Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1848)
- Date
- 1848-03-12
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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@5 entwerfen; und besäße ich auch die unerhörte Dreistigkeit deS „blutjungen" »NcligionS-und VolkslchrerS, Predigers und Nab. Linen", Dr. Salomon-Friedländer, ich getraue gegenwärtig meinem Urtheile keine Sicherheit zu, es müßte denn sein, daß ich, wie eben dieses liebe junge Blut, mir Text und Disposition anderswoher entlehnte. Zndeß ist doch kein Gemeindeleben so arm, daß nicht irgend eine bemerkcnswcrthc Episode wenigstens zuweilen zum Vorschein käme. Eine solche will ich Ihnen heute mittheilen. Vor einigen Monaten halte die hiesige altgläubige Partei, wie ffe wohlgefällig sich selber nennt, eine Religionsschule gegründet, die mit vieler Aufgeblasenheit sich ankündigte. Die berühmten Pädagogen und Redner, die Herren Ti kt in und vr. Grätz, und noch ein drittes langhaariges Züngelchen, von dem ich nicht weiß, ob es an Berühmtheit den beiden Genannten Nachsicht, bildeten das Lehrcrcollegium, und es dauerte wirklich nicht lange, so saßen an hundert bekäppelte, bemützte und behütete Kinder in vcm schönen Professorbause auf der Graupengasse zusammen und erhielten »acht judenthümlichc» Unterricht". Wir freuten uns ungemein über diesea neuen Sieg des Fortschritts und erkannten abermals, wie sicher wenn auch allmahlig die Geigcrsche Wirksamkeit an Ausdehnung gewinnt. Allein alle Schrecken eines polnischen ChederS wurden bald in dieser Schule sichtbar, die meisten Eltern hörten alsbald auf, ihre Kinder hinzuschickeu, sie wurde aus dem Profcssorhause vertrieben und floh mit den letzten Lappen und Lumpen, die ihr geblieben in das dunkelste Gäßchcn Breslaus, um dort den Bli« ckea der Beobachter entzogen zu sein. Dort liegt nun die Arme und kämpft einen entsetzlichen Todcskampf; o wolle Gott ihr das letzte Stündlein segnen! Zugleich mit dieser traurigen Nachricht von dem sturmschnellen Hinsterbcn dieser Schule ist hier allgemein auch wiederum daS Gerücht von ihrer baldigen Auferstehung verbreitet. Es heißt nämlich, die altgläubige Partei, entrüstet darüber, daß die Leiter der Schule dieser die Altgläubigkeit gar zu stark ausgcdrückt, und sie förmlich zur Camkatur gemacht haben, entziehe der Schule alle Unterstützung, um sie den gräulichen Hungertod sterben zu lassen, wolle aber nach ihrem Ableben sie neu erflehen lassen unter der Leitung und Obhut eines hier allgemein geachteten Gelehrten, des Hrn. vr. Munk. Herr Munk ist hier als Lehrer an der königl. Wilhelmsschule angestcllt und lebt treu seinem Berufe, still und zurückgezogen. Aber Jedermann weiß vom Herrn Dr. Munk, daß er thatsächlich sich von dem ganzen jüdischen Cercmonialwcsen los. gesagt, daß er weder Speisenoch Eabbatgesetze beobachtet. Herr M. macht auch kein Geheimniß daraus, und er soll sogar der altgläubigen Partei, als ffe mit ihm in Verhandlung trat, offen erklärt haben, daß er auch als Rcligiouslehrcr ihrer Kinder fich in seiner Lebensweise nicht werde beeinträchtigen lassen. Wir achte« und ehren darum Herrn vr. M. und würden, falls wir zu seinen theologischen Kenntnissen Zutrauen hätten, keinen Augenblick Anstand nehmen, ihn als Ncligionslebrer unserer Kinder zu bestellen. Aber unsere Orthodoxen deren Religion kn nichts anderem, als eben diesem Ceremonial besteht; unsere Ord-odoren, die einen Kampf auf Tod und Leben für diese Religion zu führen unternommen, dürfen sie Herrn M. das Seelenheil ihrer Zugend anvertrauen? O, unsere Orthodoxie ist altersschwach und blödffmrkg geworden, man muß ffe unter Vormundschaft stellen, und einen fremden Verstand für ffe werben, um ffe vor dergleichen compromittirenden Mißgriffen nr schützen. Zch will mich umthun, will beten für die arme Schwachsinnige, daß es besser mit ihr werde, daß sie entweder ihre alte, ächte ureigne Gestalt wieder annehme oder in Ehren von hinnen scheide. Adieu. in Gottes Namen! — Apropos, wenn Sie Herrn Professor Delitzsch treffen, ich lasse ihn herzlich grüßen; wenn er einst den Rostoker Orthodoxen zu freisinnig geworden, will ich ihn der hiesigen altgläubigen Parei als Religionölehrer empfehlen. — Fortschritte und Mißbrauche. Aus dem Waldeckischen. — Auch bei uns brechen sich die gottesdienstlichen Verbesserungen Bahn; namentlich macht in A — f. der Vorgesang Fortschritte und am letzten VersöhnungSabend ward statt des Lol Nidre das bekannte schöne Lied von Stein gesungen. Auch beim Gebete hat ssch daS deutsche Element schon Eingang in unsre Synagoge verschafft. Hingegen sseht cs in einigen Gemeinden des bcnaä,barten WcstphalenS noch arg aus. Man versteigert dort noch lustig die Mitzwoth; gefällt, sich in der alten Unordnung und stimmt mit den Vorsängern in die profansten Gassen-Melodieen ein. — Einige Maßnahmen der Waldccker Regierung lassen auf eine baldige Revision der jüdischbürgerlichen Verhältnisse schließen, bei welchen man wahrscheinlich das preußische Zudcngesctz zu Grunde legen wird. — Von vr. Rothschild in Hamm erscheint demnächst eine Schrift unter dem Titel: »Die Symbolik, Dogmatik und Ethik deS ZudenthumS; sie soll namentlich der Widerlegung einiger auf dem preußischen Landtage gefallenen Aeußerungen gewidmet sein. Stimmungen in Berlin» Von der Spree. Zn der Beilage der Berliner ZeiiungShalle vom 6. 11. und 13. Februar sind mehrere Zeitungsartikel über jüdische Gcmeindcverhältnr'sse erschienen, die, weil ffe die in der Gemeinde herschcndcn Stimmungen charakteriffre», fl»