Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 21 (21.5.1848)
- Date
- 1848-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2566751-2567071-2567092--3137-2571063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
167 ersten Mal ihre politischen Rechte ausgrübt, wobei jeder wahrhaft fromme Jude gewiß ein andächtiges im Herzen ge« sprechen hat. DaS Wahlergebnis ist durch die Zeitungen noch nicht vollständig bekannt. Wie man hört sollen unter den 600 Wahlmänncru ungefähr 40 zum jüri'chen Bekenntnis gehörige stch befinden. Eine sehr günstige vcn rem ehrenden Vertrauen der Mitbürger Zeugniß gebende Proportion, wenn man Las Vcrhaltmß der Scclcnzahl der Juden zur GcsarMtbcvölkermrz Berlins l490,000) in Anschlag bringt. Unter ixn jüdischen Wahlmännern sollen sich viele Rewrmgenosscn befinden, und auch die jungen Orthodoxen Lurch Dr. Sachs vertreten sein. Er sind also alle politischen Farben repräsentirt, diejenige nicht ausgenommen, welche ras Aufgcdrn der Hoffnung auf den politischen Messias und die nationale Restitution Palästina's für einen Vcrrath am Jurcnrhum erklärt. Rach den gegenwärtigen Censtellaiionen dürfen wir hoffen, auch Juden als Dcputirte für Berlin oder Frankfurt crwählt zu sehen und dürfen vr. Stern und Dr. Leu wohl die meisten Chancen für sich haben. Ehe diese Zeilen ge. druckt zu lesen sein werden, wird der Würfel längst gefallen sein. Rach Zeitungsnachrichten soll vr. Ricsscr in Schleswig. Holstein als Dcputirter für Frankfurt von der öffentlichen Meinung bczcichucl sein. Eine österreichische Wochenschrift. Berlin. April. — Cs liegt uns ein Programm einer neuen jüdischen Wochenschrift vor, die in Wien seit dem l. April unter dem Titel erscheint: Orsterrcichisches Central-Organ für Glaubensfreiheit. Cuitur, Geschichte und Literatur der Juden. Unter Wilwirkung mehrerer Gelehrten und Volksfreunde redigirt von Isidor Busch und vr. M. Lettcris. Sie kündigt sich mit vcn schönen gewinnenden Worten an, denen wir hier gerne einen Platz gönnen: „DaS Wort ist frei, frei ist der Gedanke! So tönt es jubelnd durch Oesterreichs schöne Lander; Dank- und Freldritslieder singt jeder Mund uud hoch schwillt das Herz bei den schönen langersehnten Klängen. Auch wir brauchen nicht länger in unserer Brust zu verschließen, was uns seit langen, langen Jahren gedrückt und erniedrigt; auch wir dürfen frei und offen aussprcchcn. was wir wünschen, was wir als Menschen und treue Vaterlandssöhne zu fordern berechtigt sind. Wir gehen nun in Oesterreich einer schöacn bessern Zukunst entgegen, und eben deßhalb ist cs nun die edelste Aufgabe der Presse, die Gemüthcr zu bereiten, die Geister zu reifen und sie für die erhöhten Anforderungen der Zukunft zu rüsten." Wie man in Deutschland die Kunde von den Wiener Ereignissen mit der freudigsten Neberrafchsvs Mgrgrs nahm, so haben die drutschea Juden mit doppelt freudiger Theilnahme an ihre Glaubcnsbrüder kn dem großen Oesterreich gedacht und an die bevorstehende Verbesserung ihrer politischen Verhältnisse, die aus dem allgemeinen Aufschwung des Geistes als sichere- Resultat für sie hervorgehrn wird. Es muß daher die Brust jedes deutschen Juden sich freudig heben, wenn er aus dem genannten Programm ersieht , daß die angebrochene Freiheit die Juden Oesterreichs so schön vorbcrriiet findet, daß sie sich äußern, von ihr den edelsten, gemeinnützigsten Gebrauch zu machen, eia literarischks Institut zu gründen, dessen die Juden so sehr bedürfen und das für die Hebung der Cultur sicherlich von unübersehbaren Erfolgen begleitet sein wird. Nach dem Programm wird-'die Wochenschrift folgende Rubriken enthalten: I. Schilderungen vaterländisch « jüdischer Zustände! II. jüdische Geschichte; III. Biographien; IV. Wissenschaftliche Abhandlungen; V. Ein Literaturblatt; VI. Ein Untrrhaltungsblatt; VII. Ein Wochenbericht. Mit dieser Wochenschrift wird allmonatlich ein Beiblatt in hebräischer Sprache unter dem Titel EVH' *130 redigirt von M. LctteriS erscheinen. Die Wochenschrift will kein Parteibl^tt sein, will vielmehr allen dkvcrgirenden Meinungen ihre freie Aussprache gönnen, aus welcher die Wahrheit sich selbst vermitteln soll. Die Re. daction stellt also gar kein Glaubensbckenntniß auf, bekennt sich als solche zu gar keiner Meinungsfarbc, deren es doch heute so viele auch im Oestcrrcichischcn Israel giebt. Sie will also, soweit es an ihr ist, nicht einmal die gemäßigte Reform, die von Mannheimern noch vor nicht langer Zeit beschützt worden. Ja, wir haben das Wort „Reform" in dem ganzen Programm nicht ein einziges Mal erwähnt gesunden, eö ist also absichtlich vermieden, um nicht von vorn herein diejenigen gegen sich einzunehmen, denen dieses Wort ein Gräuel ist. Denn daß die Redaction die Reform, versteht sich, eine gemäßigte, will, I?at sie zwischen den Zeilen deutlich genug geschrieben. In Rubrik 4 legt sie den „übereilenden Freunden dcS Fortschrittes" wie auch den „Zögernden deS Stabilismus" die Überzeugung ans Herz, „wie sich beide ihrer Zwecke selbst verlustig machen, jene rufen die Hemmungen der Reaction, diese fördern nur dir Hast der Agitation!^ Der fricdsamen Redaction ist also die Zögerung des Stabilismus ein gleiches Uebel mit der Ueb er eilung des Fortschrittes, es sind ihr die Hemmungen der Reaction eben so widerwärtig als die Hast der Agitation! Sie will also Fortschritt ohne Ucbereilung, Agitation ohne Hast, und doch hat sie mcht den Muth, das Wort: religiöse Reform direkt auszusprechen.' „DaS Wort ist frei, frei ist der