Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1848)
- Date
- 1848-05-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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147 Welt der Geistcscrschcinungcn aus einer argen Täuschung beruht? Allerdings gestaltet sich der subjectivc Denk» proccß ans diese Weise; in nnserm Geiste schreitet der Gedanke noch dem beschriebenen logischen Gesetze in einer fortlaufenden Verwandlung vorwärts; aber ob derselbe dialecnschc Proccß auch in den Gegenständen unscrs Denkens vor sich gebt, ob sich die objcctive Welt in derselben logischen Ordnung entwickelt, das ist eben gar sehr die Frage. Hegel war cs um die Begründung der geistreichen Hypokbese von der Identität des Subjccts und des Objects zu fhun; er kam daher zu seiner dialektischen Methode, um zu beweisen, daß die wahre Natur der Tinge nur im Geiste vorhanden sei, d. h. daß die logische Ordnung, unter welcher der denkende Geist die Gegenstände anschaut, nicht bloß ein Produkt seines subjcctiven Denkens sei, sondern sich tatsächlich als ein objectwer Proccß in Len Dingen selbst vollziehe. — Aber dies beruht auf einer Selbsttäuschung des denkenden Geistes, der seine abstrarke Vorstellung in die Objecte bineinverlcgr und in seiner eignen schnellen Bewegung vermeint, die Welt der Gegenstände bewege sich mir ihm. Matt man davon die Anwendung auf das vorliegende verwandte Princip unserer Theologen, so findet man, daß auch sie in derselben Täuschung befangen sind, da einen vernünftigen Fortschritt zu sehen, wo keiner vorhanden ist; auch sie verlegen ihre eignen Ideen von einer fortlaufenden historischen Entwickelung in ibr Object hinein und verrücken so den wahren Standpunkt für die unbefangene Bcurrbeilung der Tmgc. In der Thar, dieser Irrthum der bistorischen Schule, der bis jetzt zwar schon von vielen ibrer Glieder theoretisch erkannt, aber doch nur von äußerst wenigen offen und energisch bekämpft worden ist *), hat gar viel verschuldet; ihm allein ist der Mangel an einem wirklichen *) Datz ein so durchdringender und vorurtheilsloS denkender -Kritiker wie Geiger sich nicht lange den Illusionen über die Anschauungsweise deS Talmuds hingcben konnte, beweist unter Andern seine geistvolle Skrzze: Das Verhältnis des natürlichen Schrittsinncs zur talmudischrn Schriftdeutung (Zcitschr. Bd. V.). Am Entschiedensten und Glücklichsten bis jetzt hat jedoch die Täuschungen und Phantasieen der Talmud-Apologeten der geistesgewaltige und scharfsinnige Holdheim in seinen neuesten Arbeiten ausgedeckt. Fortschritt, ihm allein ist die gegenwärtige Krisis, von ocr noch später die Rede sein wird, zuznschrcibcn. Dieser Irnbnm dar die historische Schule bislang gebindert, über sich selbst kinauözukommcn; er ist der übermächtige Fanber, der sic in einem engen Kreise eini gebannt halt. ans dem sie erst beraustretcu kann zur j wahren freien Anschauung, wenn sie den Muth hat, die j Augen zu öffnen! Worin besteht dieser Irrthum, näher betrachtet? Er besteht in dem schon oben charaktcrisirten Aberglauben. daß in dem Talmud mcht nur ein objectwcr Fortschritt in der religiösen Entwickelung vorhanden sei, sondern daß der Talmud ein klares rcformatorischcs Bewußtsein gehabt und im Treuste desselben wirklich gearbeitet habe. Daraus folgte, die so schädliche practische Marime, man könne innerhalb der kalmudischen Anschauung, ganz ohne den Boden des Talmuds zu verlassen, das Werk der Reform vollbringen. Welche Täuschung! Ter Talmud ist es, der dem philosophisch geläuterten, höher» Religionsbewußtsein der Gegenwart wie ein Stein im Wege seiner Entfaltung zur vollen Freiheit dalwgk; und aus dem Standpunkt eben dieses Talmuds heraus will man jene Entfaltung lenken. Heißt das nicht den Teufel durch Beelzebub austreibcn! — Ter Talmud war eben so wenig ein Reformator als die Theologen von der stricken historischen Schule Reformatoren sind. Jener war so verstrickt und befangen in den, Buchstaben der Bibel, als diese verstrickt und befangen sind in der Toctrin des Talmuds. Es ist eine hinlänglich nachgewicseue Thalsache, daß der Talmud kein mosaisches Institut ans freier Machtvollkommenheit aufzuheben wagte *), so sehr es den Anforderungen und dem Bedürfniß derZeit widersprach; es ist bekannt, daß der Talmud sich in solchen Fallen durch allerlei Ficrionen und Ausflüchte durchzuwinden suchte, und stakt der einst lebensvollen vernünftigen Einrichtungen, unverständige Gaukelspiele an die Tagesordnung brachte. Politische Institutionen, denen die Geschichte nicht buchstäblich den Boden unter de» Fußen weggezogen hatte, wurden in einem verkümmerten Id« *) Siehe unfern Aufsatz hierüber in Freunds Monatsschrift vom Jahre 1844 ©.149—167: »Unsere Gegenwart", in welchem wir zuerst die Illusionen der s. g. historischen Schule in dieser Beziehung zerstörten. sAnm. ». Red.)