Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1848)
- Date
- 1848-03-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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wider seinen Willen belegte Recht der Entwickelung , zeigte aus ihm nach, um die Behauptung zu bekräftigen, daß wir nun nicht etwas Neues wollen, sondern die tiefere Kraft des Judcnthums zu allen Zeiten die innerste Triebfeder gewesen, .Laß das Recht der Entwickelung, wenn auch bestritten, doch immer gcherscht habe." Tieft Auffassung begeht den doppelten Fehler, daß sic einerseits dem talmudischcn Judenthum eine Beweglichkeit und Entwickelung cinräumt, welche dieses selbst sich nicht zugesteht, also in ihm, weil der Idee, weil des Bewußtseins ermangelnd, auch nicht in Wahrheit vorhanden ist , andererseits aber, der Schrift gegenüber, der Autonomie des Geistes ihr Recht, wenigstens ausdrücklich nicht zuspricht, obgleich davon auf das Entschiedenste Gebrauch gemacht wird, denn wer berechtigt sonst die historische Richtung das gesetzlich-priesterliche Judenthum des Pentateuchs, als ein solches zu erklären, in welchem die Idee noch nicht in ihrer vollen Reinheit hcrvorgetrctcn? Auch unterläßt cs Geiger der Reform bestimmten Kennzeichen von dem was bleibend und was wechselnd ist, an die Hand zu geben. — Dieses thut nun Holdheim — durch sein Prinzip der Trennung des Religiösen vom Politischen, zu welchem er später, ergänzend und erläuternd, noch den Unterschied zwischen dem relativ und absolut Religiösen, dem symbolisch und sittlich Heiligen, dem theokratischcn und dem universalen Licbesblmdniß zwischen Gott und Menschen hinzufügte, wie er denn auch mit Recht den Talmudismus als zur Basis für die Reform durchaus untauglich bezeichnet, weil er kein liberales Prinzip in sich trägt, weil er nichts als ein knechtisches Sickfügen und Schmiegen an den Buchstaben ist." Allein auch hier tritt uns die Frage entgegen: Wer giebt uns denn das Recht zu jenen Unterscheidungen, da sie weder das mosaische, noch das prophetische Judcuthum macht, Holdhcim aber zwar die Autonomie der Rabbinen bestritten, aber noch nicht sich für die unserer fortgeschrittenen Vernunft — dem pcntatcuchischen und prophetischen Judenthum gegenüber — erklärt hat. — Dieses scheint auch S. Hirsch bei dem Angriff auf das Holdheimsche Reformprinzip und der Aufstellung des seinigen gefühlt zu haben, wenn er*) ausführt: Die Religion ist den Menschen um der Menschen willen gegeben, daß der Mensch sein innerstes Gcmütbsleben in der Religion erfasse und zum Bewußtsein bringe. Je reicher, tiefer und umfassender daher unsere Weltanschauung, um so reicher, tiefer und umfassender erkennen wir dieses unser Selbst. Ein jeder Fortschritt, eine jede neue Erkenntniß, eine jede neue Erfahrung, welche uns unsere Weltanschauung zu berichtigen nöthigr, nökhigr uns daher auch unsere Anschauung von uns selbst, von unserem'^ besseren idealen Sein zu berichtigen. — Auf den Einwand, wie die religiöse Auffassung wechseln könnne, da sie doch von Gott der Menschheit mitgethcilt worden, erwiedert dann Hirsch: „Das wäre ein schlechter Lehrer, der ein Kind schon Philosophie lehren wollte, und so ist cs Gotteslästerung zu behaupten Gott habe in der frühesten Zeit die Menschen schon das gelehrt, was jene Zeiten gar nicht zu fassen vermochten, was zu fassen erst die Entwickelung von Jahrtausenden nöthig war." Hieraus wird nun weiter gefolgert, „daß wir mit unserer heutigen Weltauffassung mit dem mosaischen sogenannten Eeremonial- und Rüualgcsetz in Widerspruch gerakhen sind, daß wir aber nichts desto weniger im Mosaismus noch einen Keim entdecken, der damals und auch in der späteren Zeit nicht vollständig zur Entfaltung gekommen, und den reicher zu entwickeln, als cs bisher möglich war, gerade unsere heutige religiöse Aufgabe sein muß." Diese pädagogische Auffassmig von Hirsch hat bereits in der christliche» Theologie eine Stelle, aber auch längst ihre Widerlegung gefunden. Nimmt man nämlich, wie jener eine MirtHeilung der höheren Neligionswahrheiten durch Gott, also immer eine übernatürliche Einwirkung auf den Menschen (Offenbarung^ an, so wäre es gerade „Gotteslästerung" zu de- Haupte», daß Gott in dieser Mittheilung durch die Fassungskraft der damaligen Menschen beschränkt gewesen, da cS ja seiner Allmacht ein Leichtes war, diese auch plötzlich so weit hinaufzubringen, daß sie die ganze Fülle der ihnen zu offenbarenden Wahrheiten erfassen konnten. — Nein! allen jene drei Reformprmzipien trifft noch heute der noch nicht widerlegte Einwurf von Samson Raphael Hirsch, (zweite Mittheilung über die neueste jüdische Literatur): wenn nun aber die Schrift selbst es nicht ausspricht, daß Alles, *) Reform. Zeit. Nr. 10.