Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1848)
- Date
- 1848-02-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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sich um dieselbe Ansicht, über welche die Talmudgelehrten uneins waren. Der eine Soldat hält dafür, die Nacht sei zum Gesetzstudium geschaffen und nahm die entbehrlichen Betten, der andere Soldat hält es aber mit demjenigen Talmudistcn, welcher behauptet, daß die Nacht zum Schlafen gefchaffen sei, und konnte ihm die Bücher nehmen. Die Anwendung sei folgende. Im Nabbinaiscollegium stritt man sich darüber, was denn eigentlich zur Würde der Morenu befähigt. Der talmudischgetehrte Qettinger gab natürlich der Gelehrsamkeit den Vorzug, der fromme Dr. Sachs eben so natürlich der Frömmigkeit. Das dritte Mitglied, keiner selbststänvigcn Ansicht fähig, schwankt Zwischen beiden. Bei Muhr siegte die talmudische Gelehrsamkeit, bei seinem Nachfolger die fromme Unwissenheit und beide erhielten die Morenu, ohne daß das Rabbinat der Inkonsequenz zu zeihen ist. — Nicht wahr, die Sache ist pikant, Schade nur, daß der geistreiche Muhr diesen Streit nicht erlebte, er würde ihm eine angenehme Stunde bereitet haben. Die Klagen des U5r. WrsL. (Berlin im Januar.) — Am Schluffe eines langen gegen S. S. Rapoport gerichteten polemischen Aufsatzes im L. B. des Orients 5!. 44—49 v. v. I., der weniger feines Inhalts wegen, der den gelehrten Swcit über das am Festtage gelegte Ei an Dichtigkeit kann: überlreffen dürste als vielmehr seines in der Wissenschaft wahrhaft unerhörten Tons und seiner orgincllcn Haltung wegen viel Aussehen unter den Gelehrten erregte, stimmte Herr Dr. Fürst bittere Klagen über die allgemeine Entsittlichung unserer jüd. Zustände an. Ehe wir diese unfern Lesern zum Besten geben und mancherlei Fragen daran knüpfen, wollen wir ein wenig bei der Veranlassung verweilen, die dem ticfgckränktcn und beleidigten Dr. Fürst solche Klagen erpreßte, die nicht blos für jeren Leser unerwartet scheinen müssen, sondern auch uns selbst, uns, die wir doch die öffentliche literarische Wirksamkeit des Hrn. Dr. Fürst seit 8 Zähren beobachten, höchlichst überraschten. Wir theilen ganz die Entrüstung des Herrn S. Fürst über die Entehrung und Entwcrthung der jüd. Literatur durch polnische Bettler, denen sie, nachdem alle andere Schnurrbriefe bei den deutschen Juden nicht mehr ziehen wollen, als ein von den heiligen Ucberrcftcn res jüdischen Altcrthums für sie ausgestellter Bettelbrief gelten soll. Wir bedaurcn dies um so mehr als mein hochgeschätzter geehrter Freund Dr. Geiger mit seinem melochofnaim hierzu den Neigen erössent und dem ehrenvollen Wege d r soliden Buchhandlung, der allen seinen in deutscher Sprache abgefaßtcn Schriften bercüwillig sich öffnet, die Herausgabe desselben durch den jüdischen Bettler Wllzlg vorgezogen, welcher nachdem die literarische Bettelei bei Juden nicht mehr ausrcichen wollte, das Wechselgcschäft bei Judcnbckehrcrn versuchte und mit seiner Familie die heilige Taufe nahm. — Nicht minder gerechtfertigt scheint uns der Vorwurf daß man auf solchen Wegen Schriften ans Tageslicht zieht, deren Inhalt größtentheils dem Gebiete der Kasuistik angehörcn, die Kenntiüß der Literatur und der Ge' schichte des Judenthums zu fördern nicht geeignet sind, daß man ihre Herausgabe nur befürwortet, um sie bev orworten zu können. Eben so gerecht finden wir, was Herr Dr. Fürst über die kindlische Eitelkeit und Sclbstbcspicgelung Napoports sagt, über dessen maßlosen Dünkel, mit welchem er alle andere Leistungen auf diesem Gebiete als Plagiate betrachtet. Ganz treffend hat Herr Dr. Fürst ,ie Verzärtelung und Verweichlichung NapoportS von Seiten feiner jüngeren Bewunderer geschildert u. dessen Gereiztheit gegen die deutsche Sprache ans dem Unvermögen, sich ihrer bei schriftlichen Arbeiten zu bedienen, erklärt. In allen diesen und noch ähnlichen Erscheinungen steht Herr Dr. Fürst die traurige» Folgen der aüjc!”einni Entsittlichung unserer Zeit. Zustände, über die er sich, gewiß zum nicht geringen Erstaunen unserer Leser in folgender Weise äußert: „Es ist wahrlich keine modische Alltags-Hyperbel, wenn ich den einschneidenden Ausspruch wage, unsere jüdischen Zustände und Verhältnisse als verderbte und entsittlichte zu bezeichnen, und wird wohl Niemand mich des Mangels glaubcnsgenossi'chcn Mitgefühls an* klagen, wenn ich der Klagende auch der Mitlcidcndc bin. Nufere erste Entsittlichung liegt in der noch immer tiefwurzelnden rabbinischen Anschauung, welche ein Jahrhundert des Fortschritts, der Aufklärung, der Bildung und der Umkehrung aller Verhältnisse noch immer nicht zu bannen vermochte. Es ist jene orientalische talmudische Anschauung, die von den Hüllen der Ideen, von den kleinlichen, unwichtigen, cngherzigcnund mikrologi sch en Formen nicht lassen kann; cs ist jene klciiigcisterischc, pedantische Anschauung, die geistcigen der Engherzigket und Geringfügigkeit, auf der weltbewegenden ' Stufenleiter, welche von der Form zum Geiste führt, noch mcht? einmal die erste Sprosse zu betreten versuchte. Wie einst der; talmudische Rabbi durchs ganze Leben äußerliche, schale zufäl- I lig gegebene Formen ohne Aufschwung und pedantisch besplitterj richtete, wie jene talmudische» Haarspalter den Geist verhüllten, um in abgeschmackten Aeußerlichkcitcn, in mikrologischcm Kram zu klcincln, eben so handeln unsere heutigen Nachkömmlinge jener Klcinkramer, die zwar die äußere Form von Versammlungen und Concilien abgelauscht, ohne jedoch den Geist, die Idee ' anzurufen, ohne die Leichenhülle der Form abzuschütteln