Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1847)
- Date
- 1847-12-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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300 tel der stimmberechtigten Gemeinde - Mitglieder für jede kirchliche Reform gewinnen?*) Hinc illae lacrimae! Denn davon hat die Regierung die Einführung derselben abhängig gemacht, und in Folge dessen ist an ein Hinausgehn den leidigen »Status qao vielleicht noch lange nicht zu dcnM: Trotz dem findet auch diese Verordnung der Regieru^sselbst an einigen unter denen, welche dem radicalen Fortschritt das Wort ^eden, ihre Vertheidiger, indem dieselbe behaupten, daß eine Reform, mit welcher sich nicht einmal drei Viertel der Mitglieder zünden erklären, keinen Halt und Boden in der Gemeinde haS^M s» mancherlei bedauerlichenZcrwürfniffen und Spaltungen Maß geben könne; es müsse daher vorher versucht werden, die genanntDahl dafür zu gewinnen. Wir können diesem „vorher" durchaus nicht bestimmen. Erst nachdem die Reform eingeführt und cs so der Oppositions- Partei möglich geworden ist, sich durch den Eindruck, welchen dieselbe auf sie hervorbringt, von deren Zweckmäßigkeit und heilsamen und wohlthuenden Folgen zu überzeugen, ist sie dafür zu gewinnen, nicht aber vorher. Nennet den Orthodoxen die unschuldigste Veränderung und fraget sie, ob sie damit zufrieden sind, — ihr bekommt sicherlich die Antwort: N*?, wir bleiben, wo und wie wir find!" Wären die Gemeinden vor fünf Jahren, als die Synagogenordnung eingeführt wurde, erst gefragt worden, ob sie dieselbe wünschen: wir hatten sie wahrlich! heute noch nicht, wenngleich sie fast den ganzen allen Gottesdienst beibehalten und vielleicht kein Verdienst weiter hat, als den Anstand, die Ruhe und Ordnung hergestellt zu haben. Bei ihrer Einführung fand sie in vielen Gemeinden Widerspruch; jetzt hingegen hat selbst der conservative Thell der Gemeinde — die wenigen Zeloten und Heuchler abgerechnet — sich mit ihr ausgesöhnt und würde um keinen Preis den alten Schlendrian wieder zurückwünschen; ebenso würde man sich an jede andere, vom Oberrathe eingeführte Cultus-Reform gewöhnen und sie nach und nach liebgewinnen. Aber durch jene Regierungs-Verordnung find dem Rabbiner und dem Oberrathe die Hände gebunden, und wenn wir nicht die Ueberzeugung hätten, daß es ersterem, bei feiner uns bekannten Energie und seinem redlichen und reinen Willen, trotz jener Verordnung gelingen wird, eine segensreiche Wirksamkeit zu entfalten, so würden wir den kirchlichen Verhältnissen ein sehr ungünstiges Prog- «osticon stellen müssen. In seiner Antrittsrede (über 3. B. M. , 1—4), welche sich über das vom isr. Volkslehrer der Gegen- *- *) Wo die Gesinnung dafür gereift ist, gewiß; und wo dieses nicht der Fall, ist ja die Reform nur eine von außen, oder oben gegebene, und darum auch keine berechtigte. Die Red. war» einzuschlagende Verfahren in der Anstrebung einer segensreichen Wirksamkeit verbreitet, und als den Gegenstand dieses StrebenS die religiöse und bürgerliche Veredlung der Juden, als das Mittel, das Wort und die That und als die Art und Weise die Besonnenheit und Kraft nennt, hat uns Herr Dr. Einhorn deutlich gesagt, was wir von ihm erwarten dürfen, und um auch die Leser Ihres Blattes nicht in Ungewißheit darüber zu lassen, erlaube ich mir, der genannten Predigt nur eine Stelle zu entnehmen: Der Rabbiner der Gegenwart wird erst dann auf eine segensreiche Wirksamkeit hoffen dürfen, wenn er danach strebt,, den religiösen Erfordernissen seiner Zeit Gehör und Geltung zu verschaffen, die ihrem innersten Wesen nach darin bestehn, den ewig lebendigen Geist des Zudenthums immer mehr aus seiner Umhül. lung hervortreten zu lassen, immer mehr von der Schale des Buchstabens und der Ceremonie loszulösen und so erst im eigentlichen Sinne offenbar zu machen. Stemmt er sich hingegen in arger Verkennung seines Berufes dem mächtigen religiösen Drängen u. Wogen der Zeit entgegen; muthet er gar dem gegen, wärtigen Geschlechte an, keine andere religiöse Bedürfnisse zu ha. den, als die überkommenen, wohl verbrieften und versiegelten, was ungefähr eben so viel hieße,^lses solle seinen Lebensodem aushauchen und den begieri^Machmen^.Mklchxu^Mgst.»Mgangene Geschlechter ausgehaucht Mbenverkennt'7eE^so lehrte unverwüstliche Gotteskraft des Iudenthums, dieses mächtigen Riesen, der auch dann noch in siegendem Triumpfe aufrecht stehen blieb, als Welten um ihn her in den Staub sanken, daß er fürchtet, es werde indem es rein gestoßen und geläutert werden sollte, zerstoßen und zermalmt werden, — was anders wird dann sein ^oos sein, als die faulen Früchte bald des Unglaubens, bald des Aberglaubens seiner wurmstichigen Aussaat entsprießen zu sehen und so Tod anstatt Leben zu ernten, als bitter klagend auf den Trümmern einer untergegangenen Zeit fitzen und nur in Grüften Heil und Trost suchen zu müssen, während rings umher ihm zum Hohne das frische junge Leben seine Triumpflieder anstimmt? Mit diesem Leben trete also der Wächter über Israels höchste Angelegenheilen in innigen Friedensbund; ihm schmiege er sich freundlich an, um seine innersten Regungen nicht mit der finsteren Miene eines Kerkermeisters, sondern mit der sorgfältigen Liebe eines Beschützers zu belauschen und zu überwachen, sein reines Verlangen zu befriedigen und sein unreines zu zähmen, auf daß es werde ein klar gestoßenes Oel zum Leuchten; willig scheide er das Verblichene aus dem Religionskörper aus; muthig bewältige er, einer höhern Pflicht gehorchend, den Schmerz, den das Herz bei der Bestattung eines Leichnames empfindet, welchem einst eine ihm theuere