Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1848-05-14 · Heft 20 (14.5.1848) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 20 (14.5.1848)
Date
1848-05-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2566751-2567071-2567091--3123-2571048
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

184 gegeben, die es an sich durchaus nickt hatte. — Wäbrend die moderne germanisch-christliche Welt dieses für die sociale Ordnung so heilsame und uncntbebrlicke Institut (von dem man, wie jener Philosoph von Gott,! sagen kann, es sei etwas so Notwendiges, daß man ' eS hätte erfinden müssen, wenn es nickt sckon vorhanden wäre) — aus dem Mosaismus adoptirt und nebenbei im Interesse der Religion als den Tag dcS öffentlichen Cultus geweiht hat, machte der Thalmud aus diesem „Tage des Herrn" eine wahre Quarantäne für alle körperlichen und geistigen Kräfte, die nickt im unmittelbarsten Dienste jener Art von Gelkcsverchrnng 1 stehen, die er an die Stelle deS mosaischen Cultus ge- 1 setzt hatte. Der Begriff der Arbeit und der Tbätigkcit ist zu solch einer erschrecklichen Weite ausspintifirt, daß von ihm, wie von einem öden Abgrund, alle Freuden des Lebens verschlungen werden. Es giebt ganze Systr me von Arbeiten, kaum berechenbar, wie die Nebelflecken in der Astronomie: zahllose Familien, die in überschwenglicher Fruchtbarkeit sich fortpflanzen wie Infusorien. Ich darf mich nicht bewegen, nicht rühren, darf nicht gchln, nickt fahren, ohne eine Arbeit unbewußt oder bewußt nach der thalmudischen Theorie zu verrichten, und ein Gesetz zu übertreten. — Die Bedeutung dcS Eabbath für den öffentlichen Eultus ging bei diesem System offenbar zu Grunde, da nicht nur die nöthigstcn Mittel zur Verschönerung und Veredlung desselben, wie B. die Musik, sondern oft sogar die nackteste Voraussetzung zur Tbcilnahme am Gottesdienst, B. der Besuch einer etwas entfernten Synagoge unter die Kategorie der vcrbokncn Verrichtungen fiel. Die modernen Theologen, in ihrem redlichen Bestreben nach Abhülfe dieses drückenden Zustandes, haben eS nun ganz richtig als den wichtigstetl Punkt der Sabbalhsragc angesehen, eine würdige öffentliche Feier desselben herzustellcn. Wie baden sie sich aber mit dem Thalmud abgefnnden, der sie selbst daran bindert? Hch glaube daS Einfachste wäre gewesen, den ganzen Sachverhalt unumwunden auseinander zu setzen: das mosaische Arbcilsoerbot hat mir dem Untergang der socialen Ordnung des Mosaiömus seine Voraussetzung verloren, so gut wie die Schemika und der Zobel mit dem Untergang der palästinensischen Grundverfassung. Dem Staat, in dem wir leben, ist die Organisation der Arbeit innerhalb der Familie ganz gleichgültig; nicht minder dem Wesen der Religion. Was die Religion verlangt ist einzig und allein eine geistige Samm. lung, nach den Zerstreuungen und Anstrengungen einer Werkwochc. Diese geistige Sammlung wollen wir Euch gewähren durch die Einrichtung eines reinen, erhebenden und veredelnden Gottesdienstes. Um die ganze thalmudiscke Theorie von erlaubten und vcrbotnen Beschäftigungen kümmern wir uns aber nicht: sie hat in den gegenwärtigen Verhältnissen gar keinen Boden mehr. Unsere Sache ist cs, Eltch die Mittel zur rcligrösen Erbebnng zu gewähren, Euch die Wahrheiten der Religion zu verkündigen, wenn Ihr nach ihnen verlangt: wie aber ein jeder diese leicht zu befriedigende religiöse Forderung mit der Einrichtung seines häuslichen Lebens vereinigt, das ist seine Sacke; gerade wie es nur seine Sache ist, die religiöse Pflickt der Wohlthätigkeit, der Menschenliebe, des MitlcidenS, nach seinen individueller: Verhältnissen zu realistren. Die historischen Theologen haben diese einfache Lösung der Schwierigkeit nicht gewählt. Natürlich der Thalmnd stand ihnen im Wege. Was rbaren sic? Sic haben statt des thalmudischen negativen Prinzips des ArbeitsVerbots, das positive mehr sittliche Prinzip der Weibe dem Sabbalbbegriss substiruirr; sie haben mit dem Thalmnd lransigirk, und die kleinen Vorthcile, die er ihnen darbicrek, gierig angenommen. Aber mir dem an sich ganz richtigen Prineip der Weibe kommt man nicht über die endlosen Schranken des Thalmuds hinaus. Man betrachte nur die Resultate, zu denen die Commission der Rabbiucr^Vcrsammlung für dieSabbathfragc in ihrem Bericht gelangt ist. — Die Commission erklärt, „daß zur „Weibe" nothwendig sei die Enthaltung von al'.r Tlrätigkeit, welche der werktägigen gewerbliche« Beschäftigung angebörr, oder welche eine Anstrengung erfordert; während hingegen eine jede nicht gewerbliche und nicht anstrengende T h ä k i g kei t erlaubt i st." Glaubt die Commission wirklich mir diesem schwankenden höchst individuellen Maßstab „der gewerblichen Thäkigkcit" und der „Anstrengung" feste Grenzen für das Erlaubte und Berbotne gezogen zu haben? Ist hier nickt wieder der Controvcrse, der Casuistik, Tdor und Tbür geöffnet, die im Thalmud aus dem Sabbakh ein solches Labyrinth gemacht hat? — Ich bin j. B. ein reicher Di-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.