Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 51 (19.12.1847)
- Date
- 1847-12-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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404 chen Mitgefühls und aller wahrhaft thcilnehmcnden Menschenliebe entblößt zu fein scheinen. Was man auch gegen unsre Zeloten sagen mag, so verschroben und zugleich so lieblos sind sie wahrhaftig nicht. Hören wir nur weiter: „Entweder der Jude will nicht mehr Jude sein, — und will er das, was hindert ihn noch durch die Taufe sich der christlichen Kirche cinverlcibcn zu lassen, um an ihren Segnungen und Wohlthaten Antheil zu nehmen? „Also sich taufen lassen, ohne Christ sein zu können oder zu wollen, blos der materiellen Vortheile wegen. Aber es kommt noch besser. „Hat er erkannt, fährt Hr. St. fort, daß sein Glaube ihm die Befriedigung nicht gewährt, :ic sein Herz bedarf, daß insbesondere die Lehren des Talnuds eitel Mcnschensatzungcn sind, darunter das Herz sich naget und Plaget, und dennoch nicht wahren Frieden crzaget (wie poetisch!), was bindert ihn zu achten auf das prophetische Wort bis der Tag anbricht und dcrMorgenstcrn aufgeht in seinem Herzen? Also wenn der Jude auch nicht von der Wahrheit des Christenthums sich überzeugen kann, wenn er im Gegenthcile die Göttlichkeit der Bibel erkennend von ganzem Herzen dem Gotte der Väter anhängt, aber die Lehre des Talmuds als Menschensatzungen für nicht verbindlich hält, so soll er nur mir nichts dir nichts von seiner Religion abfallen, soll vorläufig sich, taufen lassen, einstweilen ein falsches seinem Herzen fremdes Betenntniß ablcgen, bis der Tag anbricht und der Morgenstern ^ufgcht." Das rathet ein Christ, ein frommer Christ, ein Geistlicher. Wie, Herr Pfarrer! wenn dieser Morgenstern ihm einmal aufgcht? wie wenn cs ihm nun immer 'klarer wird, daß man die Lehren des Talmuds für eitle Menschensatzungen halten kann, ohne nicht mehr Jude sein zu wollen, oder zu sein? Was haben Sie denn mit seiner Taufe gewonnen? was hat er selbst auf ihrem Standpunkte erzielt? Ist er denn Christ für Sie, wenn er auch für uns aufhörte Jude zu sein? Glauben Sie wohl, daß er denn in seinem Herzen den Frieden finden, daß cs nicht mehr sich nagen und plagen werde? Muß er nicht sich als einen Heuchler verachten, als einen Meineidigen verabscheuen? Und warum rathen Sie das dem Juden? damit er der Bürgerrechte theilhaftig werde! Sie wollen also, der Jude soll des materiellen Vortheils halber ein falsches Vekcnntniß aussprechcn, zum Scheine die christliche Religion annchmen und halten das für keine Gotteslästerung, nicht für eine Entweihung Ihres Glaubens und der Ihnen heiligen Stätte? Aber noch eine Frage zu Ihren Fragen: „Was hindert ihn sich durch die Taufe der christlichen Kirche einverleibcn zu lass.n? welcher soll er sich einverleiben lassen? Sie scheinen ganz vergessen zu haben, daß eine christliche Kirche nur in der Idee, nicht aber in Wirklichkeit eristirt, da giebt es wohl eine katholische, eine protestantische, eine griechische, die sich wechselseitig für die christliche ausgeben und ausschließen, welche soll der Jude wählen?, oder ist das ganz einerlei, wenn er nur dadurch des Bürgerrechtes theilhaftig wird? So scheint wenigstens Ihre Meinung zu sein, denn aus einer Wahl aus Ucberzeugung und Gründen kann doch wohl keine Rede sein, wo das Grundprinzip noch geleugnet wird? Es sollte sonach der Jude in Rußland zur griechischen, in Oestereich und Rom zur katholischen, in Preußen und Schweden zur evangelischen Kirche übertreten und falls ihn sein Geschick die Heimath zu verlassen zwingt, so mag er nun in jedem Lande das alte Kleid ausziehen und rin neues anziehen. Das ist nach Ihrer Theorie wohl zulässig und sogar Pflicht, denn aus demselben Grunde er zur Taufe sich entschloß und nach Ihrem Rathschlage es soll, soll und muß er auch von einer Kirche zur andern übergehen. Hören wir jedoch nun auch das Alternativ: „Witt er aberJude bleiben, und nur Theil haben an den politischen Rechten und Wohlthaten christlicher Staaten, ohne die christliche Gesinnung ihrer Bürger (wie schlau hier ein ganz anderes Wort eingeschoben wird!) zu theileu;*) will er nicht aufhören, Christum als seinen Herrn und Messias zu verwerfen,**) und nur höchstens den Satzungen des Thalmuds entsagen, und durch Hinneigung zu dem gewöhnlichen Deismus ***) seine Freisinnigkeit und Tüchtigkeit zeigen, die ihn keinem Christen in politischer-tz) Hinsicht nach- *) Was nennen Sie denn wohl „christliche Gesinnung"? die moralische? Die will nicht nur, die muß jeder theilen, der Jude bleiben will. Ich will über die Benennung weiter nicht rechten, aber jedes Religionsbuch wird Sie, Herr Pfarrer, überzeugen, daß die Gesinnung, welche die jüdische Religion von ihren Bekennern fordert, in moralischer Hinsicht, um kein Jota der christlichen nachfteht. **) Ihnen ist al'0 der christliche Glaube die christliche Gesinnung, aber der fehlt ja auch denjenigen, die nach Ihrem Vorschläge sich taufen lassen, ohne Christen zu sein oder im Herzen zur christlichen Religion sich bekennen? ***) Welche Zusammenstellung l Den Menschensatzungen des Thalmuds entsagen und Hinneigung zu dem gewöhnlichen Deismus. Eben weil es im Thalmud nur Menschensatzungen sind, kann ich diesen recht wohl entsagen, ohne deßhalb denOffenbarungsglauben aufzugeben. Oder ist es denn schon so ganz entschieden, daß jeder Bibelglaubige auch Christus als Herrn und Messias anerkennen müsse? Ueberdieß sollte wirklich Hinneigung zum Deismus unwürdig der bürgerlichen Rechte machen? f) Das riecht stark nach politischer Verdächtigung, unwürdig eines Mannes, der von seiner Christusliebe so v:el zu reden hat. Ich möchte gerne Hrn. St. nur der Befangenheit beschul-