturepvche, die man als „Das junge Deutschland" bezeichnet, mit ihren beiden markantesten Erscheinungen, den Juden Börne und Hein e, von nnheilvollstein Einfluß auf deutsche Art und Kunst? Haben wir nicht ferner, zu Ende des 19. Jahrhunderts, in unserer Literatur die sogenannte Dekadenz erlebt? Ilnd wer ist ihr geistiger Vater? Kein anderer als wieder der Jude Heinrich Hein e. Und wie steht es mit den Frivolitäten, den Sensationen, den Ausschreitungen eines wüsten Radikalismus in unserer neumodischen Dichtung? Alles — jüdischen Ursprungs! Und schließlich der jetzige Expressionismus auf lyrischem und dramatischem Gebiet? Kein Zweifel: „Die jüdische Aufgeregtheit, Schreierei und Stammelei" (wörtlich!) „hat bei ihm eine große Rolle gespielt." Wer aber ist im letzten Grunde schuld an dieser ganzen „Verjudung" unserer Literatur? Der Jude M o s e s Mendelssohn! Dies ungefähr sind, in großen Zügen, die Leitgedanken und Tendenzen, die in den literaturgeschichtlichen Schriften des Herrn Bartels bis zum Ueberdruß abgeleiert werden. Man muß leider annehmen, daß sie in viele Hirne eingedrungen sind; denn die beiden Hauptwerke, die einbändige „Geschichte der deutschen Literatur" und „Die deutsche Dichtung von Hebbel bis zur Gegenwart" liegen bereits in mehr als zehn Auflagen vor, und wenn es nach dem Wunsche seines Verfassers ginge, müßte besonders das zuerst genannte Werk ein Hausbuch der Deutschen, ein „nationales Erziehungsbuch" . werden. Offenbar ermutigt durch diese Erfolge und getragen von der antisemitischen Welle, die ihn, wie manchen anderen seiner Artgenossen, in diesen verworrenen Zeitläuften an die Oberfläche geworfen hat, läßt Herr Adolf Bartels jetzt im Berlage des wohl ihm zu Ehren gegründeten Bartels-Bundes ein neues Produkt seiner, wie er sich selbst attestiert, „zielbewußten und folgerichtigen deutschvölkischen" Gesinnung erscheinen, unter dem Titel „Jüdische Herkunft und Literaturwissenschaft". Ist es wirklich neu? Der emsige Kompilator der es stets verstanden hat. andere für sich sprechen zu lassen — gewiß nur deshalb, weil ihr Urteil mehr wog als fein eigenes — schöpft diesmal zwar ganz aus sich selbst heraus; er hat jedoch mit einer Betriebsamkeit, die er sonst zweifellos „jüdisch" nennen würde, das Stoffmaterial zu diesem amüsanten eompeiMmn z'uclaieum aus seinen früheren Schriften großenteils übernomwen, den Rahmen etwas weiter gezogen, die Tendenz noch dicker arisgetragen, es im übrigen aber bei der dürren, katalogmäßigen und kritiklosen Aufzählung der „V o l l j u d e n", „Halbjuden" und „Mischlinge" unter den deutschen Dichtern bewenden Herr Bartels darf sich rühmen, diese' fanatisch ausgeklügelte Methode einer Absonderung der Juden als erster in die deutsche Literaturgeschichte eingesuhrt zu haben — wenn man den primitiven Schreier und Denunzianten Wolfgang Menzel, auf den er sich als Kronzeugen beruft, und der doch nicht als Literaturhistoriker, sondern nur durch — den Juden Heine traurigen Mchm geerntet hat, ganz außer acht läßt. Bei solcher Isolierung, die unter dem Zeichen des Hakenkreuzes die gesamte deutsche Dichtcrgilde wie eine Hammelherbe auftcilt, entsteht natürlich zunächst die Frage: wer ist überhaupt Jude? Und wie läßt sich die jüdische Herkunft möglichst einwandfrei Nachweisen? Unser Hirte, Herr Bartels, ist mit der Antwort rasch bei der Hand: achtet auf die Namen der Dichter: seht euch ferner ihre Bilder an; prüfet dann, ob das Opferlamm etwa zu den schwarzen Schafen des „jüdischen" Verlages S. Fischer oder vielleicht auch zum Nedaktionsstab des „Berliner Tageblatts" gehört; fragt auch die antisemitische Pythia, den orakelnden Senri- Kürschner um Rat; spüret den Privatverhältnissen des Jnkulpaten, besonders in Ehe und Verkehr, genauer nach; seid mißtrauisch bei den äußeren Erfolgen, die natürlich immer dem geschäftstüchtigen Juden in den Schoß fallen; vor allem aber: haltet euch an die Werke! Ja, an die Werke! Tenn die Namen sind, da wir ja auch deutsch-adlige „Blumenthals" und ebenso deutsche „Sterns" besitzen, nicht immer ein untrüglicher Beweis, und die Bilder können, bei der bekannten Neigung der Juden, zu täuschen, retouchicrt sein (als ob etwa der christliche Armcniertyp, -der die sogenannte jüdische Physiognomie zehnfach übersteigert, sich wegradieren ließe) — aber die Feststellung jüdischer Herkunft auf Grund der Werke ist, nach Herrn Bartels, „unbedingt immer möglich". Man sollte nun annehmen, der zielsichere Analytiker Herr Bartels würde aus Stosfelementen, aus Stilkriterien, aus dem inneren Charakter und der geistigen Atmosphäre der einzelnen Werke die jüdische Abstammung ihrer Verfasser herleiten. Und läßt man einmal die kontrastierende Formel Jüdisch-Deutsch zwar nicht als völkische Antithese, sondern als seelische Abschattierung, bedingt durch Geburt und Tradition, gelten: niemand wird ernsthaft leugnen, daß in mancher deutschen Dichtung der Jude erkennbar wird, ja, daß nur ein Jude ihr Nerv und Herz gegeben haben kann. Um nur zwei Beispiele zu nennen: wäre Heines „Rabbi von Bacharach", wäre Georg Hermanns „Jettchen Gebert" von einem anderen als einem Juden denkbar? Aber was tut Herr Bartels in seinem neuesten Judenspiegel? In der Vorstellungswelt des Monomanen befangen, dein jegliches Unterscheidungsvermögen abgeht, ruft er nach bekannter Antisemitenart: „Haltet den Inden!" — und so treibt er blindlings etwa 800 nach seiner Meinung jüdische oder judenverdächtige Dichter und Lchriststeller wie in einem Hexenkessel zusammeir — ihre Zahl konnte ohne weiteres vermehrt, sicher jedoch, weil uns viele von diesen Namen, ob Jude, ob Christ, völlig belanglos erscheinen, wesentlich verkleürcrt werden. Aber, da er nun einmal eine möglichst vollständige Uebersicht geben wollte: warum hat er bei keinem einzigen seiner Studienvbjekte auch nur den leisesten Versuch gemacht, ihm auf den Grund zu spüren? Warum hat er das Problem nicht tiefer erfaßt — wie es etwa in einer kleinen, interessanten, wenn auch in ihren geistreichen Konstruktionen und fvillkürlichcn Analogien anfechtbaren Studie über „Arische und semitische Dichtung" (Verlag Karl Schroeder, Bonn) unlängst Georg Linden getan hat? Herr Bartels, der sich zu den „vernünftigen" Antisemiten rechnet, nimmt diesen Einwand klugerweise vorweg, indem er sein antisemitisches Hilssbüchlein für eine neue Art von