Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 16 (16.4.1848)
- Date
- 1848-04-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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127 nur Ein Tag find, so ist unS Ein Tag zu einem Jahrtausend geworren. Der göttliche Geist, der in der Menschheit lebt, hat fich zu einer neuen Offenbarung erschlossen, schwingt fich unter Zeichen und Wundern zu einer höhcrn Stufe der Sittlichkeit und des LölkerwohlcS am. Unter solchen ergreifenden Umständen schwindet der Sinn für alle cngern Interessen, ist cs Schmach, ist eö Unglaube der unüberwindlichen Macht res Fortschritts gegenüber, wenn man die kleineren Aufgaben, deren Lösung wir jetzt cotgegengehn, nicht gern vergißt. Ein Organ, wie der Phönix, muß jetzt verstummen, wenn cs sich nicht selber untreu werden will; der matte Schimmer erbleicht vor dem bellen Sonnenlicht, das dis in die entlegensten Winkel b-lebend dringen wird. — Am Schluffe erläßt er noch einen mahnenden Ruf, der von allen unfern Glaubensbrüdern wohl begriffen uns beherzigt werde» sollte. „Wenn" — sagt er — „das Gesetz in Deutschland den Juden Alles gewährt, dann ist cs vorzugsweise an ihm, die Freiheit auf die rechte Weile zu nützen. Das Recht der Association ist heute im ganzen Vatcrlauve gesichert; es ist nun an rem Juden Deutschlands, von diesem Rechte Gebrauch zu rnachcn und auf diesem Wege dahin zu streben, daß, um nur d;e Hauptpunkte zu nennen, die jüdischen Schulen und Scminaricn, riese Drütnester aller trennenden Besonderheitcn. aufgehoben werden und nur Religionsktassen bleiben, daß die Gcmcindcverbändc zu jedem andern, als rein kirchlichen Zwecke sich lösen, daß die cigenthümlichen Vcrkehreverhältnisse aushörcn und ein tüchtiger Handwerker- und Arbcitcrflanv an die Stelle der Trödler trete, daß in öffentlichen Versammlungen und in gemeinsamer Thätigkeit das Werk der Versöhnung vollende! werde, daß endlich, worauf wir vor Allem Werth legen, alles Abweichende in Sitte und Sprache verschwinde." Das zweite betrifft unfern Richer, der, wie Sie wissen, seit kurzer Zeit ln den Gemcinveverstand gewählt worden. Das bürgerliche Collegium der 180 war, wie ebenfalls bekannt ist, stets der rechtlichen Gleichstellung der Juden entgegen. Ein Comitü, bei welchem auch Ricßcr war, hatte aber jenes Kollegium kürzlich dahin vermocht, daß es unter die beantragten 12 Punkte auch die Zudenemanzixation aufnahm. Dieses verdroß einen Senator; er äußerte diesen seinen Verdruß gegen einen unserer Gemeinrevor. steher und fügte die gewichtigen Worte hinzu: Es sei unerhört, daß ein Gemeindegcistlicher fich bei öffenttichra Bolksintercsscn dethciligc, und vr. Rießer habe die Emanzipation dadurch um 50 Jahre hinansgeschobcn! — Der Verfasser laust nun mStunnschriltcn zu seinen Kollegen, und riese schrieben dann auch gleich an vr. Rießer, welchem er in ihrem Aufträge er öffnete: Hatten wir gewußt. daß Sie rc., wir hätten Sie nicht zum Gemeindevorsteher gewählt. — Ricßcr antwortete, der Schaden sei gut zu machen, er trete zurück. — Seitdem ist derselbe bei der vorbereitenden Vcrsammlnng zur Gründung eines deutschen Parlamentes in Frankfurt a.M. und sein Antrag, daß bei den Wahlen zu demselben keinerlei konfcssioncUcr Unterschied stattfinren möge, einstimmig angenommen worden. — Demohngcachtct ist eö gewiß, daß Rießer die Emanzipation um 50 Jahre zurückbringcn werde, die Emanzipation nämlich, welche jene Vorsteher erwartet und jener Senator verheißen. Diese wird hoffentlich Ricßcr nicht nur für die nächsten 50 Zahrc, sondern für unsere ganze Zukunft unmöglich gemacht haben. Die Leichenfeier in Wien. Oe streich. — Auch in diesem Kaiserstaatc offenbart fich der Geist der Verbrüderung unter allen Konfessionen. Zn 'Wien kämpftcn und fielen Juden neben den Christen, unv über die hierauf stattgcfnndene gemeinschaftliche Leichenfeier wird in einem öffentlichen Blatte folgendermaßen berichtet: „Wien, 17. März. — Der heutige Tag wird uns ewig unvergeßlich bleiben, denn am heutigen Tage fand das Leichenbcgängniß der 39 im Kampfe für die Güter einer neuen Zeit Gefallenen in einer Weise statt, wie ich noch nie eine Trauerfeier gesehen. Von den 39 Gefallenen sind 16, die mit den Waffen in der Hand als Märtyrer gefallen, und zwei Zsraelitcn waren unter diesen 16, denen der gefeierte israelitische Kanzclredner Mannheimer auf dem christlichen Gottesacker eine erschütternde Leichenrede hielt. Die 2 gefallenen Zsraelitcn wurden auf ausdrücklichen Wunsch der christlichen Mitbürger brüderlich mit ihren Mitkämpfern bestattet, und diese gemeinschaftliche Bestattung wirkte wieder auf die allgemeine Gesinnung in Bezug auf unsere Zsrae- Uten zurück. Auch die Freihcitsstunde der östrcichischen Zsracliten scheint zu schlagen. Unter den Wünschen des ungarischen Volks, von Pesth unv Ofen ausgcgangcn und vorläufig von Raab und Komorn adoptirt, bildet die politische und staatsbürgerliche Gleichheit aller Konfessionen einen Paragraphen; unter den Wünschen deS böhmischen Volks steht auch Gleichheit aller Konfessionen, und die neue Acra Oesireichs haben die Zsraelitcn Prags vorläufig durch Wohsthatcn und Spenden an die Armen und dadurch, daß sie sich der Nationalgarde angefchlossen, bethätigt."