Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1848-04-23 · Heft 17 (23.4.1848) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 17 (23.4.1848)
Date
1848-04-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2566751-2567071-2567088--3096-2571018
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

130 daß nur dieses den Inhalt dcS Judemhums bilden könne. Allein die W i r kl i ch k c i t war jener humanen Auffassung der Religion nach entschieden entgegen. Ter Staat selbst war ein inhumaner, versagte die Rechte, die der Schöpfer aller Menschen in die Brust geschrieben, den Bekenner» des mosaischen Glaubens, und so war cs denn sebr natürlich, daß ein Theil von diesen auch die Reli' gion nicht buman anffaßle und sich durch Beobachtung besonderer, nicht den Menschen überbanpt gebotenen Gesetze, einen größeren Theil am Himmel sichern wollte, wie nmgekebrt, unsre nichtisraelitischen Bruder einen größeren Theil der Erde, (der staatlichen und bürgerlichen Rechte) in Anspruch nabmen. Das hat sich nun geändert! Deutschland läßt jetzt schon zum Theil der Religion wegen keinen Unterschied in den Rechten seiner Bürger zu, und wird solchen bald überall nicht zulassen. Das Panier der Gewissensfreiheit wird aller Orten ausgestreckt werden, daS Reich der Privilegien der Geburt, des Standes, oder auch des Bekenntnisses zertrümmert werden, und ein ncueS, dcö Rechtes, der Wahrheit, der Humanität erstehen. Für Herbeiführung eines solchen baden aber auch die deutschen Juden gekämpft und gestrit, tcn, da auch sic den Staat als eine heilige Verbindung erkannt, d-'ssen Zweck: die Verwirklichung des Rechtes und die Sicherung aller edlen Güter des Menschen, die Forderung, ja der Zweck der Religion selbst sei. Demnach wird es auch an ihnen liegen, solche Forderung auch auf religiösem Gebiete geltend zu machen, dadurch daß sie in einer inner», reinen Gottcserkenntniß und einer in»mcr strengeren Ausübung dcS Rechtes und der Tugend die Mission des Judculbums suchen, sonst aber alles von ihm trennen, waS den GlaubenSstolz, waS den Separatismus, was die innere Abgeschlossenheit und Besonderheit erhalten, ja dem widersprechen würde, an dem wir selbst mit innerstem Gemülhe unö betheiligt: an der Wiedcraufrich. tung des Rechtsstaates, an der Wicdcrancrkcummg dcS Menschen alS solchen, an dem Ausrichten deS ächten Messiasreiches, das da nur ruhet auf den Pfeilern deS Rechtes, der Liebe, der Humanität. Doch müsscu wir hier gleich einem Mißverständniß begegnen. Es könnte nämlich nach dem Gesagten scheinen, alS ob wir erwarteten, daß nach der Einsetzung unserer GlaubenSbrüdcr in die Rechte deS Menschen und Bürgers, dieselben nun auch jede ceremonielle Besonderheit, gegen die wir bisher ankämpften, üblegen würden, und daß wir die, welche damit zögerten, eines Separatismus einer Entfremdung von dem Gemeinwesen, daS sie als gleichberechtigte Kinder ausgenommen, zeihen wurden. Dieses ist jedoch fern von uns. Wir wissen im Gegentheil recht gut, daß auch bei unseren orkhodoresten Brüdern die Festhaltunz an jenen Satzungen nicht in einem separatistischen Streben gegenüber der staatlichen Gesellschaft, sondern in ibrcr Ansicht von der fortdauernde» re l ig i ö sc n Verbindlichkeit jener Vorschriften ihren Grund hat, eine Ansicht, die immerhin eine befangene, der wahren Auffassung des Jndenlhums widersprechende genannt werden mag, darum aber wenigstens in denk Bewußtsein derjenigen, welche sie noch hegen, keine scparatischc, aminationalcist. Auch sind wir weit cutferut, zu hoffen, daß jene Ansicht a l l so b a l d und überall mit der Verwirklichung unserer Rechtsansprüche werde aufgcgcbcn werden. Aber daß letzter höchst vorthcilhaft auf die erleuchtete Auffassung des Jndenrhnms cinwirkcn werde, daß in Deutschland die Verwirklichung der Humanität ans staatlichem Gebiete eine gleiche Richtung auf religiösem Wege be» deutend anbabncn werde, dessen sind wir gewiß, und lassen unS durch das Beispiel von Holland. Belgien und Frankreich, wo dieses weniger cingckrcten, nicht in unseren Hoffnungen herabstimmen. Tort traf die bürgerliche Entfesselung die Jude» noch ganz unvorbereitet und ist überhaupt der Rationalcharaktcr derselben in jenen Ländern freier» religiösen Forschungen weniger geneigt.—Aber in Deutschland hat mm schon das Werk .unserer religiösen Wiedergeburt seit Mendelssohn begonnen, in Deutschland bar der im Volke wurzelnde tiefreligiöse, oder, wenn man lieber will, philosophische Sinn auch die Jude,! getrieben, das: sie selbst unter äußerer Knechtung doch im Innern sich freier »»achten, und die Resorin der Lehre und dcS LcbcnS zu einer Höbe führten, von der unsere Brüder in jenen Landern noch »nett ent fcrnt sind. Run was da selbst im Drucke gedieh, wie sollte eS in der Freiheit nicht noch schöner erblühen? Wie, sollte die äußere Emanzipation nicht die innere, die bürgerliche nicht die religiöse befördern? Tie gereifte Frucht an dem einen edlen Zweige der.Menschheit, am Baume dcS Lebens, nicht auch die an dem andern edlen Zweige an dem Baume der Erkenn tu iß zeitigen? Gesegnet darum, doppelt gesegnet die neue Zeit, daS verjüngte deutsche Vaterland. Auf seinem Boden — daS hoffen wir zu Gott — wird mit der Freiheit auch

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.