Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1848)
- Date
- 1848-03-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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64 kompetenten Rabbiner oder Prediger wissenschaftlich vertreten wird, daß die erleuchtetsten Gemeindcmitglieder in dem Irrthum befangen sind, nur die herkömmliche Orthodoxie als historisch berechtigt, die Reform hingegen, ich meine das religiöse Bedürfnis der Fortgefchrittenen und Gebildeten, als völlig unberechtigt zu glauben. Wenn sie für ihre Person das Ccrcmonialgefttz nicht halten, so betrachten sie die Uebertrctung desselben als einen Act ihrer indivirucllcn Freiheit, meinen aber, daß sie in Bezug auf öffentliche und Gemcindeangelegenheiten, wie z.^T. die Einrichtung des öffentlichen Gottesdienstes rc., die Orthodoxen und ihre gewissenhafte Anhänglichkeit an die diktatorischen Aussprüche des Schulchan-Aruch vollkommen allein gewähren lassen müssen. Wir nennen diese Vorstellung deshalb einen beklagcnswcrthen Irrthum, weil das religiöse Bedürfnis der Fortgeschrittenen nicht minder berechtigt ist als das der Orthodoxen, weil Las .Gewissen der Gebildeten in der Wagschale der Gerechtigkeit eben so schwer wiegt als das der Ungebildeten. Man hat sie gewöhnt, die Orthodoxie wie ein krankes Kind zu behandeln, dem man Alles nachgeben müsse, selbst die eigene religiöse Befriedigung nicht ausgenommen. Allein cö ist nun endlich an der Zeit, daß die Orthodoxen einsehen lernen, daß die Gerechtigkeit mit zur Religion gehöre, daß die gebildete religiöse Anschauung auch gleichen Anspruch auf Befriedigung habe, gleich der ungebildeten. Es ist nun an der Zeit, sagen wir, daß die gcbildetern und fortgeschrittenen Gemeindeglieder einsehen lerncn, wie sic gegen sich selber gewissenlos handeln, wenn sie ihre eigene religiöse Befriedigung, wenn sie die Anforderungen, die sie an die öffentlichen Institutionen zu machen berechtigt sind, fort und fort den Orthodoxen aufopfern. Man kann freigebig fein mit seinem Vermögen, aber nicht mit seinem religiösen Gewissen, nicht mit seiner Ueberzcugung. Wenn der Jndifferentismus eine Sünde, wenn er mit Recht als eine schlaffe Gesinnungslosigkeit bezeichnet wird, so liegt das Sundliche darin, daß man auch die Befriedigung seiner höhern Bedürfnisse, seines unveräußerlichen Gutes, kalten Sinnes verzichtet und sich noch darauf zu Gute thut, dem religiösen Bedürfnis Anderer'das Seinige geopfert zu haben. Wo eia erleuchteter Rabbiner mit einer klaren Ueberzeugung, unterstützt von einer wissenschaftlichen Bildung, aufrichtig für den religiösen Fortschritt wirkt, muß es ihm alsbald gelingen, dieses Bewußtsein in seiner Gemeinde zu wecken, seren von der Berechtigung seiner Uebrrzeugung. seiner Bedürfnisse zu überzeugen, und er endet damit, die Reihen der Orthodoxen, unter denen viele nur aus dumpfer Gewohnheit Anhänger des krassen StabilismuS sind, zu lichten und bei den Gebildeten rin lebendiges Interesse für den Fortschritt anzuregen, in welchen er sich die treuesten Bundesgenossen, die wackersten Mitkämpfer mit der Zeit heranbildet. Freilich entstehen dadurch Conflicte in der Gemeinde, wo jede Partei kür die Geltendmachung ihrer Ansicht kämpft, aber eS entsteht auch Leben und diese Kämpfe, vor denen keine Gemeinde mit gesunden Lebenskräften sich be. wahren kann, sind der nothwcndige Bilrungsproceß, anS welchem die neuere Zeit geboren wird. Mit unserem Rabbiner, Hm. Or. Zsaakösohn, ist leider dies nicht der Fall. Ein Pflegling der Orthodorie zu Frankfurt a. M.. ist er noch immer in deren Zauberkreis gebannt, und obschon aus eigener Neigung dem Fortschritt zugethan, fehlt es ihm an wissenschaftliche.- Bildung und Klarheit der Ansicht, wie auch an persönlichem Muth und Energie des Charakters. um sich aus jenen Banden zu befreien. Soweit ich die innern Zustände unserer Gemeinde zu beurtheilen im Stande bin, halte ich mich überzeugt, daß das Heil für sie nur von einem erleuchteten und energischen Rabbiner kommen kann. Freilich wird er fürs Erste einen harten Kampf mit einigen Zeloten zu bestehen haben, aber der Kampf wird sicher zum Ziele führen. Ich würde an Besserung unserer Zustände verzweifelnd, dies nicht geäußert haben, wenn nicht dadurch, daß unser Rabbiner zum Nachfolger Hirsch'S in Emden gewählt wurde, unsere Gemeinde bald wieder auf dem Punkt stände, das Rabbinat zu besetzen. — Von dem dritten Vorstandsmitglieoe muß ich Ihnen noch berichten, daß cs dem Fortschritt im CultuS aufrichtig huldigt und mit der Pietät für das Alte eine wahre Gottesfurcht und Frömmigkeit verbindet, den erleuchteten Ideen sehr zugänglich ist. Ein dem Fortschritt huldigender unv auf die religiöse Gesinnung überzeugend einwir« kender Rabbiner könnte mit diesem höchst achtbaren Vorstand auS. gezeichnet wirken und unsere Gemeinde zu einer Mustergemeinde heranbilven. Geben wir der Hoffnung Raum, daß dies einst noch der Fall sein werde. BreSlanee Zustände. v. Breslau im Februar. — Wäre ich Hr. Wolfgang Menzel in Stuttgart, würde ich die hiesigen Eemeindezustände als in einem „gefunden Pflanzenschlaf ruhend", wäre ich ein Anhänger der historischen Schule in der jüd. Theologie würde ich sie als m einem „unbewußtenFortfchreiten", in einer „wohlthätigev, wen» auch nicht bemerkbaren Entwicklung" begriffen, erklären; da ich aber weder Hr. Wolfganz Menzel in Stuttgart noch ein Anhänger der historischen Schule, sondern etwas von dem vielen Andern bi» was man eben sein kann, ohne Menzel und ohne Schüler der historischen Schule zu sein, so kann ich die hiesigen Gemeindeverhält, niffe nur mit dem. Jedem verständlichen Ausdruck: unerquicklich, unbehaglich bezeichnen. Ich unterlasse es daher über dlefe zu berichten, »eil rS mir. nicht möglich wäre ein getreues Bild zu