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Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts · 1848-03-12 · Heft 11 (12.3.1848) · page 6

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Journal
Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
Volume
9 (1848)
Issue
Heft 11 (12.3.1848)
Date
1848-03-12
Page
– (sequence 6)
Language
German
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80 die Leser dieses VlattcS von Interesse sein dürften, und ich theile sie Ihnen in der Reihenfolge, wie sie erschienen, mit: 1) Die neue Mittelspartei in der Berliner Gemeinde. Gegen Ende dcS vorigen Jahres traten mehrere Mitglieder der hiesigen jüdischen Gemeinde zu dem Zweck zusammen, bet der bevorstehenden Ausführung des Gesetzes vom 23. Juli 1847 in Betreff der Vorsteher und Vertreter eine gesicherte Majorität an die Wahlmänncr zu bringen. Zn einem, von sechs dieser Männer Unterzeichneten Rundschreiben vom 15. Dcccmbcr v. Z. werden alle beitragenden Mitglieder der Gemeinde aufgcfordcrt, sich zur Theilnahme an Besprechungen und Verständigungen in einer noch näher zu bestimmenden Versammlung cinzustellcn, und cS wird zugleich ausgesprochen, der Hauptzweck der Unter» Zeichner sei, „daß in der hiesigen Gemeinde der ihr als cin Vcrmächtniß MoseS Mendelssohns überkommene Geist der Eintracht erhalten werde." Da M. M. den Berlinern ebensowenig wie ColratcS den Athenern ein Legat der Eintracht hinterlassen, so rügten öffentliche Stimmen thcilS mit ruhigem Ernste, thcils mit bitterem Spotte diese mißglückte Berufung. Jndcsscn hat man über dieser Nebensache eine gewichtigere Hauptsache vergessen: Die Eintracht ist vorgegcbencrmaßen der Zweck und das Ziel dcö Vereins, aber wie kommt eS dann, daß kein einziger Rcformgcnosse mit unterzeichnet ist, ja daß einige der Unterzeichner als sehr eifrige Gegner der Reform bekannt sind? CS sind hier, wie im Schooßc so vieler andern jüd. Gemeinden, zwei schroff gegcncinanderstchcnde GlaubcnSvcrbändc: Der alte Verband der orthodoxen Eercmonialgläuvigcn, und der neue Verband der Reformgenossenschaft; die Urheber dcS Rundschreibens vom 15. Dcc. v. Z. wollen vermitteln um die Eintracht ererhalten: was mußte demnach ihre heiligste Aufgabe sein? sich rechtü Männer der einen Farbe und links Männer der andern Farbe bcizugcscllen; sie mußten, wie bei jedem Streite zwischen zweien, rechts und links zurcdrn, begütigen, aus gleichen und vergleichen, kurz, sic mußte» sich wie die Wahrheit in die Mitte legen, Zugeständnisse von den Alten unv Zug. von den Reuen erwerben, mit einem Worte, sie mußten durch eine vcrhältnißmäßig gleiche Anzahl von Orthodoxen und Reformern ihr eigenes Vorgebcn von Eintracht bezeugen! Fair play! Rach der Bürgschaft, die auS dem bekannten Streben ewiger Unterzeichner hnvorgeht, und nach dem Eommentar, der in der Sven. Z. vom 6. Jan. gegeben wird, scheint eS, daß man nur eine kurze Eintracht will, um die Zwietracht zu verewigen! Man will die alte ehrliche Orthodoxie herbeiziehen und sie vermögen, gemeinschaftliche Sache mit der neuen Orthodoxie zu machen, damit eine Gemcindewahl zu Stande komme, in Folge deren die Reformgcnossen für immer auSgeschieden bleiben müssen, und ist dies Ziel glücklich erreicht, dann kann auch wohl jene alte Orthodoxie. um deren Gunst jetzt geworben wird, zur entgegengesetzten Thürc hknausgcschobcn werden! Wenn dies der Plan der Unternehmer ist, was man nach obigem Bedenken fast annehmea dürste, so 'glauben wir, daß dieses Unternehmen scheitern muß oder wenigstens zu scheitern verdient. Beinah 8 Wochen sind seit dem Datum jenes CircularS verflossen , und noch ist die beabsichtigte Versammlung nicht zu Stande gekommen. Wir wünschen, sic möge stattsinden, wünschen aber auch, daß Männer darin hcrvortreten mögen, die vor Allem strenge Rechenschaft über den Zweck und über die Grenzen eines Vorhabens fordern, welches bei seinem Ausgangspunkte schon mit sich im Widerspruche ist. Vielleicht wird Schreiber dieses bald das Publikum über daS Dasein und die Grundsätze einer seit 3 Jahren in Berlin sich geltend machenden Verbrüderung aufklärcn. Diese sog. „ böhmischen Brüder " sollen bis heute noch das richtige Vcrhältniß zwischen ihrem Sprechen, Schweigen und Thun angcben. Ihr Sprechen besteht in Verkleinerung und Verfluchung der Reformketzer; ihr Schweigen hat die eigene Richtung und deren Gründe zum Gegenstände; ihr Thun ist ganz mit dem Thun eben jener Ketzer übereinstimmend. — F. Lt. 2) Jüdische Angelegenhheit. In der gangbaren Weise gewisser ZeitungS-Eorrespondenzen ist nun auch in der „Berliner Zeit.-Hallc" ein F. Lt. aufgetreten, welcher die beabsichtigte Gründung eines Mittelpunktes zu Besprechungen über jüdische Gemeinde-Angelegenheiten als eine Wahlagitation zu denuncircn sich nicht cntblödet. Den hohen Behörden, welche dergl. Erpectorationcn würdigen werden, vollkommen vertrauend, ist cS mit Zuversicht, zu erwarten, daß bei Organisirung der Berl. Syn. Gern. und der ersten Wahl der Repräsentanten der Gem.-Mitglicecr vollständig die Freiheit und Selbstständigkeit vergönnt fein wird, welche im Geist dcS Gesetzes vom 23. Juli 1847 liegt. Wenn die jüd. Gemeinde nun danach strebt, der That und nicht bloö dem Namen nach eine religiöse und keine politische zu sein, wenn sie danach strebt, die Gemeinde als Gemeinde zu erhalten, so darf Alles, was dieses Streben kräftigt, wohl dcS Beifalls jedes Wohlgesinnten gewiß fein, und so hat denn auch das von F. Lt. so höhnisch angegriffene Unternehmen schon gegen 800 Theiknchmer gefunden Welche Verpflichtung die jüd. Gemeinde gegen eine Anzahl von Individuen hat, die dem Worte und der That nach eine andere alS die überlieferte jüd. Religionslehre bekennen, und sich mit

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