Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 26 (25.6.1848)
- Date
- 1848-06-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2566751-2567071-2567097--3180-2571111- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
SSL Talmud, der rS lehrt, in ffintt Verbwvlichkeit an, verabscheut er als consequenter. principieller,orihorore Jude jede ähnliche Lebens- und Familiengcmeinschaft mit den Go;im, so ist er wegen seiner schroffen Einseitigkeit und «vsivKeiweo Härte, wegen der menschenfeindlichen Gesinnung unausstehlich. Wendet er sich mit sittlich edler Indignation, oder wie daS Gutachten lieber will, mit christlich edler Humanität von diesem Princip ab und ist bereitwillig, mit emer Christin eine ähnliche Lebensgemeinschaft einzugehen, dann ist er wieder wegen Mangels an gewissenhaftem Nachdenken oder eines bewußten JndiffercattsmuS unerträglich! der Jude, er mag sich drehen und wenden, wollen und thun waS er will, das orthodore ReligionS- und Zsokunngsprincip anerkennen oder verläugnea, so lange er Jude sei» und blechen, oder richtiger, so tanze er nicht Christ sein oder heißen will, der Jude muß verbrannt werden. Im Ganzen begegne« wir Herr demselben Widerspruch. der uns schon an einem andern Orte in seiner ganzen Sroffheit entgrgeagetretkn ist. der Jude muß büßen, weil er dem starren Jsolirungeprmcip avhängt, und muß wiederum büßen, weil er demselben Princip nicht starr anhängt, ist er orthodox, wird er getadelt, weil er orthodox ist, ist er nicht ortdovox, wird er auch getadelt, weil er eben nicht orthodox, weil er gewissenlos, indifferent ist. 2st die Orthodoxie eine Tugend, nun, warum wird der or. Ihovorr Jude um ihretwillen bestraft, ist sie ein Laster, warum wird der von ihr sich abweadende Jude mit derselben Strafe belegt? Es wird also ziemlich uvvrrhullt gesagt: die jüdische Othodorie, mit >rr Waffe, sie sei Zndiffcrcnrismus, anzugreifen, da sie von dem Princip der Humanität, das man gegen die jüdifchc Orthodoxie, wie die jüdische Hetcrororie, seien beide gleich sehr strafwürdige Laster und uur dic christliche Orthot orie sei eine Tugend. Ist aber dies der Fall, wozu dir so weiten Ulmrege, nämlich den Stad über die jüdische Orthodoxie zu brechen, weil sie menschenfeindlich ist, und nicht lieber den graken Weg einschlagen, nämlich die Orthodoxie sei ein Laster, weil sie keine christliche ist? Indem man die jüdische Orthodoxie auS dem allgemeinen Gesichts- Punkt der Humanität angcrri&t hat man ja dieser eine uonöthige Conceffion gemacht und sich des Rechts begeben, die jüvische Heterodorie geltend'gemacht hat, vollkommen und hinreichend geschützt wird. Wir finden also, daß man bei aller scheinbaren Offenheit, mit welcher man alle Fractionrn deS JudenthumS ange. reiht, denn doch auch gewisse Rücksichten scheuet und nicht ganz mit der Sprache herauszurücken für gut sinket. Man gebraucht ras Humamtälspr-ncip als scharfe Waffe, wo es gilt, dem Jurrnthum einen Todesstoß zu versetze«. weiß es aber geschickt zu verbergen, wo sich das Judenthum dessen zur Abwehr bedienen könnte. Ist der christliche HumamtäisgciK tzmrclchrav, das Jsolirungöprincip der jüdische» Orthodoxie anzugreifen, so muß er vollkommen ge. nügen sum dir von jenem orthodoxen, d. h. menschenfeindlichen Princip sich adwenrenve Gesinnung vor dem Angriff der Leichtfertigkeit, des Mangels an gewissenhaftem Nachdenken, des bewußten Jndifferrulismus zu schützen. Ist letzteres nicht der Fall, weil — und das ist der Kernpunkt — weil der christliche Humavitülsgeist von christlicher Orthodoxie noch weit entfernt und nicht» weniger alS mit ihr identisch ist, nun. so höre man endlich aus, die jüdische O'.lhovorie zu schmähen, weil sie menschenfeindlich »st, weil sie mit drm christlichen Humanitätsgeist streitet, da sie dieser Humanltälsgeist, wenn sie noch so sehr mit ihm übereinstimmte, nicht schützen und nicht schirmen könnte, so wenig er die dem jüdischen Jsolirungspnncip schnurstracks entgegengesetzte Sinnesart zu schützen und zu schirmen im Stande ist. — So höre man denn auf. wo es«nru Angriff auf bas Juventhum gilt, mit dem christlichen Humauitätsgeist zu liebäugeln und gestehe lieber ein, daß wenn die jüdische Orthodoxie der personisicirte HumanitätSgerst selber wäre, sie dennoch verwerflich erscheinen müßte, weil sie keine christliche Orthodoxie ist.— So höre man endlich auf, die humanedle Gesinnung der deutschen Juden mit dem Name» vrs Leichtsinnes, der Leichtfertigkeit, der GewiffenSlosigkeit unddes bewußten In differen tiSmuS zu schmähen und zu lästern, sondern habe den Muth, offen und wahr zu sein, daß bei allem solcher Gesinnung zugestanveneu sittlichen Ernst sie dennoch vergebens um Anerkennung ringen müsse, weit sie keine christliche Orthororie sei. Nur wir, die wir den sittlichen Ernst, wie er in der GesinaungS- und Handlungsweise der deutsche« Juden gegenwärtig sich ausspr.cht unv namentlich 1a seinem -rerhaltniß za dem orthodoxen JsolirungSprinztz deS alten JudcnthumcS in so vielen Lebensbeziehungen sich äußert, vollkommen saerkeancu, wir, sage ich, die wir den Humanität-- gcist, möge man ihn einen christlichen oder jüdischen, nenittP, als den Urgeist und somit die Religion des JudenthumS verehren, wir haben eia unbestreitbares Recht, daS orthodoxe Jfoliruagsprmzip, mag eS seine LebenSstützea in der Bibel oder im Talmud suchen, einer strengen Kritik zu unterwerfen und mit seinen Apologeten, die cS durch allerlei Selbsttäuschungen zu verrecke» und zu verhüllen suchen, eine Lanze zu brechen. Nur wir haben daS Recht dazu, weil wir mit offenem Bisir uud lopalen Waffen kämpfen und es aussprechen, daß wir in dem Jsolirungsprinzip des orthodoxen JudenthumS de» Humanität-* grist vermissen, den wir aber überall, wo er sich findet, anzuerkenne« bereit sind. Diese offene und rückhaltslose Ancrkenung des Humasitätsgeistes giebt unS daS Recht, gegen die jüdische Orthodoxie zu kämpfea und sie zu bekämpfen, und voa diesem