Mannheim
Compact Memory

Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1848-04-02 · Heft 14 (2.4.1848) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 14 (2.4.1848)
Date
1848-04-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2566751-2567071-2567085--3071-2570990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

108 Nur dann, wenn dem Dorurtheil, dem Religionshaß, dem Fanatismus, der Verfolgungsfucht und der Proselytenmacherei der Boden unter den Füßen weggczogen wird, wenn daß Gesetz für alle Staatsangehörigen gleiches Maaß und Gewicht hat, wenn der Lust an der Unterdrückung jede Gelegenheit und jeder Vorwand, vor Allem aber jedes Object geraubt wird, wenn man der Hydra der Glaubensinquisttion keine Beute mehr übrig läßt, vor Allem, wenn man die Menschen als Freie und nicht als Sclaven als gleichberechtigte Brüder und nicht als abgesonderte Kasten, wenn man sie als Sehne desselben Vaterlandes behandelt und nach ihrem innern Werthe und ihrer Tüchtigkeit statt wie bisher nach ihrem Glaubensbekenntnisse und ihren religiösen Ansichten und Anschauungen, also fortan weniger nach ihren Meinungen, als nach ihren Handlungen und ihren Gaben, Anlagen und Kräften beurtheilt und berücksichtigt — nur dann wird wahre Eintracht unter allen Landesgenossen herrschen. Co ist denn die Zudenemancipation als ein Theil der Anerkennung der Gewissensfreiheit für alle Deutsche bereits an vielen Orten in das Programm, welches die Forderungen des Volkes enthält, ausgenommen worden. In Baden (Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg, Freiburg im Breisgau u. s. w.), in Würtemderg (u. A. in Stuttgard und Ulm), in Preußen (Köln, Düsseldorf u. s.w.), in Nassau, in Hessen-Darmstadt (Offenbach u.s.w.)' in Kurhessen (Marburg u. s. w.), nicht minder auch in Baiern (zuerst in Nürnberg!), ja selbst in Frankfurt a. M. haben tausende von geachteten und gebildeten Vaterlands- und freiheitsliebenden Bürgern ihre Stimmen für gleiche Berechtigung Aller zur Theilnahme an der Gesetzgebung und Verwaltung im Staate ohne Rücksicht auf ihren Glauben erhoben.*) In Baven hat die Regierung einen Gesetzentwurf über Einführung vollständiger Religionsfreiheit den Stauden binncm Kurzem vorzulegcn beschlossen; in Nassau hat der Herzog bereits Religionsfreiheit zuzestanden; von Marburg aus ist die Trennung von Kirche und Staat überhaupt beantragt, in KÄn allgemeine Nationalerziehung gefordert worden. Was nun die Juden in Deutschland so günstigen Aussichten und zum Theil einer so unverhofft schnellen und großen Erfüllung ihrer Wünsche gegenüber zu thun haben, kann eben nichts Anderes sein, als was jedem andern Deutschen in diesem Augenblicke als heiligste Pflicht obliegt: die lebendigste Theilnahme an den Geschicken des Vaterlandes überall wo sich eine Gelegenheit dazu bietet zu bewähren. Sei es durch Wort, oder Schrift, oder *) Dasselbe ist in Bamberg. Mainz, Nordhausen, Elberfeld, u. Dresden u. in Hessen-Homburg bereits durch eia Gesetz zur Ausführung gekommen. Red. That, oder durch kombinkrte Leistungen auf kiesen Feldern der Wirksamkeit — jeder Jude wie jeder andere Deutsche muß jetzt seiner nächsten Umgebung oder großem Kreisen als Muster oder Beispiel voranzuleuchten streben, damit ein allgemeiner Wetteifer für das Große. Wahre und Gute im ganzen Volke zur Erscheinung gelange. Die deutsche Zeitung und der französische Iustizmimfter. Berlin. März. — Die Deutsche Zeitung glänzt sicherlich als Stern erster Größe am Himmel der Presse. Man kann ihr gewiß nichts Größeres zum Lobe nachfagea als daß man ihr die Entfesselung der Presse aus ihren schmählichen Banden nicht sonderlich anmerkt. So festen und fichem Schrittes wandelte der vortrefflicheGervinuS schon früher seine Bahn, daß er in seiner kühnen Besonnenheit, in seinem wahrhaft loyalen Radikalismus die Cenfur entwaffncte, daß ihre finstern Mächte gegen ihn wehrlos waren. Wir gehören gewiß zu den aufrichtigsten Verehrern von Gervinus und zu den fleißigsten Lesern seiner Zeitung. Er ist namentlich, seitdem er seine Ansichten über den Deutschen KatholiciSmuS und die Preußische Verfassung vom 3. Februar 1847 veröffentlicht, ein Hort deutscher Gesinnung und ein Liebling jedes Deutschen geworden. Seine staatsmännifche Einsicht hat in neuester Zeit Triumpfe gefeiert, Siege errungen, die ihn wahrhaft stelz machen müssen. Um so schmerzlicher muß eS für jeden Deutschen fein, zu sehen, daß selbst ein Mann wieGervinus noch immer einen kleinen Rest deS alten Sauerteiges, der Erbsünde der Deutschen, Antipathien gegen Juden, zu überwinden hat. Diese geben sich bei Gelegenheit der Ernennung Crcmieur's zum französischen Zustizminister zu erkennen. Schon früher fiel unS ein mißliebiges Urtheil über Crcmieur's Privatcharakter in der Deutschen Zeitung auf. va uns als Juden Crrmieur'S Characrer als ehrenwerrh von früher der bekannt ist. Ein charakterloser Advokat, wie ihn die Deutsche Zeitung nennt, unternimmt keine Reise nach Syrien, um die Ehre seiner jüdischen Glaubensgenossen von der Blutschulv zu befreien, sucht nicht im Orient Keime europäischer Gesittung durch Errichtung von Schulen zu verpflanzen, erhält auch in seinem Vakerlande von ganzen christlichen Gemeinden keine Bürgerkrsne für die Lertheidkgung ihres Rechtes, wie sie Cremieur erhalten hat. — Doch schreiben wir diese kleinliche Gehässigkeit auf Rechnung eines ununterrichtetea Correfpondenten und nehmen keine Notiz weiter davon. Ader erstaunen mußten wir als wir einen aus der Oberrheinischen Z«tung entlehntenSchmähartikel über Cremieur in der DeutschenZei» tunglasen. Wir konnten kaum unsren Blicken trauen als wir die von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.