Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 12 (19.3.1848)
- Date
- 1848-03-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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01 Mangelhaftigkeit des alten voraus. Und so hat man sich denn nur zu fragen, worin in dem einen das Unbefriedigende und in dem andern das Mangelhafte seinen Grund habe und wie dieser zu beseitigen sei, damit die aus ibm bervorgcbcnden Uebclständc aufhören? Tic Erfahrung lehrt, daß der Inhalt des bestehenden Gottesdienstes, z. B. die Bitte um Rückkehr nach Palästina, um die Wiederherstellung des jüdischen Staates und Erneuerung des Opfer- und Altardienstcs, mit unfern Ueberzeugungen von der höhern messianischen Aufgabe des Indcutdumv im auffallendsten Widerspruche sei, und dieser Inhalt daher kein lebendiger, treuer 'Ausdruck unserer Ueberzeugungen sein könne. Wenn viele der gegenwärtigen Inden ihre lleberzeugungen unter die von den Vätern historisch überlieferten nntcrvrdnen und den Gottesdienst seinem wesentlichen, prinzipiellen Inhalte nach unverändert bestehen lassen zu müssen glauben, so können sie als historisch treue Söbne jüdischer Vater einen V a t e r dienst, einen Pietats-Cnltns begehen, aber keinen Gottesdienst halten, da dessen Inhalt kein lebendiger, treuer Ausdruck ihrer religiösen Ucberzeugung vom Jndenthnm ist. Wo ein Zwiespalt zwischen den Ueberzeugungen der Vorzeit und der Gegenwart stattfindet, da ist die historische Treue gegen die Vergangenheit eine Verläugnung der Gegenwart, und es ist daher prinzipieller Grundsatz der Reform, die Gottesvcrchrung mit unserer im Jndenthnm wurzelnden Ueberzeugnug wieder Ln Ilebereinstimmung zu bringen. Imglcichen entsprechen die bisherigen Formen den Anforderungen der Gegenwart nicht. Diese verlangen, daß die Formen durch das Coukrcte und Anschauliche, das ihnen eigen ist, den Inhalt von religiösen Vorstellungen dem Gemüthe zur lebendigen Anschauung bringen und durch diese einen krästigcn Eindruck auf dasselbe Hervorbringen. Dies vermögen die herkömmlichen liturgischen Formen tbcils deshalb nicht, weil die religiösen Vorstellungen, die sie veranschaulichen sollen, in unserem Gemüthe sich überlebt haben, theils, wo dies auch nicht der Fall, die Formen, wie z. B. der Posaunenschall am Gedächtm'ßfcst re., nicht geeignet sind, den religiösen Gedanken zur Darstellung zu bringen. Nachdem man noch eine Weile darüber stritt, ob der Inhalt nur belehrend, die Form nur erbauend, oder ob das eine mehr dies, das andere mehr jenes sei und sich dahin vereinigt hatte, daß Inhalt und Form derselben inner» Wechselwirkung, die zwischen Belehrung und Erbauung stattfinde, entsprechen müsse, wurde die Debatte über die dem Gebctbuche zu Grunde zu legenden Fassung des Offenbarnngsbegriffs eröffnet. Der in der Vorlage diesen Punkt betreffende Passus lautet wie folgt: „Tie Idee der Offenbarung ist nur als eine göttliche Erleuchtung des Mcnschcngeistes anfzufassen, durch welche die Schranke der allgemeinen menschlichen Befähigung nicht überschritten wird. Als Zcugniß einer solchen Offenbarung ist die h. Schrift in nnseru Gebeten anfzufassen und mir Ehrfurcht zu nennen. Die Bcralhung beginnt mit dem Anträge des Hrn. Dr. Heß, welcher folgendes Amendement stellt: „Die Offenbarung ist nur als das Gottesbervußtscpn der Väter anfzufassen, mittelst welcher sie sich zu einer wahren Gottcscrkcnntniß erhoben und solche auch durch bestimmte Gesetze und Institutionen bcthätigt haben. — Rebe nstcin meint, es müsse der specicllen Debatte über die vorliegende Fassung ein historischer Abriß der Hauptansichtcn voransgehcn, die mit dem Begriff „Offenbarung" verbunden worden sind. Er deutet die verschiedenen Stadien an, die sich in der Bibel bereits vorfindcn, wie auch die Spuren, die sich in dieser Beziehung im Talmud aufft'nden lassen, und gelangt zu dem Resultat, daß der Begriff „Offenbarung" zu allen Zeiten Schritt hielt mit der Bildung und Erleuchtung der Zeiten selber, bis in der Gegenwart die Ansicht sich hcransgcstellt hat, daß sowohl das Bewußtsein von Gott, wie etwaige von Gott hcrgclcitete Gesetze nur ans dem Wege der Entwickelung des menschlichen Geistes selbst in ganzen Völkern, namentlich aber in unseren Vorfahren sich herausgcbildct. Insofern diese letztere Ansicht in der vorliegenden Fassung enthalten sei, stimme er derselben bei, er finde sie jedoch nicht entschieden genug ausgesprochen. Das Jndenthnm, das Logmenfrcihcit lasse, werde, seiner Ansicht nach, nicht entfernt verletzt, wenn wir in dieser Beziehung uns von der Vorstellung der biblischen sowohl wie der spätcrn Lehrer entfernen; dagegen halte er cs für unzulässig, sich hierüber einer Selbsttäuschung zu überlassen und mit den Vorstellungen der heiligen Schrift in Uebereinstimmung zu glauben. Er müsse daher gegen den zweiten Satz stimmen, welcher ansdrücke, daß die heilige Schrift ein Zcugniß einer „solchen" Offenbarung sei, wie wir sie anfgefaßt, vielmehr sei er