Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1848)
- Date
- 1848-04-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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109 Gervinus Hand geschrierenen Worte laten, daß obwohl die Oberrheinische Zeitung in allen andern Fällen keinen Glauben »er* diene, fie roch in diesem einzigen Ausnahmfall, wo eS sich um die Schmähung eines Juden handelt, gut unterrichtet zu sein scheine! Judenhaß, Judenverfolgung ist also das einzige neutrale Gebiet, auf welchem die Oberrheinische und die Deutsche Zeitung, trotz ihrer sonst feindlichen wie Ost und West, wie Sud und Nord sich fliehenden Richtungen, friedlich Hand in Hand gehen! In diesem Artikel der Oberrheinischen Zeitung wird die Wundermähre, von der kein Pariser Jour, nal die entfernste Meldung thut, erzählt, Cremieur habe nach* dem er am 24. Februar durch Hülfe Rothschild'S in das Kabinet des Königs gedrungen war, dort den falschen Freund gespielt, den König von beschwichtigenden Maaßrcgeln durch Beredsamkeit abgchallen, ihn bestimmt, die Herzogin von Orleans mit ihren Söhnen in die Deputirtenkammer zu schicken, sei dem König zur Flucht behülflich gewesen, dann in die Deputirtenkammer geeilt, habe dort die Einsetzung einer provisorischen Negierung verlangt und auf der mit Tinte angcfertigten Liste der Mitglieder seinen eignen Namen mit Bleystift schnell hinzugeschrieben und durch diese List sich in die provisorischeMcgierung hincingcdrängt. Bon allen diesen Sachen weiß man in Paris nichts und ein Wunder hat cs der Oberrheinischen Zeitung offenbart und den sonst nicht allzu leichtgläubigen Gervinus zum Gläubigen gemacht. Wir müssen zur Ehre Cremieur's deö „jüdischen Advokaten,, gegen diesen Wunderglauben der deutschen an die Allwissenheit der ober. rheinischenZeitung protestircn und bis dieWundemahrc nicht durch die Pariser Blätter beglaubigt ist, sie als auS der Luft, die hie und da noch immer von altem Borurtheil gegen Juden gcschwängert ist, gegriffen, bezeichnen. Für die apokrpphische Natur dieser Offenbarung der oberrheinischen Zeitung zeugt übrigens das Ertra-Beiblatt der Kölnischen Zeitung vom 27. Februar, welches die erste Kunde von der Einsetzung einer provisorischen Negierung nach Deutschland brachte, und in welchem unter den Mitgliedern Cremieur's Rainen noch nicht gedacht ist. Cremieur gehörte also ursprünglich gar nicht dem Collegium an und ist ers später wegen seiner bekannten republikanischen Gesinnung und seiner Befähigung, rer auch die deutsche Zeitung Gerechtigkeit wiederfahren läßt, in dasselbe hineingezogen worden. Die geistreiche Erfindung, daß Cremieur in rer Deputirtenkammer seinen Namen mit Bleistift der Liste beifügte und sich selbst alü Mitglied der provisorischen Regierung proklamiren ließ, ist dadurch vollständig w verlegt.— Wir find überzeugt, daß GervinuS nur in einem unbewachten Augenblick, wo auch der Weiseste und Besonnenste der menschlichen ' Nebereilung Rechnung tragt, jene seichte und durch das gänzliche I Stillschweigen der Pariser Blätter verdächtigste Quelle benutzte und nicht säumen wird, seinen Fehler wieder gut zu machen. Offickelle Anerkennung der Reformgenossenfchaft. Berlin im März. — Der Polizeipräsident, dem die gesrtz. liche Ordnung der hiesigen jüd. Gcmcindcvcrhällniffe überwiesen worden ist, hat in einem Schreiben an die Genossenschaft dieselbe ersucht, eine Anzahl von sieben Männern auS ihrer Mitte zu deputiren, die gemeinschaftlich mit dem auS einer gleichen Personenanzahl bestehenden hiesigen Gcmeindcvcrstande mit ihm couferiren und über die Ausführung des Gesetzes und künftige Organisation deS Gemeindewesens sich berathcn sollen. Sie können sich leicht denken, daß eine solche officiclle Berücksichtigung der Genossenschaft von vorn herein von Seiten der organisirendcn Behörde auf rer einen Seite eine eben so freudige Sensation als auf der andern Seite Bestürzung erregte. Die Bevollmächtigten der Genossenschaft sind, der überwiegenden Mehrheit nach, für die Bildung eines selbstständigen SpnagogemBerbandes unv sollte sich diese Ansicht in der auf den 21. d. festgesetzten Generalversammlung als die der Mehrheit der Genossenschaft Herausstellen, so wird in der unmittelbar nachher stattfindenden Conferen; auf dieses Ziel loögcsteuert werden. Jedenfalls dürfen wir eines befriedigenden Resultats gewiß sein, und haben wir Gottlob die Zeit hinter uns, wo die religiöse Bewegung und die Bildung selbstständiger Gemeinden durch direkten oder indirekten Zwang in ihrer Entwickelung gehemmt wurden. Verschiedene Nachrichten und Gedanken. Monatbcricht aus Baiern. (Schluß.) Die Ausstellung von Arbeiten jüdischer Handwerker in Hamburg war gewiß ein sehr guter und nachahmungSwürdiger Gedanke. Hiedurch wird allerdings die Beschuldigung der Arbeitsscheu und deS allgemeinen und alleinigen Hanges zum Handel am Schlagendsten widerlegt; hiedurch wird den Christen thatsächlich bewiesen, daß viele Juden Lust und Geschicklichkeit zur Fertigung solider und Anstrengung erfordernder Handarbeiten haben. Der Gedanke scheint mir so trefflich, daß ich es für angemessen halte, ihn in einem weiteren Kreise zu verbreiten und den Wunsch auözusprcchen, daß er vielfältig Nachahmung finde. Besonders in Bapcrn wäre ein solcher Versuch zu wünschen und namentlich Prämien damit zu verbinden. Solche Demonstrationen find unstreitig von wirksamerem Erfolge, als Bittge-