Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 1 (Januar 1926)
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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AitSraturunterricht als eine Gelegenheitsarbeit, als Unterlage für künftige Forschungen nach dem Scheidungsprinzip „Hie Juden — hie Deutsche" bezeichnet. Aber auch dann hätte er sich nicht in leeren Schlagworten, in naivsten Schlußfolge, xungen, in subjektiven Albernheiten, kurz in einer literaturgeschichtlichen Demagogie ohnegleichen erschöpfen dürfen. „Ob Paul Altenberg Jude ist, weiß ich nicht; aber der Umstand, daß er mit seinen beiden Dramen auf die Bühne gekommen ist, läßt darauf schließen", oder: „Emil Mecklenburgs dramatisches Gedicht .Die Seherin ist sozialistisch, also könnte er wohl ein Jude sein" (als hätte es nie sozmlistische Dichtungen von Karl Henckell sowie den modernen Arbeiterdichtem Karl B rüg er und Mar Barthel gegeben, bei denen auch Herr Bartels keinen jüdischen Blutstropfen entdecken dürste). So müssen alle, auch aus der großen Literaturgarde, zur Stelle: Friedrich Spielhagen („sein Sensa» tionalismuS, aber auch sein Freisinn tragen die jüdische Note") und Paul H e y s e („Mir'. ist ausgefallen, wie das Judentum in seiner Physiognomie und in seinem Schaffen und Gehaben ... je älter er wurde, um so deutlicher hervortrat"), Frank W e d e k i n d („Judenblut von der Mutter her . . . man könnte sich ihn auch ohne Judenblut nicht erklären") und Thomas Mann („Judenblut über Portugal... auch sein Schassen erscheint mir nicht volldeutsch") und viele, viele andere. Diese paar Beispiele einer, erheiternd-oberflächlichen, beit Juden im Dichter erschnüffelnden Ccharakterisierungsmethode ließen sich, zum Ergötzen der Leser, bis ins Endlose fortsühren. Statt dessen sei nur noch mit allem nachdrücklichen Ernst, den nicht der Respekt vor der Persönlichkeit des Herrn Bartels, isondem lediglich die Sache erfordert, chm das Recht verwiesen, sich als Lehrmeister der deutschen Sprache auszuspielen und die freche Behauptung zu wagen, die Juden seien ebensowenig imstande, ldeutscho Literaturgeschichte zu schreiben, wie deutsch zu dichten, da „selbst ihre Großen die deutsche Sprache nicht voll beherrschen". Hallo, Herr Bartels! In Ihrer neuesten Schrift ist auf Seite 148 p lesen: „Anton Wildgans hat eine Jüdin zur Frau und wurde dann (!!) Direktor des Burgtheaters." Druckfehler, nicht wahr? Aber an einer anderen Stelle heißt es: „Etwas ausstößt einem Max Viola." Natürlich eine sprachlich vulgäre Wendung, nicht wahr? Und dann krönten Sie einmal Ihr Heine-Pamphlet, von dem Sie jetzt, Ihren sämtlichen hundertprozentigen Mitariern gewiß zur Freude, eine neue Ausgabe ankündrgen, mit den Rassisch geprägten Worten: „Wenn nun aber wirklich das deutsche Volk, der zurzeit maßgebende Teil desselben, Heine ein Denkmal setzen, das heißt, den Kotau vor dem Judentum, den dieses verlangt, machen wollte . . .?" Ja, Herr Bartels beherrscht, wie ersichtlich, die deutsche Sprache „voll", und der Jude Friedrich G u n d o l j müßte, um die monumentale Stilkunst seiner literaturgeschichtlichen Schriften noch zu verfeinern, sein Schüler werden. Aber auch „jüdische Dichter, wie Stefan Zweig und Hugo v. Hofm a n n s t h a l, könnten von dem praeceptor linguae, Herrn Adolf Bartels, noch manches lernen: der eine für die verschwebende Musikalität seiner Novellenprosa, der andere für die melancholisch-gemessene Schönheit feiner Verssprache. Im Anhang zu seinem Büchlein bringt Herr Bartels mit einem Maß von Selbstverleugnung, die zu der gesteigerten Ueberheblichkeit seines Wesens gar nicht stimmt, einige sehr lustig wirkende Briese zum Abdruck, die _ der Dramatiker Georg Kaiser und der ekstatische Lyriker Johannes R. Becher an ihn gerichtet haben. Beide hatte er in das große jüdische Sammelbecken geworfen, und beide erheben nun, nicht aus Unwillen über die ihnen angedichtete Zugehörigkeit zum Judentum, sondern aus Empörung über die Leichtfertigkeit und sogenannte Gründlichkeit dieses rabiatesten aller Judenfresser, temperamentvollen Widerspruch. Von Georg Kaiser muß sich Herr Bartels bei dieser Gelegenheit, noch milde, einen „ganz dreisten Burschen" nennen lassen; Joh. R. Becher dagegen gießt über ihn einen angehäuften Kübel von Schimpfworten aus, die auf den Aermsten wie getürmte Kaskaden Niederspritzen. Wozu dies Geschimpfe? Es genügt, Herrn Bartels, nachdem er die übelerregende Tendenz seines Wirkens jetzt von neuem unter Beweis gestellt hat, ein für allemal mit der lapidaren Charakteristik Erich Schmidts abzutun: Tendenziöser DMichreiber! Dv. Hugo Lachmauskt. was ich den Iuüen verdanke, s Registriert zu meinem fünfzigsten Geburtstag. Von Herbert Enlcnberg. In meinem Eltcrnhanse gab es keine Judenseindschaft. Mein Vater besonders, der ein eifriger Leser der „Freisinnigen Zeitung" und ein Freund von Eugen Richter war, fühlte sich vollkommen srei davon. Gleichwohl verkehrten meine Eltern innig kaum mit Juden. VorübergelMd nur nüt einer Familie Kahn,' von ver ineine Mutter sagte: „Es sind zwar Juden, aber totcmstnndige Leute." DcS alten Kahn, eines höchst gutmütigen Menschen, der bei den damals in meiner rheinischen Vaterstadt beliebten Liebhaberaufführungen hüusig als lustige Person mitspielte, entsinne ich mich noch gut als eines meiner ersten schauspielerischen Eindrücke. Um so erstaunter war ich später, als ich zum Theaterdienst übergegangen war, daß ich fast nur Juden aus diesem meinen erwählten Dornenweg antraf. Mit sehr vielen von ihnen habe ich mich rückhaltlos angcfrcuudet und in ihnen stets zuverlässige, ivohlmcinende und cmpsindungsvolle Freunde gefunden. Geld zu verschenken pflegen ja im allgemeinen nach Heines köstlichem Witzwort weder Juden »och Christen. Aber der meist uiid wohl üuch mit Recht gern zugeknöpfte Walther N a t h c n a u beispielsweise hat mir auch einmal mit Herbert L«1enberA {wurde einem Stipendium beigestanden am 25. Januar 50 Jafare alt), und mir ermöglicht, drei Wochen fern von Berlin über niein Stück „Alles um Liebe" in Rom still und ungestört Nachdenken zu köiincu. Das war nach dein äußerlichen Mißerfolg meines Märchenstücks „Ritter Blaubart" am Lessing-Theater unter Otto BrahmS Leiüing. Mit Br ahm selber hat mich trotz dieses anfänglichen Fehlschlags jahrelang bis zu seinem Tode eine herzliche Zuneigung verbunden. Am Vorabend der Aufführung von „.Alles um Geld", der letzten, die ich bei ihm erlebt, sagte er mir noch in seiner spitzen, leicht spöttischen, aber innerlich ganz ernsthaften Art: „Lassen Sic sich die Schlacht nicht durch das verderben, was morgen etwa die Herren von der Feder darüber orakeln! Ihr Stück ist ein Weltgedicht." Auch von jüdischen Schriftstellern und Verlegern —- ich muß seststellen, je älter ich werde, desto wenige achte ich überhaupt noch auf Abstammung und Glauben — habe ich manche Anregung und Förderung erfahren. In vielen Kunstgesprächcn, die ich mit mehr oder minder mir zusagenden Berufsbrüdern von Judas Stamm geführt Haber Ich möchte nicht die Namen von noch Lebenden ansiihrcn. Aber cs gibt eine ganze Anzahl unter den jüdischen Geistcsmeuschcn, mit denen ich mich durch cm gleiches Streben und Wirke» tief verbunden fühle. Insbesondere der Hang zur Freiheit und der Haß gegen alles Knechtselige hat mich stets an unserem deutsch» Judentum augezogen. Und daneben noch der Trieb ins Höhere, den man oft bei ganz armen und schlecht gestellten Juden noch findet. Ihn und die Achtung vor der Kunst und den Künstlern, in der sie sich gegen viele teutonische Deutsche rühmlich hervortun. Wenn ich zum Schluß eine Bitte aussprcchen darf, so ist es der Wunsch, daß unsere deutschen Juden, vor allem in den Oberschichten, s i df b t e volle Lieb« zum Deutschtum er- . halten mögen, die vordem gerade ihre Besten stets beseelt hat. Man denke an Lessings Freund Moses Mende lss ohn ' An die Familie Mendelssohn überhaupt, deren Begabtester den Deutsche» Prachtvolle Volkslieder geschenkt hat. Denke an Heinrich Heine, der in Paris trotz allen Hohns über die deutschen Fürsten und ihre Untertanen nie vergessen hat, Deutschland selber aufs innigste zu lieben. Man denke noch an die jüdischen Verbreiter der Kunst Richard Wagners. Denke an Otto Brahm, der Gerhart Hauptmann für Deutschland entdeckt und durchgesctzt hat. Denke an Walther Ratlsenau, der in der deutschen Romantik zu Hause war, der für die Prosa Wilhelm Schäfers eintrat, und für die nüttelalterliche Steinmchkunst begeistert >var. Und erinnere sich schließlich an das große tönende Verständnis und die Liebe, die Gustav Mahler für das Knaben Wunderhorn empfand! Mit Besorgnis beobachte ich die tiefe Verbitterung, mit der, durch trübe persönliche Ersahrungen hervorgerusen, heute manche jüdische Geister, hier oder ins Ausland HInübergcwandert, gegen das Deutschtum erfüllt sind! Vergleiche gegen die Freudigkeit und Leidenschaft,^ J \ r’