Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 9 (1848)
- Issue
- Heft 8 (20.2.1848)
- Date
- 1848-02-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ncihe von Zähren die Stunden verwendet, weiche ihm seine Berussgelchäste übrig gelassen." Von einem Prospectus lasst sich freilich keine größere Bestimmtheit in rer Darlegung und Begründung des Bedürfnisses der angekündigtcn Erscheinung erwarten. Hoffen wir, daß der! geachtete Verfasser, dessen Studien dem liturgischen Gebiete mit! besonderer Vorliebe sich hinzuneigen scheinen, in der Einle.tung über die so allgemein hingestellten Begriffe, wie: religiöses Bewußtsein der Gegenwart", zeitgemäßer Gottesdienst", „dringendes Bedücfniß der Zeit" :c. klarer» Aufschluß geben und, was die Hauptsache ist, diesen Bedürfnissen durch Las neue Gebetbuch Befriedigung verschaffen wird. Der MvrenusrreiL, das NabbirraL in der Klemme. Berlin im Febr. — ES wird Zhncn schon gemeldet worden sein, daß das hiesige orthodoxe Nabdinat dem seligen Z. Muhr nach dem Tode die ausgezeichnete Ehre erwiesen, ihm die Würde des Gelehrten und Frommen, die Morenu, zu verleihen, aber vielleicht noch nicht, daß dieser Triumph, den die Gelehrsamkeit über dicFrömmigkeit, zu deren Schaar bekanntlich Muhr nicht zählte, davon trug, die höchste Mißbilligung der Orthodoxen gefunden. Vergebens suchte man diese mit Anführung von ähnlichen Anteccdcnzicu zu beschwichtigen. Nein, riefen sie, grade in dieser Zeit der reformistischen Ketzerei durste ein Anhänger der Reform nicht mit der höchsten Krone der Frömmigkeit, mit der Morenu, beehrt werden. Wäre der Verstorbene nur ein gewöhnlicher Apikores, ein ✓XYJ» y^'H5 im herkömmlichem, historischen Sinne, ein GcsetzcSübcrtreter aus Sinnlichkeit, aus Wcltlust, nun, das hätte nicht so viel zu bedeuten, da man noch immer dabei ein eifriger Gegner, ja ein leidenschaftlicher Verfolger der Reform sein kann. Aber einem grundsä tzlichcn Reformer, einem Manne, der seine Gelehrsamkeit, sein gewichtiges Urihcil in die Wagschale der Reformer legte und mit seinem Einfluß ihren Besircbnngcn diente, einem solchen Manne die Morenu, die Zierde des Orthodorcn, geben, das heißt die Orthodoxie compromittiren, blamircn, prostituircn, sie moralisch vernichten. So wuchs der Strom des bitiern Tadels immer mehr an bis ein späteres Ereigniß, das kurz darauf folgte, ihn endlich ganz aus seinem Bette trieb und in derRosenstraße eine förmlicheUeberschwemmung anrichtete. Wenige Tage nach Muhr'S Bestattung starb nämlich ein sehr frommer aber zugleich unwissender Jude, dem dasselbe Rabbinat, in der guten Absicht, daö zwischen der Orthodoxie und drr Gelehrsamkeit gestörte Gleichgewicht wieder herznstellcn, gleichfalls die Morenu gab. Man muß gestehen, daß die Diplomatie drS Rabbinats gut berechnet war. Hatte bei Muhr die Gelchrfamkl -L über die Orthodoxie den Sieg davon getragen, so sollte bei seinem Nachfolger die Frömmigkeit über die Gelehrsamkeit ihre Triumphe feiern. Allein der Erfolg hak die gerechteste Erwartung getäuscht, und die Orthodoxen waren noch unzufriedener nach dem zweiten Schritt als nach dem ersten. Die Morenu, schreien sie, sinkt tagtäglich im Preise, so daß ihr Besitz bald aushören wird, ein nothwendigcs Requisit des Rabbinats zu fest:. Weder Frömmigkeit noch Gelehrsamkeit sind nöthig, um mit ihr, wenigstens nach dem Tode, belehnt zu werden. Das Rabbinat falle aus einer Inkonsequenz in die andere und währendes früher die Gelehrsamkeit so hochstellte, daß es über den Mangel der Frömmigkeit hinwegsah, gab cs später einem Unwissenden die Morenu. Man stellte ein Dilemma, einen f. g. .">22 “]550J auf: Was ist es, fragt man, das zur Würde der Morenu befähigt? Ist cs Frömmigkeit, warum erhielt sic M.; ist es Gelehrsamkeit, warum gab man sie einem Unwissenden; sind es beide zusammen, so durfte sie keiner der Verstorbenen erhalten; ist eines von beiden, Gelehrsamkeit oder Frömmigkeit, hinreichend, nun so müssen alle unwissenden aber orthodoxen ZuLen die Moren u bekommen! Dieses letztere Argument ml absurdum schien besonders schlagend und das Rabbinat befand sich in der Klemme, der es wahrscheinlich lange geblieben wäre, hätte eS nicht ein witziger Defensor übernommen, cs aus derselben zu befreien. Die Sache kursirt hier als eine Anekdote und ich will mich bemühen sso gut cs angeht sie Ihnen getreulich wieder zu geben. Der Defensor bediente sich einer Parabel. Zn einer polnischen Gemeinde, erzählt er, habe der Gemeindevorstand einen armen aber gelehrten Zuden, der mit seinen Beiträgen zur Gemeindckasse im Rückstand war, durch zwei Soldaten pfänden lassen, die ihm, der eine die Betten, der andere die Bücher Wegnahmen. Der Gepfändete beschwerte sich bei dem Vorstände. Zm Talmud, sagt er, streiten sich zwei Gelehrte darüber, ob die Nachr zum Schlafen oder zumStutiren geschaffen sei. Unter diesen streitigen Ansichten, meint er könne doch nur eine die wahre sein uns der Vorstand sich nur für die eine oder die andere entscheiden. Sei nun die Nacht zum Schlafen, so dürfte man ihm nicht die Betten wegnchmen, ft! sie aber zum Studium geschaffen, so war cs unrecht, ihn> seiner Bücher zu berauben. Der Gemeinde-Vorstand, sagt er, sei ganz in derselben Klemme gewesen, wie das Berliner Rabbinat, dis ein in der talmndifchen Jurisprudenz bewanderter Casuist ihn aus derselben erlöste. Dir beiden Soldaten, welche den gelehrten Juden gepfändet, sagte er im wohlbekannten talmudr'fchc» Auögleichungsssnne, streite»'