Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Journal
- Der Israelit des neunzehnten Jahrhunderts
- Volume
- 8 (1847)
- Issue
- Heft 48 (28.11.1847)
- Date
- 1847-11-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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L8L und werden sie auch sobald noch nicht regieren; aber sie tragen bei, daß das fortrollende Rad der Geschichte sich dem praktischen Geiste der Juden und der theoretischen Wahrheit des Judenthums nähert. Man hat dem englischen Pulicistcn und Parlamentsmitglicde Israeli der Schwärmerei angeklagt, wenn er in seinem Koningsby Staatsmänner wie Nesselrode, Mennzabal u. s. w. als Juden bezeichnet. Sie sind es nicht und waren es nicht ihrem physischen Dasein nach, sie und noch viele andere, vom gedachten Schriftsteller nicht genannte Staatsmänner, Gelehrte und Privatleute find es aber allerdings, wenn man sie nach dem Geiste, der in ihnen wirkt, betrachtet. Zur Bewahrheitung meiner Behauptung, will ich nur ein Beispiel anführen. Seitdem Israel in der Zerstreuung seine Aufgabe erfüllt, hat es, bewußt oder unbewußt, diejenigen Grunrsätze immer praktisch ausgeführt, welche Volkswr'rthfchaftslehrer wie Smith und Say erst vor kurzem als Mittel die Nationalreichthümer zu vermehren, in der Wissenschaft aufgestellt. Der Handel, diese Krone aller Volkswirthschaft und das Zinsgeschäft, gewöhnlich Wucher genannt, kamen schon in die Hände der Juden im frühesten Mittelalter, wo die übrigen Volksklaffen noch in Kasten von einander abgeschlossen waren, und wo sie cs sein mußten, weil ihnen das vermittelnde Moment, der Handel und das Zinsgeschäft, welches gleichfalls ein Handel mit Geld ist, noch fehlte. Die Wissenschaft hat jetzt dargethan, und diese Wahrheit verbreitet sich jetzt immer mehr, daß der Handel nicht nur die Größe einer Nation ausmacht, sondern auch den Frieden erhält, die Völker verbrüdert, Cultur verbreitet und vor Allem den Menschen von seinem Kloben löst. Durch diese Einsicht sind jetzt auch viele Nichtjudcn Juden geworden. Ich will hiermit keincsweges den Bestrebungen derjenigen meiner Glaubcrisbrüder entgegentreten, welche Handwerk und Ackerbau unter Juden zu verbreiten streben, indem auch diese, wenn zwar nicht in gleich hohem Grade zur Vermehrung der National-Reichthümer und der Macht beitragen; aber dies mag hier gesagt sein, daß man diesen Bestrebungen nicht allzuviel Raum vergönne, und dies aus leicht errathbaren Gründen. Doch ich habe meine Worte, den ihnen zugemessenen Raum schon überschreiten lassen, weßwegen ich nur noch hier einige Vorkommenheiten hervorhcben will, welche sich soeben unter uns ereignet, mir vorbchaltend, einmal später die falschen Vorstellungen zu beleuchten, die Regierungen sowohl, wie aufgeklärte Juden selbst, von dem Kleinhandel, dem Wuchergeschäfte und dem Handelsgeiste der Israeliten hegen, und daher selbige mit Unrecht und zum Nachtheile der ganzen Nation zu verdrängen suchen; ich werde so den Muth haben, einem Vorurtheile entgegenzutreten, und wenn es auch die ganze gebildete Menschheit umstrickt. In dies Blatt gehören aber diese Betrachtungen, da sie die Juden betreffen. — In Betreff der jüdischen Vorkommenheiten haben wir noch in aller Kürze aphoristisch zu erwähnen, daß die Bildung sämmtlicher Synagogengemeinden in der ganzen Monarchie zu gleicher Zeit stattfinden wird, doch steht diese neue politische Organisation der Juden schon nahe bevor. Vorbereitungen dazu werden namentlich in Sachsen und Schlesien schon längst getroffen. In der hiesigen Gemeinde dürften leicht 2 Synagogengemeinden entstehen, eine reformirte und eine altgläubige. Beide Parteien sind auch jetzt schon bemüht, einer Trennung dadurch vorzubeugen, daß eine jede für sich die Majorität zu gewinnen sucht, obgleich gerade hiedurch die Spaltung um so eher zum Ausbruche kömmt, da eine jede auf diese Weise leicht sich in ihren Rechten verkürzt glauben dürfte. Jedenfalls wird die Trennung aber blos eine religiöse, d. h. gottesdienstliche sein, während in jüdisch-socialer Hinsicht, wie in Betreff der Wohlthätigkeitsanstalten, des Begräbnißplatzes u. s. w. die frühere wohlbekannte jüdische Einheit erhalten werden soll und muß. Die Protocolle der soeben hier abgehaltenen Synode der Rcformsreunde werden, wie wir soeben erfahren, nicht veröffentlicht werden; aber wohl sollten die Beschlüsse der Publicität übergeben werden. Verschiedenes aus Würtemberg. (Vom Neckar im Nov.) — In diesem Monate hoffte ich Ihnen über die Debatten unserer würtemberzischcm Rabbinerversammlung referiren zu können; sie ist aber wieder hinausgeschoben worden. Kirchenrath Maier hat in einem zweiten Umlaufschreiben mit Abwesenheit von Hause, hcrbeigeführt durch eine längere Reise in Familienangelegenheiten, sich entschuldigt, und weil jetzt die Witterung dem Reisen ungünstig werde, die projektirte R.-V. auf den Frühling verschoben. Der Ort der Zusammenkunft wird Hebenhausen bei Göppingen sein, also ziemlich in der Mitte Würtembergs gelegen. Sä'mmtliche Rabbiner haben sich der R.-V. angeschloffen, die Majorität ohne, die Minorität mit Clausel. Jeder Rabbiner wird die Laien seines Bezirks die für diese Synode sich interessiren zur aktiven Theilnahme an derselben einladen. Somit hätte die wiirtembergische R.-V. die Barrikade verschmäht, die die Versammlung deutscher Rabbinen an sich zu ziehen für nöthig gefunden hat. Nur so, durch Herbeiziehung von Laien bei Erörterung religiöser Zeitfragen, wird es sich Herausstellen, daß der Kern des