Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1848)
- Date
- 1848-06-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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»DA LeS jüdischen Volkes Zusammenhängen und auf der Vorstellung . eines Lesondera und engern Bündnisses zwischen Gott und l Israel, dem auSerwählten Volke Gottes, als mit andern Völkern j beruhet, haben, nachdem diese Vorstellungen ans unserm ganzen Bewußtsein sich herausgelebt haben und wir Gott als den alleinigen Vater, die gesammte Menschenwelt als seine Kinder und unsre Brüder betrachten und lieben, ihre religiöse Wahrheit und Bedeutung gänzlich verloren; d) alle sonstigen Ceremonien und Bräuche — mögen sie in der Bibel enthalten oder durch spätere Entwickelungen entstanden sein — welche einst den Zweck hatten und erfüllten, den religiös-sittlichen Gedanken im Gcmüthe anzuregcn und zu beleben, jetzt aber durch die ganz verankerte Lage und Bildung der Menschen ihre anregende Kraft eingcbüßt haben und darum zu Werken der Aeußcrlichkeit herabgefunkcn sind, können und dürfen nicht mehr von uns als religiöse Handlungen angesehen und geübt werden. Wir müssen vielmehr mit den Wortcu des Propheten Hofea 6, 6: »Liebe verlange ich und nicht Opfer," d. b. innerliche Religiosität und nicht äußerliche Formenwcrke, heiligen Ernst machen, und dürfen nur diejenigen Ceremonien als Cultusformen gebrauchen, die für uns in der Gegenwart auf unser Gemüth von religiöser anregender Kraft und Einwirkung sind. B. Die einzelnen Fragen, insbesondere t) die Verlegung der Sabbathfeicr vom Sonnabend auf den Sonntag betreffend, antworte ich: Da wir nicht annchmen können, daß Gott einen bestimmten Tag ein für alle Mal heilig gesprochen habe und die betreffende biblische Erzählung von der ausschließlichen Heiligkeit eines bestimmten Tages nur als den mythischen Ausdruck für die Heiligung dcS Menscheu an einem bestimmten Tage betrachten, so steht natürlich der Verlegung deS historischen Sabbath auf jeden andern beliebigen Tag der Woche, wenn dieselbe von den Verhältnissen des-bürgerlichen Lebens sogar im Interesse der Erhaltung der Sabbathinstitution und deren Einwirkung auf das religiöse Leben der Gemeinde, mithin im Interesse der Religion dringend gefordert wird, kein religiöser Grund im Wege; 2) die Speiscgefetze gehören, wie ich dies anderswo wissenschattlich erörtert, zu den biblischen Reimgkeitsgefetzen, die längst aus dem Leben geschwunden find. Insofern die Speifegcsetze nur den Israeliten geboten sind, hängen sie mit der Vorstellung einer besonder« kheokratischen Heiligkeit des israelitischen Volkes zusammen und führen daher ihre Erstorbeuhkit in sich mit. ES mag aber der einstige Grund der Speifegebote was immer für einer fein, so viel iß gewiß, daß er für uns kein ersichtlicher ist und daher auch kein religiös wirksamer sein kann; jede bewußtlose Uebunz aber, jede Einbildung einer talismanifchen Wirksamkeit ist dem Geist der Religion zuwider. Daher ist die' Abschaffung der Speisegesetze, die noch überdies für da4 focialbürgerliche Leben der Israeliten störend und die Kluft zwischen ihnen und den übrigen Landeseiruvohncra zu erhalten so sehr geeignet sind, höchst wünschenswerth; 3) die Neducirung aller Festtage auf den einen biblischen Tag ist bereits durch die deutsche Rabdinerversammlung festgestellt und die Abschaffung aller Fasttage mit Ausnahme dcS in derselben beantragt worden. Nach meiner Neberzcugung steht solcher Abschaffung nicht nur nichts im Wege, sondern ist dieselbe vielmehr im Interesse der Religion höchst wünschenswert-; 4) die Kürzung des Gottesdienstes, die Entfernung aller für unsere Zeit nicht mehr passenden Gebete, wie z. B. die Opser- und Messtasgebcte im jüdisch-nationalen Sinne, wie auch der Gebrauch der Landessprache beim öffentlichen Gottesdienste ist gleichfalls durch die zweite deutsche Rabbinervcrsammlung festgestellt worden. Die Beseitigung aller störenden Ceremonien ist in sehr viclcu jüdischen Gemeinden Deutschlands ausgeführt und läßt sich gegen das Beten mit entblößtem Haupte selbst vom orthodoxen Standpunkte nichts cinwcnden; 5) die Beschneidung alles Männlichen ist daS Zeichen deS zwischen Gott und Abraham und eo ipso mit dessen Nachkommen (wovon jedoch die älteren Linien Jsmael und Efau ausgeschlossen sind) geschlossenen Bundes uns dessen Besiegelung am Leibe jedes Zsraeliten. So lange ein solcher Bund im Glaubensbewußtfein der Zudcn bestanden, so lange die Zdee eines die Völker ausschließeudcn engeren LiebcsbündmsseS, worauf das ganze thcokratische Verhältnis basirt war, feine Wurzel im Gemüthe hatte, war die Befchneidung das charakteristische Zeichen dieses Bundes und ist deshalb mit besonderer Heiligkeit in Israel festgehalten worden. Allein nachdem diese der Befchneidung za Grunde liegende Idee deS partikulären Bündnisses aufgehört hat, eine religiöse Wahrheit und ein Gegenstand deS Glaubens zu sein, muß gegen die Befchneidnng, alS den Ausdruck einer erstorbenen Zdee, protestirt werden. Sie giebt cm Zcugmß für etwas, das nicht wahr ist, das von allen zum Bewußtsein gekommenen Israeliten gradezu geleugnet wird. Es glaubt der Zude heute nie und nimmermehr, daß er als leiblicher Rach, kömmling Abrahams dadurch allein in einem enger» Liebesverhältniß zu Gott stehe und daß er verpflichtet fei, dieses engere Verhältuiß durch eia Zeichen am Fleische sichtlich zu veranschaulichen. Ich bin auS Princip gegen die Befchneidung und er»